Donnerstag, 21. Januar 2016, 16:48 Uhr

Filmkritik "Anomalisa": Ein Knetmännchen in der Midlife-Krise

Charlie Kaufman, der spleenige Regisseur von Filmen wie “Being John Malkovich“, arbeitete in seinem neuen Film “Anomalisa”mit Stop-Motion-Genie Duke Johnson zusammen. Und dabei haucht er in “Anomalisa” – seinem eigenen konzeptionellen Theaterstück – Kunstoff-Puppen mit veralterter Tricktechnik  ein sehr reales Leben ein.

Filmkritik "Anomalisa": Ein Knetmännchen in der Midlife-Krise

Den Motivationstrainer Michael Stone (Stimme: David Thewlis, “Nackt”, “Dragonheart”, Remus Lupin in den Harry-Potter-Filmen) trifft die Mitlife-Krise extrem hart. Michael ist ein erfolgreicher Autor von Ratgeberbüchern und sein Job ist es, diese auf Vortragsreisen zu promoten. Für einen solchen Vortrag für Leute, die im Kundenservice arbeiten, ist er für eine Nacht und den Folgetag in Cincinnati, Ohio.

Trostlos und witzig zugleich ist es mit anzusehen, wie Michael fliegt, landet, zum Hotel mit einem Taxi fährt – vom Taxifahrer Tipps für die Stadt bekommt, wie er die Lobby des Hotels betritt, der Hotelpage den Gast in sein Zimmer begeleitet und einen professionellen Small Talk versucht. Michael ist erfolgreich im Beruf; auch privat läuft es faktentechnisch gesehen sehr gut. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Vom Wesen her ist er empathisch, sehr professionell im Umgang mit Menschen und doch ist vom ersten Moment an klar, dass der Mann ein sehr einsamer und verlorener Mensch ist.

Für Michael sehen alle Menschen in seiner Umgebung gleich aus: dieselbe Stimme, dasselbe Gesicht; außer der Kleidung wird alles ein Brei. Ob Michael tatsächlich einem Wahn erliegt oder er nur einsam und/oder neurotisch ist, lässt der Regisseur und Spezialist für die Darstellung von verkorksten Leben, Charlie Kaufmann, natürlich offen. Es gibt starke Hinweise auf eine Krankheit, dem Fregoli-Syndrom. Zu dem Erscheinungsbild gehört, dass alle Menschen gleich aussehen und gleich klingen – in “Anomalisa” ist es der Name des Hotels und unter dem Pseudonym Pseudonym Francis Fregoli hat Kaufman das Bühnenstück verfasst. Aber letztendlich ist es egal, ob das detailgetreu hergestellte Knetmännchen Michael nun eine definierte Krankheit hat oder nicht – er fühlt sich nicht wohl in seiner Puppen-Haut.

In Michaels Leben aber fehlt der Esprit, er sieht so müde und erschöpft aus, seine Körperhaltung ist eher gebeugt und letztendlich erzählen seine Augenringe schon alles. Kein Wunder, dass er Probleme dabei bekommt, als er seinen Vortragstext einüben will. Die Welt da draußen ist verschwommen, neblig, fade und farblos.

Filmkritik "Anomalisa": Ein Knetmännchen in der Midlife-Krise

In dieser Nacht im Hotel wird Michael zwei Begegnungen haben, von denen eine das Potential auf einen Richtungswechsel in seinem Leben hat. Er wird seine verflossene Liebe Bella (Stimme Tom Noonan, 64, “Heavens Gate”, “Heat”, “Damages – Im Netz der Macht”) wiedersehen und einen Zufallstreffer später eine neue Frau, Lisa (Jennifer Jason Leigh), die im selben Hotel abgestiegen ist. Lisa ist so ganz anders als Michael und überhaupt die erste Person, die ein individuelles Gesicht hat. Und wie das so ist mit den Gegensätzen, die sich anziehen, landen die beiden ein paar Motion-Stopps später im Bett.

Zwei Knetfiguren in einem nicht jugendfreien Film, die Kategorie “Animationsfilm” bekommt hier eine neue Facette. Der Kunstgriff, reales Leben künstlich darzustellen, gelingt in “Anomalisa” vortrefflich und verschärft die unangenehm-peinlichen und trostlosen Lebenswelt eines zivilisierten Westeuropäers. Wie unter einem Brennglas führt Kaufman die Unmachbarkeit eines erfüllten Lebens vor – viel realer, als er es mit echten Schauspielern hätte machen können.

Filmkritik "Anomalisa": Ein Knetmännchen in der Midlife-Krise

Fazit: Der Kunstgriff von Kaufman und Johnson, einen lustigen und melancholisch-tristen Film mit Trickfiguren darzustellen, ist so einfach wie innovativ. Der zweite Coup ist, dass es lediglich drei Sprecher in “Anomalisa” gibt: der wunderbare David Thewlis spricht Michael, den Part der wundersam-anmutigen Lisa hat Jennifer Jason Leigh übernommen und alle anderen Charaktere – egal ob männlich oder weiblich – wurden von dem charismatischen Tom Noonan übernommen. (Ksthrin Wessel)

Fotos: Paramont