Dienstag, 05. Januar 2016, 23:21 Uhr

Leo DiCaprio ist das zähe Überlebenswunder aus "The Revenant"

Leonardo DiCaprio hat schon eine Vielzahl unterschiedlichster Charaktere verkörpert – von Howard Hughes über Jay Gatsby bis hin zum lasterhaften Jordan Belfort aus ‘The Wolf of Wall Street’.

Leo DiCaprio ist das zähe Überlebenswunder aus "The Revenant"

Aber der Part des Hugh Glass in ‘The Revenant’ hat ihn vor eine vollkommen neue Herausforderung gestellt, eine, die wenige seiner Kollegen erfahren haben. Es ist sicherlich bis dato DiCaprios physischste Rolle und zugleich eine, die er fast wortlos, primär mit seiner Körpersprache meistert.

„Der Film behandelt extrem starke Themen. Es geht um den Willen zu leben und unsere Beziehung zur Wildnis.” So erklärt DiCaprio, warum er sich augenblicklich zum Stoff hingezogen fühlte. „Bislang habe ich viele Charaktere gespielt, die unglaublich wortgewandt waren und viel zu sagen hatten, also war dieser Part eine riesige Herausforderung. Es ging darum, Sachen ohne Worte in einer anderen Sprache auszudrücken. Viele Dinge mussten aus dem Moment heraus entstehen, ich musste auf die Natur reagieren und zugleich glaubhaft zeigen, was Glass alles durchmachte. Es ging darum, die Überlebensinstinkte eines Menschen zu erforschen.”

DiCaprio gefiel Regisseur Alejandro González Iñárritus’ Ansatz, die Geschichte von Glass möglichst realistisch zu erzählen. Er wollte die Zuschauer in den ursprünglichen „Wilden Westen” entführen, in ein Land, in dem es damals noch keine Cowboys und Outlaws gab. „Diese Zeitspanne der US-Geschichte habe ich noch nie im Kino gesehen, entsprechend hat mich das interessiert”, sagt er. „Es war eine ganz außergewöhnliche Zeit unserer Historie, es ging damals noch viel wilder zu als im uns bekannten ‚wilden, wilden Westen’. Es ist vergleichbar mit dem Amazonasgebiet, man befand sich damals in einer unbekannten Wildnis, in der das Gesetz noch kaum Gültigkeit besaß. Die Trapper kamen aus Europa und von der Ostküste und mussten lernen, in der unwirtlichen Gegend zu überleben – ebenso wie die Tiere, die hier lebten.”

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Leo DiCaprio ist das zähe Überlebenswunder aus "The Revenant"

Iñárritu war dankbar, dass DiCaprio gewillt war, an seine Grenzen zu gehen – genauso wie einst Glass, den er verkörpert, tat. „Leo ist ein Perfektionist, jedes Detail will er richtig hinbekommen. Er ist in Sachen Nuancen und Rhythmus ein Naturtalent, er schafft es, die Figuren, die er spielt, perfekt zum Leben zu erwecken. Er ist ein Teamplayer und überaus klug, er denkt sich in jede Szene hinein und gestaltet sie so noch überzeugender. Und dann besitzt er auch noch diese tiefe persönliche Beziehung zur Natur. Das ist auf der Leinwand zu sehen – was er geleistet hat, ist nicht nur bewegend, sondern auch überraschend.”

Der Regisseur (Babel, The Birdman, Foto unten) legt besonderen Wert darauf zu erwähnen, dass DiCaprio sich Herausforderungen stellen musste, auf die er sich als Schauspieler nicht vorbereiten konnte. „Leo musste unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. Sein Kostüm war überaus unbequem, sein Make-up extrem und dann sollte er auch noch emotional dunkle und schwierige Seiten des menschlichen Lebens erforschen.

Leo DiCaprio ist das zähe Überlebenswunder aus "The Revenant"

Aber ganz egal welchen Herausforderungen er sich auch stellen musste, sobald die Kamera lief, war Leo voll da und stets überzeugend. Er besitzt diese unglaubliche Kraft”, erläutert Iñárritu. „Dieser Dreh war extrem fordernd, sei es in Sachen Rhythmus, Timing, Dynamik oder Stille. Aber Leo meisterte all das spielend, weil er so unglaublich präsent ist.”

DiCaprio schenkte Regisseur Iñárritu sein volles Vertrauen. „Was ich an Alejandro so schätze ist, dass er ein Filmemacher der alten Schule ist. Er glaubt an die Kunst – und die will er auf der Leinwand zeigen. Er ist in seinem Fach ein Outsider, obwohl er innerhalb des Systems arbeitet. Er versteht, wie die Industrie heute funktioniert, aber er ist von der Filmgeschichte inspiriert, die er sei ganzes Leben lang studiert hat. So hat er einen ganz eigenen Stil entwickelt, den man nur mit seinem Namen in Verbindung bringt. Es gibt nur wenige Filmemacher, die den Gesetzen Hollywoods trotzen und dennoch ein Epos wie dieses auf die Beine zu stellen vermögen.”

Der Angriff des Grizzlybären (siehe Video oben), der für Glass fast tödlich endet, war für DiCaprio eine enorme Herausforderung. „Die Bärenattacke war extrem schwierig zu drehen und überaus anstrengend”, erinnert sich DiCaprio, „aber zugleich ist die Szene unglaublich bewegend. Alejandro geht mit der Kamera ganz nah ans Geschehen heran, es ist so als wäre man eine Fliege, die diesen Kampf umkreist. Man meint sowohl den Atem des Bären und den von Glass zu spüren. So etwas habe ich auf der Leinwand noch nie gesehen. Glass muss irgendwie mit dem ausgewachsenen Tier fertig werden, das auf ihm liegt. Sein Leben hängt am seidenen Faden – und als Zuschauer ist man voll dabei.”

Iñárritu und DiCaprio unterhielten sich stundenlang über die Figur des Glass, um diesen im Kino möglich realistisch wiederauferstehen zu lassen.

Leo DiCaprio ist das zähe Überlebenswunder aus "The Revenant"

Der Schauspieler merkt an, dass alleine schon die fiktionale Pawnee-Ehefrau und deren gemeinsamer Sohn Glass von den anderen Trappern abgrenzt.. „Glass hat sich bereits auf seine neue Umgebung voll eingelassen, er ist im Reinen mit der Natur und interessiert sich eigentlich nicht mehr für die materielle Welt der Trapper”, führt er aus. „Als Vater wird er in dieser neuen Umgebung mit bislang unbekannten Herausforderungen konfrontiert. Das hat ihn charakterlich verändert. Er und Hawk sind vom Rest der Gesellschaft isoliert, die beiden stehen alleine da. Das hat ihre Vater-Sohn-Beziehung gestärkt, die ihnen nun auch beim Überleben hilft.”

Leonardo DiCaprio absolvierte zahlreiche Stunts selbst. Er musste sich im Schnee eingraben, lief bei fünf Grad minus nackt durch die Gegend und sprang in den eiskalten Fluss. Jede dieser Szene brachte ihn näher an seine Filmfigur Glass heran.

Aber während er sich durch die Wildnis schlägt, erduldet er nicht nur Pein und Schmerzen, er verändert sich auch grundlegend. All das spielt DiCaprio auf den Punkt. Zum Ende des Films, nach einem berührenden Finale, ist er dann ein verwandelter, anderer Mann.

„Über allem steht zunächst die Frage, ob der von ihm ins Auge gefasste Rachefeldzug Glass helfen wird, wieder zu sich zu finden. Wird er wieder der Mensch sein, der er einst war? Aber der Drang, (Tom) Hardy zu finden, verändert ihn allmählich. Die Rache steht nicht mehr im Vordergrund. Er hat, wenn man so will, im Zuge seiner gefährlichen Reise eine Art Erweckungserlebnis”, schließt DiCaprio.

Fotos: FOX