Dienstag, 19. Januar 2016, 23:10 Uhr

"The Hateful 8": Tarantino erklärt hier das neue alte megabreite Bildformat

Schon bei der ersten Lesung in L.A. zu seinem Film ‘The Hateful 8’ hatte Quentin Tarantino mehrfach erklärt, dass er seinen achten Film „im glorreichen 70mm-Format“ drehen würde. Er ging dann noch einen Schritt weiter und entschied sich für das fast vergessene Ultra Panavision 70, das zuletzt im Jahre 1966 bei „Khartoum – Aufstand am Nil“ zum Einsatz gekommen war.

"The Hateful 8": Tarantino erklärt hier das neue alte megabreite Bildformat

Für dieses Format werden anamorphotische Linsen verwendet (im Gegensatz zu den herkömmlichen sphärischen Linsen), die ein atemberaubendes Breitwandformat von 2,76:1 erzeugen. Ultra Panavision 70 wurde nur bei einer Handvoll Filmen verwendet, darunter dem Klassiker „Meuterei auf der Bounty“ „Eine total, total verrückte Welt“), „Die größte Geschichte aller Zeiten“ und „Die letzte Schlacht“. (Unten ein Vergleich der Bilder 16:9 und das Format 2,76:1, nicht zu verwechseln mit dem heute noch gängigen Cinemascope-Format 2,2:1.)

„Mit 70mm fängt man öde Westernlandschaften, Schneewüsten, aber auch attraktivere Schauplätze perfekt ein“, erklärt Tarantino und ergänzt, dass das Format auch Innenaufnahmen voll zur Geltung bringt. „Ich bin fest überzeugt, dass das Breitwandformat für größere Intimität sorgt. Du bist näher an den Figuren dran. Ich glaube nicht, dass dieses Format sich nur für Reiseberichte eignet.“

Auch Produzentin Shannon McIntosh findet, dass das Breitbild gerade dann zur besonderen Spannung beiträgt, wenn die acht Hauptfiguren sich in Minnies Miederwarenladen versammeln. „Es passiert unglaublich viel in den Bildern. Bei jedem neuen Sehen entdeckt man etwas anderes. Jedes Mal offenbaren diese „Hasser“, wie wir sie nennen, eine andere Nuance, einen anderen Ausdruck. Einfach großartig. Ich kann mir dafür kein anderes Bildformat vorstellen.“

„Es sind acht Leute im Raum, und so können wir das Bild nach und nach mit immer mehr von ihnen füllen“, erklärt Kameramann Robert Richardson. „Das Publikum kann in fast jeder Einstellung sehen, wo die Figuren sich befinden. Die Breite des Bildes erzeugt ein klaustrophobisches Gefühl, weil man alle Wände gleichzeitig sieht. Du wirst eingeschlossen, und die Erfahrung des Schauspiels wird meiner Meinung nach multipliziert.“ Die Breite des Bildes ist nur einer der Vorteile von Ultra Panavision 70. Das Material gibt Tiefe, Farbe und Licht ganz anders wieder als digitale Bilder: „Oft wird gesagt, die neuen digitalen Bilder seien so scharf“, sagt Shannon McIntosh. „Auch unsere Bilder sind scharf, aber sie besitzen eine ganz andere Schönheit. Wenn die Leute das gesehen haben, werden sie sich kaum nach digitalen Aufnahmen zurücksehnen. Es ist so spektakulär.“

"The Hateful 8": Tarantino erklärt hier das neue alte megabreite Bildformat

Um ein Haar wäre dem Kinopublikum diese Erfahrung vorenthalten geblieben. Hätte Tarantino sich nicht mit einigen Filmstudios und seinen Kollegen Christopher Nolan und J.J. Abrams zusammengetan, um Kodak dabei zu unterstützen, auch weiterhin traditionelles Filmmaterial zu produzieren, wäre ein Look wie der von ‘The Hateful 8’ nicht mehr möglich gewesen. So beteiligte sich der Rollfilmhersteller schließlich an der Produktion von Tarantinos Film.

Dass Tarantino und sein Kameramann Robert Richardson ihr Vorhaben überhaupt in die Tat umsetzen konnten, verdanken sie zu großen Teilen den Panavision-Mitarbeitern Bob Harvey, Jim Raudebush und Dan Sasaki. Sie gruben tief in den Archiven der legendären Filmfirma und förderten fünfzehn alte Objektive zutage, von denen einige schon beim berühmten Wagenrennen aus ‘Ben Hur’ zum Einsatz kamen. Die Objektive wurden überholt und so angepasst, dass sie auch vor moderne Kameras geschraubt werden konnten. Danach testeten Richardson, Sasaki und Kameraassistent Gregor Tavenner sie auf ihre Empfindlichkeit gegen Kälte und Feuchtigkeit. Schließlich stand ihnen ein Dreh unter extremen Wetterbedingungen bevor. „Es war erstaunlich“, berichtet Tavenner. „Die meisten dieser Linsen funktionierten auf Anhieb einwandfrei. Als hätte man einen sehr teuren Wein aus den fünfziger Jahren entkorkt. Es war großartig, in einem Format zu filmen, das der Landschaft wirklich gerecht wurde. Endlich hatten wir ein Kamerasystem, mit dem sich auch die winzigen Details in ihrer ganzen Pracht einfangen ließen. Es gibt viel mehr Informationen in den Bildern. Sie sind wunderschön und bringen etwas von der Ehrfurcht zurück, die wir als Kinder empfanden, wenn wir Breitwandbilder im Kino sahen.“

"The Hateful 8": Tarantino erklärt hier das neue alte megabreite Bildformat

Panavision stellte den Filmemachern außerdem 600 Meter lange Filmrollen zur Verfügung. Diese waren lang genug, um komplette Szenen an einem Stück aufzunehmen. „Ich wollte nicht in Schnipseln drehen“, erklärt Tarantino. „Wir haben viele große Schauspielerszenen und die wollte ich von Anfang bis Ende aufnehmen. So konnte ich sehr lange Einstellungen drehen, manchmal fünf, sechs oder sieben Minuten lang. Panavision hat uns dabei zu hundert Prozent unterstützt. Für sie war das kein gewöhnlicher Film, sondern ein Vermächtnis.“

Als Cineast und Liebhaber der Filmhistorie sorgte Tarantino auch dafür, dass  ‘The Hateful 8’ zum US-Start am 25. Dezember 2015 ausschließlich in Kinos mit einer 70mm-Projektionsanlage lief. Eine aufwändige zweiwöchige Roadshow in hundert verschiedenen Kinos sollte eine fast vergessene Tradition aufleben lassen. „Es waren die Roadshows“, erklärt Tarantino, „die Filme, zumeist Musicals oder historische Epen, schon vor ihrem Kinostart zu etwas Besonderem machten. Da lief nicht bloß irgendwas in deinem Kino – das waren große Shows mit Vorprogramm, etwa einer Ouvertüre des Soundtracks im Stil einer Broadway-Show. Wenn du schon einen Film in 70mm rausbringen wolltest, dann musstest du es so machen. 24 Bilder flackern pro Sekunde durch einen Projektor und erzeugen die Illusion einer Bewegung.“

"The Hateful 8": Tarantino erklärt hier das neue alte megabreite Bildformat

Das einmalige Roadshow-Erlebnis wird durch eine eigens von Ennio Morricone komponierte Ouvertüre gekürt. Um den legendären Großmeister für eine erneute Zusammenarbeit zu gewinnen (zuletzt steuerte Morricone sein Können zu Django Unchained bei, allerdings nur aus seinem Repertoire, nix neu komponiertes), reiste Tarantino höchstpersönlich nach abgeschlossener Postproduktion nach Rom. Morricone, der sich umgehend vom Drehbuch inspiriert fühlte, sagte allerdings zunächst ab, da er bereits an anderen Projekten arbeitete. Enttäuscht, aber verständnisvoll setzte Tarantino sein Treffen mit ihm fort, obgleich die Konversation in Small Talk endete. Am nächsten Tag überraschte der unermüdliche Komponist Tarantino jedoch, indem er ihm mitteilte, dass er ein weiteres Stück für ihn geschrieben habe. Nach und nach kreierte Morricone so die eindringlich packende Filmmusik zu dem heuperwarteten Streifen.

Leider nur diese vier deutschen Kinos präsentieren die ‘Hateful 8 Roadshow’:

– Zoo Palast, Berlin
– Savoy Filmtheater, Hamburg
– Lichtburg, Essen
– Schauburg, Karlsruhe

Fotos: Universum