Montag, 16. November 2015, 15:37 Uhr

Wirbel um den ersten schwulen Tatort-Kommissar gestern Abend? Nö

Was bedeutet es, wenn in Deutschlands beliebtester Fernsehreihe ein Mann einen anderen Mann mit nach Hause nimmt und die Nacht mit ihm verbringt? Der verantwortliche Sender meint: nichts.

Wirbel um den ersten schwulen Tatort-Kommissar gestern Abend? Nö

Die Sensation fand nach etwas mehr als 70 von 90 Minuten statt. Oder ist das alles nicht der Rede wert? 9,71 Millionen Fernsehzuschauer haben am Sonntagabend im Berlin-‘Tatort’ im Ersten gesehen, wie sich Ermittler Robert Karow (gespielt von Mark Waschke) beim Ausgehen anmachen lässt und einen Mann mit zu sich nimmt. Zwar gibt es keinen Sex zu sehen, aber filmsprachlich die Zigarette danach am frühen Morgen auf dem Balkon. Ist das jetzt der von Kollegen und manchen Krimifans lange erwartete erste schwule ‘Tatort’-Kommissar?

“Es gibt keine Antwort auf diese Frage”, sagt die beim RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) verantwortliche «Tatort»-Redakteurin Josephine Schröder-Zebralla auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. “Robert Karow ist flirrend und rätselhaft, und so bleibt auch die Frage nach seiner sexuellen Ausrichtung ein Geheimnis.” Im aktuellen TV-Fall ‘Ätzend’ sähen die Zuschauer zwar, wie Karow einen Mann aus einer Bar mit in seine Wohnung nehme. “Aber sie erfahren auch, dass Karow ein Verhältnis mit der Frau seines früheren Partners Maihack hatte. Robert Karow lässt sich in keine Schublade stecken. Wem sein Herz gehört, wird sich herausstellen”, sagt Schröder-Zebralla mit Blick auf die kommenden Berlin-Krimis mit Meret Becker und Waschke, der im wirklichen Leben verheiratet ist und eine Tochter hat.

François Werner von der Experten-Seite ‘Tatort-Fundus.de’ meint: “Auch wenn die sexuelle Orientierung der Ermittler nicht wichtig für den Kriminalfall in einer ‘Tatort’-Folge ist, finde ich es gut, dass es diesen neuen Farbtupfer bei den derzeit aktiven Ermittlerfiguren gibt.” Schon Götz George habe 1991 in einem ‘Spiegel’-Interview gesagt, dass sein Schimanski ruhig hätte schwul werden können im Verlauf der vielen Fälle, um Abwechslung in den ‘Tatort’ zu bringen. Experte Werner meint: “Jetzt ist ein Sender diesem Ruf gefolgt – ohne Not zwar, aber doch auch der deutschen Lebenswirklichkeit folgend.”

Erst vor einigen Monaten, als in einem Münster-‘Tatort’ die beiden Ermittler vorgaukelten, ein schwules Pärchen zu sein, sprachen sich Beteiligte der Krimireihe – darunter die Münster-Stars Axel Prahl und Jan Josef Liefers – für einen schwulen Ermittler aus. Der Schweizer Stefan Gubser (Luzern) sagte der ‘Neuen Osnabrücker Zeitung’ (NOZ) damals: “Ein schwuler Kommissar würde dem ‘Tatort’ sicherlich eine neue Farbe verleihen, und das kann nie schaden.”

Wirbel um den ersten schwulen Tatort-Kommissar gestern Abend? Nö

Anfang des Jahres sagte Kommissar-Darsteller Oliver Mommsen (Bremen) der ‘Westdeutschen Allgemeinen’ (WAZ) zu seiner TV-Figur: “Ich glaube, Stedefreund könnte man entdecken lassen, dass er eher auf Männer steht.” Im Jahr 2001 küsste auch mal Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) im Krimi ‘Fette Krieger’ eine andere Frau. Doch sonst? Bisher gibt es als homosexuelle ‘Tatort’-Ermittler nur Liz Ritschard (gespielt von Delia Mayer) in Luzern sowie Andeutungen beim neuen Kölner Assistenten Tobias Reisser (Patrick Abozen). In der ‘Tatort’-Schwesterreihe ‘Polizeiruf 110’ verabschiedete sich immerhin Kommissar Jochen Drexler (Sylvester Groth) vor kurzem in seiner letzten Folge mit einem Coming-out. Sein Liebhaber starb.

In Amerikas Mainstream-Serien scheint die Option gleichgeschlechtlich liebender Charaktere selbstverständlicher zu sein (Beispiel: ‘Modern Family’) als in Deutschland. Auch politisch sind die USA inzwischen auf einem anderen Level als die Bundesrepublik. Die Ehe steht dort auch Homo-Paaren offen, während es in Deutschland nur eine eheähnliche Sonderinstitution mit Abstrichen gibt.

Wirbel um den ersten schwulen Tatort-Kommissar gestern Abend? Nö

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Schwule Serienfiguren sind in Deutschland keine Neuheit (‘Lindenstraße’, ‘Verbotene Liebe’, ‘Gute Zeiten, schlechte Zeiten’). Auch in den Krimiserien «SK Kölsch» (mit Christian Maria Goebel) und ‘Mit Herz und Handschellen’ (mit Henning Baum) bei Sat.1 kamen sie schon vor vielen Jahren vor.

Doch im ARD-‘Tatort’ – sozusagen der Nationalmannschaft unter den Fernsehformaten – bleibt die schwule Seite einer Hauptfigur vorerst noch ein “Geheimnis”. Lächerlich.

Die ‘Bild am Sonntag’ zitierte Drehbuchautor Stephan Wagner: “Ich finde, seine Sexualität ist im 21. Jahrhundert in einer Stadt wie Berlin wohl nicht selten.” Der Kommissar habe das Recht, seine Sexualität so auszuleben, wie er es wolle. Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sagte der ‘BamS’: “Es wäre natürlich schöner gewesen, wenn es schon vor zehn Jahren einen schwulen ‘Tatort’-Kommissar gegeben hätte. Aber das macht die Tatsache, dass es jetzt einen gibt, nicht schlechter.” (dpa/KT)

Fotos: rbb/Volker Roloff,