Dienstag, 10. November 2015, 19:56 Uhr

"Club der roten Bänder": Das hier ist der Mann, der das alles durchmachte

Die neue VOX-Serie „Club der roten Bänder“ erweist sich vom Start weg als Quotenhit. Sie basiert auf den Erlebnissen des katalanischen Autors, Schauspielers und Regisseurs  Albert Espinosa.

"Club der roten Bänder": Das hier ist der Mann, der das alles durchmachte

In seinem 2008 veröffentlichten Roman „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ beschreibt  er seine Jugend, die vom Kampf gegen den Krebs geprägt war. Über zehn Jahre verbrachte Espinosa immer wieder im Krankenhaus – doch er besiegte die Krankheit mit Hilfe seiner Freunde und unbändiger Lebenslust.

Mit VOX sprach er über seine Geschichte.

In Ihrem Buch „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“, im Spanischen „El mundo amarillo“, gehen Sie auf sehr persönliche Erlebnisse Ihres Lebens ein…
„Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ handelt vor allem davon zu verstehen, dass jeder Verlust auch ein Gewinn ist. Ich spreche über mein Leben, in dem ich gelernt habe, gegen den Krebs zu kämpfen. Es ist nicht traurig zu sterben, sondern traurig nicht intensiv zu leben – darüber schreibe ich in meinem Buch und darum geht es auch in der katalanischen Serie „Pulseres vermelles“, der Vorlage für „Club der roten Bänder“.

Sie haben es geschafft eine sehr langwierige Krankheit zu überwinden. In „Glücksgeheimnisse aus der gelben Welt“ schreiben Sie: „Ich war glücklich mit dem Krebs. Diese Zeit gehört zu den schönsten meines Lebens“. Was hat Ihnen den Mut gegeben weiter zu kämpfen, obwohl die Ärzte Ihnen nur eine drei prozentige Überlebenschance in Aussicht gestellt haben?
Ich habe das Gefühl, dass Verluste immer Gewinne sind: Als ich mein Bein verloren habe, habe ich einen Stumpf dazugewonnen. Ich habe eine Lunge verloren und ich habe gelernt, dass man mit einer Hälfte trotzdem weiterleben kann. Meine Leber hat man mir sternförmig operiert, sodass ich mir dann immer vorgestellt habe, dass ich einen Sheriff in mir trage. Es ist die Fröhlichkeit, die aus dem entsteht, was ich erlebt habe, durch meine Freunde und die Menschen, die mir täglich begegnen.

"Club der roten Bänder": Das hier ist der Mann, der das alles durchmachte

Für gewöhnlich lebt jeder ein Leben. Sie sagen, dass Sie 4,7 Leben leben – was genau bedeutet das?
Das ist einer der wichtigsten Pakte, die ich geschlossen habe. Als ich 14 Jahre alt war, sind viele Kinder um mich herum gestorben und wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollten. Ein Arzt sagte zu uns, dass wir die Leben unter uns aufteilen könnten und zu unseren dazu zählen sollten. In zehn Jahren der Krankheit sind 3,7 Leben zu meinem Leben dazugekommen, inklusive meinem lebe ich also 4,7 Leben. Ich habe das Gefühl, dass ich die Sehnsüchte, die Wünsche und die Träume dieser 3,7 Menschen leben muss. Durch die Serie sollen die Leute verstehen, dass wir Kinder mit Krebs waren, aber nicht aufgehört haben zu leben, uns zu verlieben, glücklich zu sein. Es ist wichtig, das den Menschen zu erklären, weil sie oft denken: Kinder mit Krebs sind immer nur traurig. Aber so war es nicht, ich war glücklich. Ich weiß, dass viele Krebspatienten Schmerzen haben, aber nicht alle. Das Bild des Schmerzes wollte ich darum in der Serie auslassen und stattdessen die Freude zeigen.

Mehr: Traumquoten für „Club der roten Bänder“ – Zuschauer und Presse jubeln

Inwieweit stimmt die Geschichte des Buchs mit Ihren Erlebnissen überein?
Als ich das Drehbuch für die Serie geschrieben habe, habe ich versucht, in jeden Charakter der Serie vier oder fünf Kinder, die ich kannte, einzubringen. Die einzelnen Personen sind also ausgedacht, aber keine Fiktion. Für mich war das Allerwichtigste, die Realität zu zeigen. Wie man sich vorstellen kann, ist es sehr schwierig über einen bestimmten Freund zu sprechen, deswegen habe ich es vorgezogen, mehrere in einer Person zu vermischen.

Wie fühlt es sich für Sie an, Ihre ganz persönlichen Erlebnisse mit so vielen Menschen zu teilen?
Um solch eine Geschichte zu schreiben, muss man sie bereits verarbeitet haben. Ich habe das Gefühl, dass sich das Leben von vielen Menschen und Kindern verbessert, wenn man diese Geschichte erzählt. In Italien hat ein Kind zu mir gesagt, dass seine Helden keine roten Umhänge tragen, sondern rote Bänder. In Spanien haben sich die Besuche auf den Kinderstationen sogar um 40 Prozent erhöht. Das Schönste ist, dass Charaktere wie Leo oder Jonas zu Helden für die Menschen geworden sind. Die Charaktere in der Serie sind nicht übermäßig hübsch, sie sind nicht perfekt – ihnen fehlt teilweise ein Arm oder ein Bein oder es fehlen die Haare. Aber die Menschen lieben diese Figuren aufgrund ihrer Lebensfreude.


Haben Sie noch das rote Band von Ihrer ersten Operation?
Ich habe das erste Band behalten, von der Operation, bei der mir das Bein abgenommen wurde. Es symbolisiert alles, was ich erlebt habe. Das Band ist alles, was ich bin. Steven Spielberg wollte mir das Band abkaufen. Ich habe ihm aber gesagt, dass es unverkäuflich ist. Ich bin glücklich, dass ich, als ich damals die anderen 13 weggeworfen habe, dieses eine Band behalten habe.

Was macht die Serie „Pulseres vermelles“ so einzigartig?
Es gibt einige Serien, die aus Sicht der Erwachsenen erzählt werden bzw. aus Sicht der Ärzte. Bisher gibt es keine Serie, die die Sicht der Patienten beschreibt. Der Patient ist immer nur „der Fall“, der in der Serie geklärt werden muss. Es geht aber nie wirklich um deren Leben. Zwei Sachen machen „Pulseres vermelles“ einzigartig: Die Erzählung aus der Sicht der Patienten und die Stimme aus dem Off von einem Kind, das im Koma liegt. Hugo erzählt uns die Geschichte, obwohl er jemand ist, von dem die anderen glauben, er wäre nicht wirklich da. Hinzu kommt aber natürlich auch der Fakt, dass die Serie auf einer wahren Geschichte basiert.

Welche Herausforderungen gab es beim Dreh der Serie?
Das Schwierigste war das richtige Casting – Jugendliche zu finden, die reif sind, die verstehen, dass sie eine Geschichte spielen, die sehr realistisch ist. Man muss Respekt haben vor den Menschen die gegen den Krebs kämpfen. Wir mussten also Schauspieler finden, die zwar noch sehr jung sind, aber genau das verstehen. Es ist eine Serie, die immer versucht, eine Folge mit einem Lächeln zu beenden. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich der Adaption von VOX auch sehr nah, weil das deutsche Team die Serie perfekt verstanden hat. Ich glaube, deswegen könnte die deutsche auch meine Lieblingsadaption werden.

Nicht nur Ihre Bücher, sondern auch „Pulseres vermelles“ ist von großem Erfolg gekrönt. Wie fühlt sich das für Sie an?
Ich habe das Glück, dass ich ca. 10.000 Mails am Tag bekomme. Die Menschen erzählen mir, dass ihnen die Serie oder auch die Bücher sehr geholfen haben. Mich macht es stolz, dass ich meine Erfahrungen in etwas verwandeln konnte, dass den Menschen im Krankenhaus hilft. Das ist wundervoll! Hier in Deutschland haben es die Drehbuchautoren und die Regisseure geschafft, auch neue Dinge zu erzählen. Zum Beispiel zeigen sie den Motorradunfall von Toni. Das war ein Traum für mich, denn im Original habe ich das so geschrieben, aber wir hatten bei der Produktion in Spanien nicht genug Geld, um es zu drehen.

Fotos: VOX/Martin Rottenkolber