Donnerstag, 03. Dezember 2015, 13:16 Uhr

Filmkritik "Im Herzen der See" mit Chris Hemsworth: Bildgewaltiges, banales Drama

Oscar-Preisträger Ron Howard erzählt die Geschichte einer unglaublichen Walfangmission. Das wuchtige Epos wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert – wie einst schon der Klassiker ‘Moby Dick’.

Filmkritik "Im Herzen der See" mit Chris Hemsworth: Bildgewaltiges, banales Drama

Der weiße Pottwal Moby Dick gehört zu den großen Mythen der Weltliteratur. Herman Melville setzte ihm mit seinem gleichnamigen Roman einst ein Denkmal. Nun berichtet US-Regisseur Ron Howard (‘Rush’) von einer tatsächlichen, von Melville in seinem Klassiker mitverarbeiteten Begebenheit: dem Untergang des Walfangbootes Essex zu Beginn des 19. Jahrhunderts. ‘Im Herzen der See’ ist ein zweistündiger, imposanter Abenteuerfilm, in einer Hauptrolle besetzt mit Chris Hemsworth, bekannt durch Actionfilme wie ‘Thor’ und ‘Marvel’s The Avengers’.

Dargestellt werden die Ereignisse rund um den letzten Walfang-Trip der Essex in Rückblenden: Melville, verkörpert von Ben Whishaw («Das Parfum»), lässt sich im Film die Geschichte von einem der wenigen Überlebenden des Unglücks erzählen.

Filmkritik "Im Herzen der See" mit Chris Hemsworth: Bildgewaltiges, banales Drama

Die Ostküste der Vereinigten Staaten, das Jahr ist 1820. Auf der Neuengland vorgelagerten Insel Nantucket bereitet sich eine 20-köpfige Crew auf einen mehrjährigen Einsatz vor: Zurückkehren soll das Segelschiff Essex mit so viel Walöl wie möglich. Kapitän Pollard stammt aus einer Walfängerdynastie, Steuermann Chase (Hemsworth) hat sich mühsam auf See seine Meriten verdient. Die Essex ist ein für den Walfang nicht eben großes Schiff, nach kurzer Zeit gerät die Mannschaft in einen gefährlichen Sturm; immer stärker treten zudem Differenzen zwischen Pollard und Chase zu Tage.

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Monate vergehen bis zur ersten Wal-Sichtung, schließlich hört die Crew von einem neuen Jagdgebiet. Dass sich dort auch ein riesiger, grau-weißer Pottwal aufhält, der der Essex bald den Garaus machen soll, kann die euphorisierte Besatzung nicht ahnen – von Rettungsbooten aus müssen Pollard und Chase später den Untergang ihres Schiffes mit ansehen. Im Südpazifischen Ozean beginnt ein entsetzlicher Kampf ums Überleben.

Auch wenn Howards, vor allem in der zweiten Hälfte stimmungsvoll, ja fast nachdenklich inszeniertes Meeresdrama nicht in erster Linie von darstellerischen Leistungen zehrt, so machen die Schauspieler doch allesamt eine gute Figur. Der Australier Chris Hemsworth, 32 Jahre alt, gehört nicht unbedingt zu den Charaktermimen seiner Generation. Dass er aber über eine durchaus beeindruckende körperliche Präsenz verfügt, das macht er auch in diesem Werk unmittelbar deutlich: Sein Chase ist nicht nur muskelbepackt, er ist der Macher auf der Essex – ganz im Gegensatz zum (vom Amerikaner Benjamin Walker verkörperten) Kapitän Pollard, der sich die Zumutungen der offenen See gern in der Kajüte vom Leibe hält. Ben Whishaw gibt überzeugend den, schon in jungen Jahren dem Alkohol zusprechenden Autor Melville, auch ein Cillian Murphy (‘Inception’) gehört zur an schillernden Figuren reichen Crew der Essex.

Filmkritik "Im Herzen der See" mit Chris Hemsworth: Bildgewaltiges, banales Drama

Ron Howards bildgewaltiges Epos, das auch in 3D in die Kinos kommt, ist ein imposantes, aber angenehm altmodisch erzähltes Stück klassischer Filmunterhaltung. Gekonnt und teils fast en passant behandelt ‘Im Herzen der See’ eine ganze Reihe an Themen. Keinesfalls geht es nur um das historische Thema des Walfangs zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Größere, zeitlose Fragen stehen zur Diskussion. So nicht nur die des Gegensatzes von Wahrheit und Fiktion respektive Lüge und die Frage, und woher Schriftsteller (in diesem Fall Herman Melville) ihre Sujets nehmen, sondern auch Fragen der Ethik – wie weit darf man als Mensch gehen, um das eigene Überleben zu gewährleisten? Mit feinem Pinselstrich verweist Howard zudem darauf, dass hinter manch starkem Mann eine noch stärkere Frau steht.

Mit grandios fotografierten, immer wieder auf verschiedene Perspektiven setzenden Ansichten, die bisweilen anmuten wie von einem William Turner gemalt, arbeitet der Regisseur zudem die Fragilität des Menschen im Angesicht von diversen Naturgewalten heraus.

Filmkritik "Im Herzen der See" mit Chris Hemsworth: Bildgewaltiges, banales Drama

Wenn Howard uns etwa nach dem Sinken der Essex die drei mickrigen Boote, in denen die Crew zu überleben sucht, aus einer Vogelperspektive im direkten Vergleich mit der imposanten Größe des Wales zeigt, dann scheint aus diesem Bild eine tiefe, fast spirituelle Demut vor der Kraft des Meeressäugers zu sprechen. Für Freunde von Melvilles umfangreichem Opus Magnum ‘Moby Dick’ ist ‘Im Herzen der See’, dieses über weite Strecken sehr kurzweilige und doch reflektierte Kinoabenteuer, ohnehin ein Muss. (dpa)

Fotos: Warner Bros.