Donnerstag, 19. November 2015, 19:54 Uhr

Xavier Naidoo, der ESC 2016 und die "verheerenden Reaktionen“

Xavier Naidoo (44) für Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016 ins Rennen zu schicken, das ist ein echtes Wagnis. Ihn hat die ARD für 2016 in Stockholm auserkoren. Das hat sie für das Publikum schon mitentschieden. Der gewohnte deutsche Vorentscheid verschwindet von der Tagesordnung.

Xavier Naidoo, der ESC 2016 und die "verheerenden Reaktionen“

Es scheint, als sehe der für den ESC zuständige Norddeutsche Rundfunk in dem Mannheimer “Schmuse-Star”, der sich einen “Echo” nach dem anderen ersungen hat, eine Art sichere Bank. Ob der Sender den Shitstorm im Netz unterschätzt, eingepreist oder gar still erhofft hat, darüber kann nur spekuliert werden. Man habe «einen der besten Sänger Deutschlands nominiert», stellt Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber heraus.

Nach Bekanntgabe dieser Neuigkeit gab es im Netz sofort Aufruhr. Viele User sind sich einig, dass so ein „stark polarisierender“ Künstler nicht bei einem solchen wichtigen Event auftreten sollte: Der Sänger sei rechtspopulistisch, homophob und antisemitisch. Dabei wird insbesondere auf dessen berühmte Rede am 3. Oktober letzten Jahres bei einer Veranstaltung der „Reichsbürgerbewegung“ in Berlin Bezug genommen. Nun hat der ESC auch nicht gerade wenige schwule Fans, was viele zu der Feststellung veranlasst, dass Naidoo mit seinen „schwulenfeindlichen Texten“ eine „absolute Fehlbesetzung“ wäre.

Mehr: Petition gegen Xavier Naidoo – Aktuelles Videointerview veröffentlicht

Betrachtet man die ersten, teilweise überschäumenden Reaktionen der Presse, gehen auch diese überwiegend in dieselbe Richtung. ‚Spiegel Online’ titelt beispielsweise: „Xavier Naidoo beim ESC: Haarsträubende Fehlentscheidung.“ Der ‚Stern’ kann sich dem nur anschließen, indem er die „verheerenden Reaktionen“ auf die Entscheidung für den Sänger hervorhebt und die ‚Welt’ stellt fest: „Mit dem Verschwörungstheoretiker zum ESC.“ ‚Zeit Online’ macht mit „Deutsches Reich – twelve points“ besonders deutlich, wie sie zu Xavier Naidoo steht. Dabei wird hervorgehoben, dass sich die ARD mit ihrer Entscheidung „selbst in Erklärungsnot“ gebracht hat.

Was vielen außerdem „sauer aufschlägt“ ist der Artikel von ‚taz’-Journalist Jan Feddersen, der Naidoos Teilnahme am ESC ausdrücklich unterstützt. Der Autor des Buches ‚Wunder gibt es immer wieder: Das große Buch zum Eurovision Song Contest’ geht sogar so weit, es als „die beste Nachricht, im Hinblick auf die deutsche Präsenz beim ESC, die es geben kann“ zu bezeichnen. Und so völlig falsch ist das tatsächlich nicht, wenn man nur die künstlerischen Qualitäten von Naidoo in Betracht zieht. Es wird wohl keiner ernsthaft das Gesangstalent des 44-Jährigen bezweifeln. Naidoo gilt außerdem als einer der erfolgreichsten deutschen Musiker und konnte bisher schon zahlreiche Preise einfahren.

Xavier Naidoo, der ESC 2016 und die "verheerenden Reaktionen“

Außer Schauspieler Til Schweiger gibt es kaum jemanden, der das Publikum so tief spaltet. Millionen Menschen lieben ihn, Millionen Menschen können ihn nicht ausstehen. Xavier Naidoo, das steht für esoterisch angehauchte Texte wie: «Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer/ Nicht mit vielen wirst du dir einig sein, doch dieses Leben bietet so viel mehr.»

Xavier Naidoo, das steht aber auch für diesen Text: “Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?” Der zweite Song wird im Gegensatz zum ersten nicht oft im Radio gespielt, gehört aber zu Naidoos Vergangenheit, der er sich wohl mehr denn je stellen muss.

Nach dem Null-Punkte-Debakel in diesem Jahr mit Sängerin Anne-Sophie (25) setzt die ARD nächstes Jahr offenbar auf erfahrene Prominenz. In einem Interview mit der ‚FAZ’ hat ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, auf den die Entscheidung für den Sänger zurückgeht, diese nun verteidigt. Er erklärte: „Dass Xavier Naidoo polarisiert, wussten wir. Die Frage ist, ob alle Hassäußerungen, die es in den sozialen Netzwerken gibt, eine sachliche Grundlage haben. Zu den einzelnen Vorwürfen: Xavier Naidoo steht für Toleranz allen Lebensentwürfen gegenüber, die es in dieser Republik gibt. Er hat vor kurzem die Resolution an die Kanzlerin unterschrieben, die die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe fordert. Er arbeitet mit Künstlern zusammen, die unterschiedlichste sexuelle Orientierungen leben, er hat als junger Mann als Türsteher in Schwulen-Discos gearbeitet.“

Außerdem würde sich der Sänger seit vielen Jahren für die deutsch-israelische Freundschaft einsetzen, auch weil er wüsste, dass sein Vater nur aufgrund der Hilfe eines jüdischen Onkels nach Deutschland durfte. Wichtig sei, dass man „einen der besten Sänger Deutschlands“ ausgewählt habe, der über „eine hervorragende Bühnenpräsenz“ verfüge. Interessant wäre außerdem, dass das Lied nicht von vornherein feststehe und das Publikum darüber entscheiden dürfe.

Ob er in Stockholm nun gewinnt oder nicht: Eine Auszeichnung kann ihm keiner nehmen. Eine Intiative verlieh ihm jüngst bereits den Preis “Der goldene Aluhut” für eine der irrsten Verschwörungstheorien im Netz. Und der Spott im Internet geht im Minutentakt weiter. Die Nutzerin Phine etwa schreibt: “Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber Helene Fischer wäre das weitaus kleinere Übel gewesen.”

Wie man der Wahl von Xavier Naidoo als Repräsentant für den ESC im nächsten Jahr auch gegenübersteht, eines ist jedenfalls sicher: Die Diskussion darum wird bestimmt noch nicht so schnell beendet sein…(CS/dpa)

Fotos: NDR/ Alexander Laljak, WENN/Hoffmann