Freitag, 20. November 2015, 11:09 Uhr

Adele: Albumkritik - und das neue Werk gibt's nicht bei Spotify & Co.

Das Album ’25’ von Adele galt schon vor Erscheinen als sicherer Hit. Die Sängerin beschloss, es Streamingdiensten vorzuenthalten. Das dürfte die Verkaufszahlen in die Höhe treiben. Für die Anbieter von Musik aus dem Netz ist die Entscheidung ein herber Rückschlag.

Adele: Albumkritik - und das neue Werk gibt's nicht bei Spotify & Co.

Kunden von Musik-Streamingdiensten werden sich das neue Album von Superstar Adele vorerst woanders besorgen müssen: Die Sängerin und ihr Management haben beschlossen, ’25’ nur auf CD oder als Download zu verkaufen. Die Anbieter seien weniger als 24 Stunden vor Erscheinen des Albums am Freitag über die Entscheidung infomiert worden, schrieb die ‘New York Times’. In Deutschland konnte man ’25’ am Morgen als Download erwerben, aber in Streamingdiensten wie Spotify oder Apple Music war das Album nicht zu finden.

Adele folgt damit dem Vorbild von Taylor Swift, die vor einem Jahr ihr Hit-Album ‘1989’ medienwirksam dem Streaming-Marktführer Spotify vorenthielt. Das trieb den CD-Absatz in die Höhe. Swift war vor allem die werbefinanzierte Gratis-Variante von Spotify ein Dorn im Auge. Sie hat zwar eine eingeschränkte Funktionalität, aber Fans können sich mit etwas Geduld trotzdem alle Songs anhören. Bei Apple Music, das keine kostenlose Version hat, machte sie ‘1989’ später verfügbar.

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Auch Adele kann es sich leisten, die Fans zur Kasse zu bitten: Schon die Popularität der ersten Single ‘Hello’ zeigte, dass das Album ein Hit wird. In der Branche gibt es schon seit Jahren eine Diskussion darüber, ob die Streamingdienste, bei denen die Musik direkt aus dem Netz abgespielt wird, für die Musiker nicht zuwenig Geld abwerfen. Die Anbieter verteidigen sich mit dem Argument, auf lange Sicht könnten stetige Zahlungen aus dem Streaming sogar mehr Geld bringen als der Geldregen zum CD-Start. Zahlen, die das belegen, gibt es aber bisher nicht. Die Dienste geben gut zwei Drittel ihrer Einnahmen an die Musikkonzerne weiter.

Streaming-Einnahmen machen bisher nur einen kleinen Teil des Musik-Geschäfts aus, der Anteil wächst aber schnell, während der CD-Absatz und Downloads auf dem Rückzug sind. Der ‘New York Times’ zufolge war Adele selbst an der Entscheidung beteiligt. Die Zeitung berief sich auf drei Quellen, ein Sprecher Adeles habe das nicht kommentieren wollen. Anfragen der dpa beim amerikanischen Label Columbia und beim Management der Künstlerin blieben am Donnerstagabend (Ortszeit) unbeantwortet. In Europa wird das Album von XL Recordings verbreitet.

Adele: Albumkritik - und das neue Werk gibt's nicht bei Spotify & Co.

Die elf neuen Songs des britischen Soul-Pop-Superstars haben ohne peinliche Anbiederei alles, was ihre Verehrer so lieben: große Melodien, große Gefühle – und vor allem eine große Stimme. Eine Naturgewalt, mit der sich Adele Laurie Blue Adkins (so ihr bürgerlicher Name) endgültig bei den Besten ihrer Zunft einreiht. Man denkt an Shirley Bassey, an Dusty Springfield – und ja, auch an Barbra Streisand, deren Hollywood-Pathos sich Adele in einigen ihrer Herzschmerzballaden nun gefährlich nähert.

Der Vorbote dieses von Fans, Musikkritikern und Plattenindustrie mit Hochspannung erwarteten Albums, die Ende Oktober erschienene Single ‘Hello’, wies bereits die Richtung: verhallte Klavierakkorde, Adeles Stimme, das zunächst reduzierte, dann ins Gigantische wachsende Arrangement. Ein monumentaler Song, der Emporkömmlinge der Adele-losen Jahre wie Lana Del Rey oder Taylor Swift in den Schatten stellte. Dazu melancholische Textzeilen: “Hallo, ich bin’s, wollte nur wissen, ob Du mich nach all den Jahren noch treffen magst…”

Das klang rührend bescheiden – denn natürlich wurde Adele vier Jahre nach ihrem über 30 Millionen Mal verkauften zweiten Werk ’21’ schmerzlich vermisst. Da sie mit ihrem kehlig-frechen Lachen und den zeitweise weidlich dokumentierten Gewichtsproblemen stets als “Mädchen von nebenan” rüberkam, war man der inzwischen 27-Jährigen trotz all der Hits in Endlosschleife, der Videos, der Grammys und Oscars noch nicht überdrüssig geworden. Dass sie bekannte, ihr sei “das Leben dazwischen gekommen”, mit Familie und Kind und Häuschen in London, machte sie den Popfans vermutlich nur noch sympathischer.

Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: Adele steuert ihre Karriere sehr zielbewusst und eigenständig, wie sie kürzlich dem ‘Zeit-Magazin’ sagte. Die letzte Entscheidung über ihre Musik trifft die Songschreiberin – trotz all der teuren Co-Autoren und Produzenten – immer selbst. Und so ist auch ’25’, wie schon die beiden Vorgänger, ein Mainstream-Album in Reinkultur, das wenig anbrennen lässt. Ambitionierte Popmusik, die gut klingen und sich gut verkaufen soll.

Eine neue, stärker ins Risiko gehende Adele sucht man auf ’25’ daher meist vergeblich. Vor allem das zarte ‘Million Years Ago’ wäre zu nennen, das in den Soundtrack eines französischen Kino-Melodrams der 60er Jahre passen könnte. Das Ding wird ein Riesenhit! Oder das mit karibischem Groove ausgestattete ‘Send My Love (To Your New Lover)’. Oder ‘All I Ask’, eine Ballade, in der Adele sich von zwei Klavieren begleiten lässt – und herzerweichend schön schmachtet. Der wohl beste Song auf ’25’ ist ‘When We Were Young’, mit dem sie qualitativ an ihr Meisterwerk ‘Skyfall’, den James-Bond-Titelsong von 2013, anknüpft.

Das Album endet mit ‘Sweetest Devotion’, gut vier Minuten Gospel, Soul und Pop. In den ersten und letzten Sekunden des Liedes ist eine leise Kinderstimme zu hören – Adeles kleiner Sohn bei einem Besuch im Studio? Er war es angeblich, der die viel Wert auf Zurückgezogenheit legende Sängerin zum Comeback antrieb: “Ich lasse mich nicht durch allzu viel motivieren, sicherlich nicht durch Geld”, sagte Adele im Interview der TV-Sendung ’60 Minutes Australia’. “Aber mein Kind soll sehen, wie seine Mama die Sache wieder ans Laufen kriegt.” Das sollte ihr mit diesem souveränen Album gelingen. (dpa)

Fotos: WENN.com, XL Recordings