Dienstag, 01. Dezember 2015, 16:46 Uhr

Mylène Farmers großartiges Techtelmechtel mit Sting: Das Interview

Dem Terror zum Trotz – Paris ist immer noch die Stadt der Liebe! Das beweisen die französische Popsängerin Mylène Farmer und der britische Rockmusiker Sting. Die Zwei haben in der Metropole das zweisprachige Duett „Stolen Car“ für Farmers zehntes Studioalbum „Interstellaries“ aufgenommen – und flirten im dazugehörigen Video zwischen Seine und Notre-Dame aufs Heftigste.

Mylène Farmers großartiges Techtelmechtel mit Sting: Das Interview

In Frankreich kommt das bestens an, katapultierten sich Single und Album bereits auf Platz 1 der Charts. Und auch beim Doppelinterview im Pariser Luxus-Hotel Royal Monceau unweit des Arc de Triomphe fällt es leicht, dem Charme der beiden zu unterliegen. Das Interview fand drei Tage vor den Terroranschlägen von Paris statt.

Glückwunsch zur Nummer Eins in Frankreich! Wie haben Sie das gefeiert?
Sting: Auf die übliche Weise: mit Gin Tonic.
Mylène Farmer: Und Gurke.
Sting: Und Schnaps!

Sting, für Ihre Kollegin ist es bereits die 14. Nummer-Eins-Single in Frankreich, für Sie die erste. Ist es deshalb etwas Besonderes?
Sting: Och, es ist ja immer schön, vorne mitzumischen. Auch wenn eine Nummer Eins eine kurzlebige Sache ist, denn morgen sieht es schon wieder anders aus. Die Charts sind ein nettes Spiel. Nichts Ernstes, aber es macht Spaß. Und so ein Erfolg zu zweit gibt dir mehr als wenn du ihn alleine hättest, deshalb tut man es ja. Man bekommt etwas Unerwartetes und Überraschendes, wenn man eine andere Person auf die Art kennenlernt.

Vor ein paar Tagen sind Sie hier in Frankreich mit der Single bei einer Award-Verleihung vor sehr jungem Publikum aufgetreten. Speziell bei Ihnen, Sting, war es ungewohnt, Sie zu den Beats des Songs in Bewegung zu sehen.
Sting: Ach ja? Finden Sie, dass ich ein guter Tänzer bin?

Sah ganz sexy aus.
Sting: Gut, dann hab ich alles richtig gemacht. Das ist der Sinn des Ganzen. Aber ich habe mich früher schon zu Beats bewegt. Als ich jung war.

Kennen Sie sich mit den David Guettas dieser Welt aus?
Sting: Nicht wirklich, aber im letzten Jahr habe ich ein Duett mit Afrojack aufgenommen, einem niederländischen House-DJ.
Mylène Farmer: Es war meine Idee, diesmal den französischen DJ The Avener anzuheuern, um den Song aus seinen existierenden Bestandteilen heraus neu zu erfinden. Denn Sting hat „Stolen Car“ ja bereits vor zwölf Jahren geschrieben und auf dem Album „Sacred Love“ veröffentlicht. Ich finde, Avener hat den Song auf eine Art wiederbelebt, die äußerst sexy ist. Ich mag seine Arbeit sowieso sehr.

Wer hat denn den ersten Schritt gemacht, als es um das Duett ging?
Mylène Farmer: Das war ich, und ich war sehr nervös. Wo Sting schon von Überraschung gesprochen hat: Ich liebe das Abenteuer! Deshalb habe ich ihn gefragt. Als Sting dann auf Tour in Paris war und ich gerade im Aufnahmestudio, kam es zu unserem Treffen. Ich brauche immer etwas Zeit, um mit jemanden warm zu werden, denn ich bin eigentlich eine sehr zurückhaltende Person. Sting ebenso. Aber die Nervosität war dann schnell verflogen. Ein Freund und Geschäftspartner von Sting und mir war dabei, das hat es zusätzlich erleichtert.

Was haben Sie gemeinsam als Menschen und Künstler?
Sting: Wir sind beide neugierig auf die Welt und die Musik. Wir lassen uns eher von unseren Karrieren leiten als von Kommerzialität und dem, was Geld bringt. Im Mittelpunkt steht also immer die Neugier und das Interesse, wo sich die Musik hinbewegt, und was das alles bedeutet. Ich rede jetzt mal für dich mit, Mylène!
Mylène Farmer: Ich könnte ganz viel über Sting sagen. Er ist ein unglaublicher Künstler, sehr großzügig, was herrlich ist bei einem Menschen, der so viel Talent besitzt. Er ist ein wunderbarer Komponist, und ich liebe die Art wie er Geschichten in Songs erzählt. Und dann besitzt er noch eine Form der Verrücktheit, die ich wirklich mag – genau die hat uns verbunden. Auch wenn ich nicht konkret sagen möchte, welche Art von Verrücktheit es ist.

Mylène Farmers großartiges Techtelmechtel mit Sting: Das Interview

Ihr heißes Techtelmechtel im Video sieht ja sehr authentisch aus. Mussten Sie sich Ihren Partnern erklären?
Mylène Farmer: Solche Szenen hat man doch öfter mal. Sting ist ja eh Schauspieler, er hat in vielen Filmen gespielt. Für mich war es deshalb ganz einfach, mitzumachen.
Sting: Ich bin sogar mit einer Schauspielerin, Regisseurin und Film-Produzentin verheiratet! Trudie hatte also vollstes Verständnis. Sie ist auch sehr selbstbewusst und sich sicher, dass ich ein Gentleman bin und professionell. Es hat also keine Standpauke gegeben. Aber es ist schon ein sehr sexy Video. Das war der Job an dem Tag, und ich bin stolz, dass wir das hingekriegt haben.

Sehr französisch auch.
Sting: Ja, die französische Kultur ist mir eh wichtig. Ich spreche nicht fließend französisch, aber ich bin gut darin, so zu tun als ob. Wenn man an Romantik denkt, an Liebe und Sinnlichkeit, dann kann man doch gar nicht anders als an Paris denken. Deshalb wollten wir das Video mit der komplexen Liebesgeschichte zwischen einem Autodieb und einer vernachlässigten, reichen Ehefrau auch unbedingt hier drehen, unter anderen auch in diesem Hotel. Dann noch an der Kathedrale Notre-Dame, der Seine, in den Straßen von Paris in der Nacht. Es hätte gar nicht romantischer sein können mit Frankreichs größtem Star als meinem Co-Star. Ich finde das Video wunderschön und sinnlich.
Mylène Farmer: Schon der Song als solches ist geschrieben wie ein kleines Drehbuch. Da war es nur konsequent, es so umsetzen zu lassen. Ich hatte mir vor dem Dreh das Schienbein und das Wadenbein gebrochen und trug vier Monate lang einen Gips. Dann wieder das erste Mal in High-Heels da zu stehen, tat schon weh. Aber Sting hat mich ja gehalten.

Gab es Menschenansammlungen in Paris?
Sting: Oh ja, die gibt es immer. Die Leute auf den Straßen haben mit ihren iPhones mitgefilmt. Es war also schon im Internet etwas zu sehen bevor das Video rauskam. Aber das kann man nicht verhindern, das ist Realität, die man akzeptieren muss. Wir blieben trotzdem konzentriert bei der Sache.
Mylène Farmer: Ich war sogar so konzentriert, dass ich nichts anderes wahrgenommen habe. Ich habe die Menschen gar nicht bemerkt.
Sting: Ich merke so was sofort, ich habe einen Radar dafür, wenn mich Leute filmen.

Mit so einem langen Bart hat man Sie noch nicht gesehen, Sting. In Berlin sprechen wir in dem Fall von Hipster-Bärten.
Sting: Mein Bart ist in der Tat ziemlich Hipster, aber ich trage ihn auch schon eine Weile. Ich habe ihn mir stehen lassen, als ich im letzten Jahr am Broadway in meinem Musical „The Last Ship“ gespielt habe. Der Bart übernahm dabei den größten Teil der Schauspielerei, und aus Dankbarkeit hab ich ihn behalten, hehe.

Mylène, Sie sind eine Schwulenikone in Deutschland. Sind Sie sich dessen bewusst?
Mylène Farmer: Schon, auch wenn ich lang nichts mehr bei euch gemacht habe. Das Thema hat mich über meine lange Karriere immer wieder berührt, gerade, wenn es um Diskriminierung von Schwulen geht. Einige meiner Texte setzen sich mit schwulen Themen auseinander. Aber ich trenne meine schwulen Fans nicht von den anderen. Sie sind alle meine Fans.

Mylène Farmers großartiges Techtelmechtel mit Sting: Das Interview

Was kann die deutsche Kultur Ihnen als Künstler geben, was die französische nicht kann?
Sting: Oh, die deutsche Kultur hat mich jede Menge gelehrt, weil sie so außergewöhnlich und kraftvoll ist. Allen voran die Musik von Beethoven und Bach. Ihr könnt stolz darauf sein.
Mylène Farmer: Deutschland hat sehr gute Regisseure, große Schriftsteller. Berlin ist eine unglaubliche Stadt, kulturell so lebendig und inspirierend. Ich liebe es sehr und war schon öfter dort.

Sting, in der Presse war zu lesen, dass Sie sich nach und nach von Ihren Besitztümern trennen wollen. Macht man das so, wenn man älter wird?
Sting: Ich musste mal Ballast abschütteln. Ich habe unser großes Anwesen in London mit sieben Stockwerken verkauft. Meine Kinder sind alle aus dem Haus, ich brauche also keine sieben Stockwerke. Trudie und ich sind in ein kleineres Haus gezogen. Und weil unsere Kunstsammlung da nicht reinpasste, habe ich die gleich mitverkauft.

Keine Trennungsschmerzen?
Sting: Ach nein. Schon gar nicht bei den Gemälden. Man betrachtet den Picasso, Klimt oder Matisse für eine Weile, und dann gibt man ihn jemand anderen.

Was macht denn Ihr Weinberg in der Toskana?
Sting: Sie können gerne vorbeikommen und bei der nächsten Ernte helfen! Ich bin vor Ort. Ich reite das Pferd und schwing die Peitsche. Bei uns kann man sich tatsächlich als Erntehelfer bewerben. Das machen auch viele.

Sie haben ja neuerdings die Angewohnheit, Ihre Weinsorten nach Ihren größten Hits zu benennen. Wie sieht es denn diesmal aus?
Sting: Hmm, ich bin mir nicht sicher, ob „Stolen Car“ ein passender Name für einen Wein wäre. Aber Mylène wäre ganz sicher ein toller Name dafür. Doch ich glaube, da würde meine Frau dann doch Einspruch erheben.

Mylène Farmer „Interstellaires“ (Polydor/Universal, bereits erschienen!

Interview: Katja Schwemmers. Fotos: Universal Music, SIPA/WENN.com