Dienstag, 03. November 2015, 19:20 Uhr

Guido Maria Kretschmer im Interview: Werde wohl immer ein Grenzgänger bleiben

Ausnahmsweise kein neues Gesangsgenie, sondern ein Schneidertalent wird gesucht: Wer sich für Textilien interessiert, ist bei Guido Maria Kretschmers neuer Show “Geschickt eingefädelt” gut aufgehoben.

Guido Maria Kretschmer im Interview: Werde wohl immer ein Grenzgänger bleiben

Der 50-jährige, vom Privatsender Vox inzwischen zu einem kleinen Modepapst aufgebaut, bringt ein neues TV-Format ins Fernsehen: Eine Näh-Castingshow! Start ist heute um 20.15 Uhr. So etwas hat es im deutschen Fernsehen tatsächlich noch nicht gegeben. Vermutlich war allen anderen Sendern das Risiko des Scheiterns zu hoch. Der zuständige Vox-Redaktionsleiter, Jan Biekehör, hat das TV-Format mit acht Kandidaten, die um die Wette schneidern und nähen, aus England nach Deutschland geholt. “Seit 2013 zeigt die BBC, dass Fernsehen und Nähen gut zusammenpassen”, sagt Biekehör. “Die Sendung ist liebevoll, urban und cool gemacht. So etwas kann auch in Deutschland funktionieren.”

500 Kandidaten haben sich beworben, in der Mehrzahl Frauen. Zum Kandidatenkreis der letzten acht gehören drei Männer – immerhin. Die Jury mit Kretschmer sowie Inge Szoltysik-Sparrer (Foto rechts), der Bundesvorsitzenden des Maßschneiderhandwerks, und der Designerin Anke Müller (Foto links) wählt nachher die beste Schneiderin oder den besten Schneider aus.

“Die Sendung ist wie für mich gemacht”, sagt Modedesigner Guido Maria Kretschmer (50) über “Geschickt eingefädelt”. Kretschmer hat ein klares Bild von seiner Aufgabe in der Jury: “Ich habe für manche Kandidaten gekämpft, die sonst vielleicht früher hätten gehen müssen”, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Guido Maria Kretschmer

Ihr neues Format hat ja ein britisches Vorbild, die BBC-Sendung “The Great British Sewing Bee”…
…ich kannte “The Great British Sewing Bee”. Ich habe das gesehen und war vom ersten Moment an total begeistert. Ich fand das ganz toll, dass für den Sender direkt klar war, dass ich das machen soll. Und es war mein großes Glück, dass sie mit der Produktion gewartet haben, bis es zeitlich bei mir passte. Vox wusste auch, dass die Sendung wie für mich gemacht ist – das hat mich total gefreut. Und hier dabei zu sein, ist an jedem Drehtag ein großes Vergnügen.

Warum steht Do-it-yourself so hoch im Kurs?
Das erinnert mich an meine eigene Geschichte. Denn auch ich bin als Hobbyschneider geboren. Jeder ist erstmal Hobbyschneider, und irgendwann werde ich es vielleicht auch wieder sein. Diese Liebe zum Textil verbindet mich einfach mit den Menschen, die hier sind. Das ist etwas, das immer Applaus bekommt, auch wenn man es nicht immer gelungen ist. Das ist ja das Schöne, wenn man etwas näht, dann sagen immer alle: Das ist niedlich. Wenn Du aber etwas kaufst, das nicht sitzt, sagen alle: Guck mal, schön ist anders. Dieses Gefühl, etwas für andere zu machen, an sie zu denken, während man für sie etwas näht für die Kinder, für die beste Freundin, vielleicht einen Kissenbezug oder Deckchen für Freunde, die Kinder bekommen. Das ist einfach niedlich und kreativ, frei zu sein.

Was sind Ihre Kandidaten so für Menschen?
Die Kandidaten sind alle Individualisten, die keine Profis sind, die eine ganz eigene Herangehensweise haben, mit Stoff zu arbeiten. Jeden Tag bin ich überrascht, und jeden Tag lerne ich auch selbst viel. Man kann Sachen so unkonventionell lösen. Man kann später begeistert sein, auch wenn es nicht so toll geworden ist. So dass auch ich davon begeistert bin.

Guido Maria Kretschmer im Interview: Werde wohl immer ein Grenzgänger bleiben

Was ist Ihre Rolle in der Jury?
Meine Mitjurorinnen kommen aus einer anderen Welt. Sie sind manchmal auch etwas strenger als ich. Ich werde wohl immer ein Grenzgänger bleiben, weil ich mich so begeistern kann für Menschen. Auch wenn einer noch so schlecht näht, wenn da am Ende etwas Gescheites herauskommt, sehe ich auch mal über eine schiefe Naht hinweg. Ich habe für manche Kandidaten gekämpft, die sonst vielleicht früher hätten gehen müssen. Aber ich habe mein Veto eingelegt, weil ich sie so toll finde. Aber es ist auch gut, dass meine Mitjurorinnen dann bei der Naht und beim Design noch mal ganz genau hinschauen.

Was war das Erste, das Sie genäht haben?
Eine mintgrüne Weste mit einem komischen Muster, muss ich zugeben. Mit braun eingefassten Paspeln. Das war schon nicht unkompliziert. Und die hat meine Mutter stolz auf dem Schützenfest getragen. Ich glaube, sie hat es irgendwann ganz dezent entsorgt, aber ich habe es für sie genäht. Nachher wurde es besser, da kamen die ersten Aufträge. Erstaunlicherweise war ich immer schon relativ geschäftstüchtig, auch als Kind. Meine Schwester war ein guter Promoter. Weil die Leute mich so mochten, war auch immer klar: Der Guido kann das. Ständig klingelte es, und die Leute brachten etwas zum Ändern. Irgendwann bekam ich das Gartenhaus als Guidos Nähstube. Dann saß ich da mit den Frauen, hab viel geändert, Karnevalskostüme genäht, irgendwann auch die ersten Röcke. Da war ich sozusagen schon ein kleines Unternehmen.

ZUR PERSON: Mehr als 500 000 Zuschauer schalten nachmittags ein, wenn Guido Maria Kretschmer die «Shopping Quuen» sucht. Das Konzept: Eine Teilnehmerin bekommt 500 Euro Budget, um in kurzer Zeit einen vorgegebenen Look zusammenzustellen. Und Kretschmer kommentiert das Ganze mit sanften Lästereien aus dem Off. Aber Kretschmer ist keine halbseidene TV-Figur. Der Designer ist mit seiner Mode-Linie seit Jahren erfolgreich. Die Karriere des Münsterländers hat einst mit einem Verkaufsstand auf Ibiza begonnen.

Fotos: VOX/Andreas Friese