Mittwoch, 02. Dezember 2015, 16:10 Uhr

Filmkritik "4 Könige" mit Jella Hasse und Jannis Niewöhner

Vier Jugendliche verbringen die Weihnachtsfeiertage mehr oder weniger unfreiwillig in der Psychiatrie. Diese entpuppt sich nach und nach als großes Glück, denn dort können sie sich aus ihren Zwängen befreien – zumindest teilweise. ‘4 Könige’ startet am Dnnerstag im Kino.

Filmkritik "4 Könige" mit Jella Hasse und Jannis Niewöhner

So manch einer mag vor oder während der Weihnachtstage den ein oder anderen Fluchtgedanken haben. Manch einer gibt ihm auch nach, macht sich von jeglichen Zwängen, Erwartungen und Ritualen frei. Auch die Jugendlichen Alex, Lara, Timo und Fedja reißen aus und landen – wie und ob freiwillig, wird nie ganz klar – in der Psychiatrie. Ein Glück für die vier Heranwachsenden. Denn die Klinik wird zum Freiraum, zum Zufluchtsort. «4 Könige» heißt das Kinodebüt von Theresa von Eltz. Beim Filmfest Hamburg feierte es seine Premiere und begeistert seitdem auf internationalen Festivals.

Lara (Jella Haase, vor allem bekannt als Chantal aus ‘Fuck ju Göhte’) ist das Bad Girl. Immer ein bisschen zu viel Lippenstift, ein zu tiefer Ausschnitt, ein zu derber Spruch. Lara ist es, die einen ‘Weihnachtspimmel’ für den Christbaum bastelt und ihre angemalten nackten Brüste Fedja als Weihnachtsgeschenk präsentiert. Später wird sich herausstellen, dass sie als Dreijährige ihren Zwillingsbruder verloren hat. Die Bürde der Überlebende scheint sie nicht tragen zu können. Ihre Eltern scheinen ihr nie verziehen zu haben.

Das Scheidungskind Alex (Paula Beer) kann die Depressionen und die damit verbundenen emotionalen Erpressungen seiner Mutter nicht mehr aushalten – und verletzt sich selbst. “Oh, schon wieder ne Zwanghafte”, begrüßt Lara das stille Mädchen. Fedja (Moritz Leu) wirkt tief verstört, ängstlich. Auch er hat Narben an Körper und Seele – als Mobbingopfer seiner Mitschüler. Und der aggressive, unberechenbare Timo (Jannis Niewöhner) kommt aus der “Geschlossenen”. Warum, weiß man nicht so recht.

Denn es geht in “4 Könige” nicht um Krankheitsbilder, Diagnosen und medizinische Gutachten. Es geht um vier junge Menschen, die mit ihrem Leben und vor allem ihren Familien nicht zurechtkommen. Weihnachten finden sie alle doof, sagen sie. Doch wer genau hinsieht, merkt schnell, dass es nicht das Fest selbst ist, sondern die Umstände, in denen es begangen wird. Damit haben sie viel mehr mit dem unkonventionellen Arzt Dr. Wolff (Clemens Schick) gemeinsam. Lieber macht er Dienst, als Weihachten zu Hause zu verbringen. Wo das ist, bleibt offen. Eine Tochter hat er wohl, aber ein guter Vater ist er nicht – wie er selber einmal sagt.

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So bedrückend dieser Film beginnt, so berührend – niemals rührselig – entwickelt er sich, trotz oder vielleicht auch wegen schonungslosen Bilder und Szenen. Fedja, offensichtlich von einer Panikattacke heimgesucht, sitzt zitternd unter der Dusche und flüchtet dann vor Timo durchs Fenster.

Timo zerreißt den selbst gemachten, filigranen Weihnachtsschmuck seines Vaters vor dessen Augen, Lara zermatscht die von ihren Eltern mitgebrachte Torte – und Dr. Wolff beobachtet das alles mit gewisser Distanz und nimmt doch Anteil. Ein wenig klischeehaft ist das schon, wenn dieser gut aussehende Lonesome Rider mit weißem Kittel unter dem Winterparka rauchend mit den Jugendlichen durch den Wald streunert und redet, sie manchmal auch schreien und Bäume umarmen lässt. Gefangen nimmt einen das dennoch.

Filmkritik "4 Könige" mit Jella Hasse und Jannis Niewöhner

Theresa von Eltz wählt eine kühle Farbigkeit, nicht zu verwechseln mit klinischer Sterilität. Völlig abgeschieden liegt diese Klinik inmitten eines Waldes, ausgestorben wirkt das Haus. Über die Weihnachtstage herrscht Notbesetzung, bei Personal und Patienten.

Doch gerade diese Abgeschiedenheit bietet den Jugendlichen und auch dem Arzt die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, sich aus den familiären wie den eigenen Zwängen zumindest in Ansätzen zu befreien. Die Psychiatrie wird zum Freiraum, der ihnen die Hoffnung auf ein freieres Leben auch außerhalb des Mikrokosmos gibt – wenn auch nicht allen. (Britta Schmeis, dpa)

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