Montag, 09. November 2015, 21:37 Uhr

Interview: Mötley Crüe über das Ende und die Punkte auf dem Namen

Nach 35 Jahren Band-Geschichte, 80 Millionen verkauften Tonträgern, zahlreichen Rock’n’Roll-Skandalen und Hits wie „Girls, Girls, Girls“ und „Dr. Feelgood“ machen Mötley Crüe Schluss. Schock-Rocker Alice Cooper begleitet sie derzeit auf ihrer finalen Deutschland-Tour, die die Glamrocker diese Woche noch nach München (13.11.) und Düsseldorf (14.11.) führen wird.

Interview: Mötley Crüe über das Ende und die Punkte auf dem Namen

„Manchmal war es ein bisschen wie auf einer Beerdigung“, sagte Tommy Lee, Drummer und Ex von Pamela Anderson, kürzlich der Deutschen Presse-Agentur über den bisherigen Tourverlauf. Ihre allerletzte Show wollen Mötley Crüe am Silvesterabend in ihrer Heimatstadt Los Angeles feiern – toupierte Mähnen, Spandex, Lederhosen und reichlich Pyrotechnik inklusive. klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers sprach mit Gründungsmitglied und Bassist Nikki Sixx (56) und Sänger Vince Neil (54, siehe Foto oben) in London.

Ihr tourt ja jetzt schon eine ganze Weile durch die Welt. Wie emotional ist die finale Mötley-Crüe-Tour?
Nikki Sixx: Oh ja, wir waren wirklich schon überall. In Neuseeland, Australien, Japan, Schweden…
Vince Neil: Aber noch haben wir keine Tränen in den Augen. Man versucht eher, das meiste aus jeder Nacht mitzunehmen. Aber wenn man die letzte Show in Tokio oder in Sydney spielt, dann kommt man schon ins Grübeln, dass es das jetzt war. Und die allerletzte Woche der Tour, die wird wirklich hart sein.
Nikki Sixx: Und da sind wir dann noch ausgerechnet in Los Angeles, unserer Heimatstadt und dem Gründungsort von Mötley Crüe. Wir müssen ziemliche Masochisten sein, das so gelegt zu haben. Damit stellen wir unser emotionales Gerüst wirklich hart auf die Probe.

Der letzte Song eurer Setlist ist fast jeden Abend „Home Sweet Home“.
Nikki Sixx: Ja, der ist echt emotional, den müssen wir am letzten Abend echt weglassen, befürchte ich. Wir enden dann besser mit „Live Wire“ und kommen einfach nicht wieder. Wir können „Home Sweet Home“ dann ja über die Boxen einspielen, das ist gut genug. Das machen wir auch schon mit „Bad Things Have To End“ so.

Welcher Song definiert für euch Mötley Crüe?
Nikki Sixx: Ich finde wirklich das ist „Live Wire“.
Vince Neil: Das wollte ich auch gerade sagen. Denn für mich ist das der erste Song, den wir überhaupt zusammen gespielt haben. Das war der Moment, wo wir wussten, dass wir etwas haben, um uns wirklich eine Band nennen zu können.
Nikki Sixx: Ich erinnere mich sogar an die Proben, als wir den das erste Mal spielten. Und wir alle guckten uns an und fragten uns: „Was zum Teufel ist das?“ Das war ein toller Moment. Vermutlich sogar einer der großartigsten Momente meines Lebens. Natürlich weiß ich das erst heute. Damals hatte ich ja keine Ahnung, wohin das alles führen würde.

Ihr habt auf der Bühne so eine Art Achterbahn, die für die Höhen und Tiefen steht, durch die Mötley Crüe gegangen sind. Habt ihr jeweils ein Beispiel für jene Höhen und Tiefen?
Vince Neil: Für mich war der Höhepunkt unser Auftritt beim US-Festival im Jahr 1983, als wir die noch unbekannten Songs vom Album „Shout At The Devil“ vor 360.000 Leuten spielten. Man guckte von der Bühne auf die Massen runter, und die Leute sangen unsere Songs, obwohl sie sie nicht mal kannten. Bei dem Festival teilten wir die Bühne mit unseren Idolen wie Van Halen, Ozzy Osbourne und den Scorpions. Das war sehr cool.
Nikki Sixx: Mein Tiefpunkt war der Burnout, den wir als Band Anfang der Neunziger hatten. Wir begannen, Familien zu haben, waren aber konstant auf Tour. Es war wichtig, eine Pause zu machen, aber die Band hat die Phase fast zerrissen.
Vince Neil: Es führte zu meinem vorrübergehenden Ausstieg. Ich mache das Management dafür verantwortlich, das uns einfach mal hätte sagen müssen, ein paar Tage frei zu nehmen.
Nikki Sixx: Sowieso hat uns damals eine Person gefehlt, die uns ehrlich sagt, dass wir den Kopf verlieren und nicht mehr zurechnungsfähig sind.

Die absurdeste Sache, die man in eurer faszinierenden Biografie lesen kann ist, dass du, Nikki, einen Doppelgänger hattest, der behauptete, die Songs geschrieben zu haben.
Nikki Sixx: Ja, der Typ hat mich sogar verklagt. Er wollte nicht mal in der Band sein, er wollte nur einen Songwriter-Credit für unseren Hit „Girls, Girls, Girls“. Ich habe gehört, er hat sich mittlerweile umgebracht. Ich weine jetzt aber nicht. Die Geschichte war jedenfalls so seltsam, dass die Leute glauben mussten, dass wir das erfunden hatten. Wie so einiges anderes in unserer Bandgeschichte.

Interview: Mötley Crüe über das Ende und die Punkte auf dem Namen

Wie froh seid ihr, dass ihr heute überhaupt noch am Leben seid?
Nikki Sixx: Mich haben sie vor 28 Jahren nach heftigstem Drogenkonsum für tot erklärt. Ich denke, wir waren damals darauf vorbereitet, an unserem Lifestyle zu Grunde zu gehen. Ich bedaure die Zeit auch nicht. Aber natürlich bin ich sehr froh, heute noch hier zu sein.

Bleiben Mötley Crüe eher für ihren Lifestyle im Gedächtnis oder für die Musik?
Vince Neil: Eindeutig die Musik!
Nikki Sixx: Oh ja. Zu 100 Prozent. Der Lifestyle ist nicht greifbar. Aber wenn die Leute später einen Song von uns hören, erinnern sie sich und sagen vielleicht: „Oh, der Text hat mich damals schon berührt.“ Den Lifestyle kann man ja nicht hören.
Vince Neil: Wir hören ja jetzt schon immer Dinge wie „Mit euch hab ich’s durch meine Scheidung geschafft“. Oder: „Da war so viel Schmerz, ich hätte mir am liebsten einen Strick genommen, aber der Song hat mein Leben gerettet.“ Es ist wirklich cool, wenn man an all die Leben und Menschen denkt, die wir mit unserer Musik erreicht haben.

Habt ihr jemals eine Frau gedatet, die nicht schön und sexy war?
Nikki Sixx: Du meinst eine Frau, die kein „hot chick“ ist? Ich habe Vince schon mit Vogelscheuchen ausgehen sehen. Und Tommy und Mick auch. Aber ich selbst hatte nur heiße Teile. (lautes Lachen)

Gegen euch sind die heutigen Rockbands wie Priester!
Nikki Sixx: Ich glaube, dass irgendwann wieder eine Welle von rebellischen Rockbands kommen wird. Es ist niemals vorbei mit dem Rock’n’Roll. Vielleicht toppen sie uns in Sachen Lifestyle nicht, aber da wird frisches, junges Blut sein. Check die Band The Struts aus, die machen mir Hoffnung, weil sie so authentisch sind.

Dire Straits haben mal einen Song über Mötley Crüe geschrieben.
Nikki Sixx: Wer bitte? Achso, die. Ja, ja, stimmt. „Money For Nothing“ handelt angeblich von uns. Aber diese Typen haben uns Schwuchteln genannt, weil wir so aussehen wie wir aussehen. Und der Song wurde trotzdem zum großen Hit, könntest du dir das im Jahr 2015 vorstellen? Wenn man solche Wörter heute in den Mund nehmen würde, wäre das der garantierte Karriere-Selbstmord. Aber nun gut, der Song ist 30 Jahre alt.

Als Deutsche muss ich euch nach den Umlauten im Bandnamen fragen, die von „Löwenbräu“ inspiriert wurden. Habt ihr von denen Freibier bekommen?
Vince Neil: Nein, nie! Aber ich habe damals tatsächlich das Bier von „Löwenbräu“ getrunken und schlug vor, die Punkte in unserem Bandnamen anzubringen. Das macht uns international, dachten wir. Wir hatten damals noch nicht einmal Los Angeles verlassen. Und wir hatten keine Ahnung, dass die Umlaute die Betonung ändern würde. Das haben wir erst später gemerkt, als wir nach Deutschland kamen.
Nikki Sixx: Die Deutschen sprachen unseren Namen in der Tat so anders aus, dass wir uns nur immer fragten: „Was stimmt nicht mit diesen Leuten?“ Als wir anfingen unsere ersten Poster zu entwerfen, fragten uns die Layouter immer: „Woher sollen wir denn die Punkte nehmen?“ Ich war der Booker der Band damals, daran hatten wir nicht gedacht.

Aber danke, dass ihr unsere Umlaute cool gemacht habt!
Nikki Sixx: Ich finde, die Punkte sind sehr sexy. Sie sind wie Brüste! (lacht)

Warum hört ihr ausgerechnet jetzt auf?
Nikki Sixx: Wir sind noch keine alten Säcke, aber wir sind auch wesentlich energetischer als gewöhnliche Bands – und so sollen uns die Leute in Erinnerung behalten. Bei uns auf der Bühne geht es fast zu wie im Kriegsgebiet! Und man muss realistisch sein: Es liegen mittlerweile mehr Jahre hinter uns als vor uns. Vince hat auch noch einiges anderes vor. Wir sind jetzt in unseren Fünfzigern. Wer weiß, wie viel Zeit uns für andere Pläne noch bleibt. Außerdem haben wir mit Mötley Crüe all das gemacht, was wir uns als Ziel gesetzt hatten. Unsere Mission ist jetzt fast erfüllt.

Stimmt es, dass jeder von euch eine Vereinbarung unterschrieben hat, dass ihr den Namen Mötley Crüe nie wieder benutzen werdet?
Nikki Sixx: Das stimmt, denn wir meinen das ernst mit dem Schlussmachen. Wir wollen das Erbe der Band nicht in den Dreck ziehen. Das ist wichtiger als alles andere.
Vince Neil: Wir sind die einzige Band, die den Tag, der ihr letzter sein wird, genau benennt, und dabei bleibt es. Wir werden nicht zwei Jahre später eine Reunion-Tour ankündigen oder die nächste Farewell-Tour.
Nikki Sixx: So ein Ende ist auf gewisse Weise auch romantisch.

Im Januar kommt noch ein Film über Mötley Crüe heraus, der auf dem Buch über die Band basiert. Was ist eure Lieblingsszene?
Vince Neil: Das kann man so nicht sagen. Die ersten zehn Bandjahre alleine hätten den ganzen Film füllen können!
Nikki Sixx: Es ist die emotionale Story der vier Typen, die aus dem Nichts kamen, als Gang die Welt bezwangen und zu einer der größten Rockbands überhaupt wurden. Es ist eine Story des Überlebens, im Bezug auf uns als Menschen, aber auch im Bandkollektiv. Der Film ist sehr inspirierend.

Derzeit seid ihr auf Tour. Wie wild geht es da heute noch Backstage zu?
Nikki Sixx: Auf der Bühne immer noch verdammt wild!
Vince Neil: Wir spielen ja jede Nacht. Wir können also nicht jeden Abend Backstage eine gigantische Party haben.
Nikki Sixx: Wir sind vor 1 Uhr morgens auch gar nicht im Hotel, weil wir so lange spielen. Es würde auch recht lächerlich aussehen, wenn Männer in ihren Fünfzigern ständig auf Koks sind und von Stripperinnen umgeben. Wir sind heutzutage Eltern, haben solide Partnerschaften oder sind verheiratet. Da ist das was anderes. Es wäre dämlich, wenn wir so täten, als wären wir immer noch die wilden Typen aus den Achtzigern.

Mötley Crüe „Final Tour“ mit Alice Cooper:
13.11. München, Zenith, die Kulturhalle
14.11. Düsseldorf, ISS Dome

Fotos: WENN.com