Mittwoch, 27. Januar 2016, 17:55 Uhr

Filmkritik "The Hateful 8": Wie schön brutal ist das denn?

Der neue Tarantino ist so episch breit wie lang (187 Minuten), scheint aus der Zeit gefallen oder eben zeitlos zu sein und Ennio Morricones Musik unterstreicht beides.

Filmkritik "The Hateful 8": Wie schön brutal ist das denn?

In der Tradition der großen Spagetti-Western erzählt Tarantino in seinem achten Film ‘The Hateful 8’ eine möderische Geschichte in Top 70 mm-Breitfilmqualität. Eins ist mal klar: Tarantino lässt sich Zeit. Er rollt zu Beginn des Films quasi den roten Teppich für Alt-Meister Ennio Morricone aus, indem er die gute alte Form der Overtüre im Kino wieder aufleben lässt. Für jede Einstellung, jede Szene, nimmt er sich ausufernd Zeit und ein angenehmer Effekt ist, dass die Zuschauer geerdet und entschleunigt werden. Nix schnelle Schnitte, raus mit der Pointe und zack weiter gehts.
Tarantinos Figuren kommen wieder einmal in den absurdesten Dialogen zum Leuchten und langsam, Kapitel für Kapitel, wird der Plot mit all seinen Finten in aller Pracht aufgefächert. Und dazu heult ein Schneesturm, dass man selbst den Kinosessel an einem zugigen Platz wähnt.

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‘The Hateful 8’ spielt im Winter – und was für einem! Nach ein paar Minuten volle Breitseite Schnee stellt sich fast Schneeblindheit ein. Und was ist wintertypischer als ein behaglicher Platz am Kamin oder eine gemütliche Kutschfahrt in einem Sechsspänner durch die verschneite Landschaft Wyomings? Kommt alles vor! Und doch werden diese Zutaten anders gemischt – eben nach Tarantino-Art.

Eine Postkutsche ist unterwegs in ein Kaff namens Red Rock, die Pferde werden von O.B., dem Kutscher angetrieben, denn hinter ihnen zieht ein gewaltiger Schneesturm auf. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865) ist schon Geschichte, aber der Kopfgeldjäger/Ex-Soldat Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der frech und westernlike mitten auf dem Weg auf seiner gestapelten “Beute” sitzt, trägt noch ausgeh-tauglich saubere Uniform.

Filmkritik "The Hateful 8": Wie schön brutal ist das denn?

In der Kutsche selbst sitzt ein äußerst illustres Paar: noch ein Kopfgeldjäger, John Ruth (Kurt Russell) und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh). Neben dem Ex-Soldat Warren wird später noch jemand zusteigen; Chris Mannix (Walton Goggins), der vorgibt, der neue Sheriff von Red Rock zu sein. Der Schneesturm zwingt den Kutscher, einen Zwischenstopp in Minnis Miederwarenladen. Und da warten schon andere Gestrandete und die Geschichte der “Hateful 8” nimmt ihren aberwitzigen Lauf.

In Minnies Miederwarenladen gehen merkwürdige Dinge vor sich. Nicht nur, dass es in besagten Laden, nichts dergleichen gibt – da war klar – aber auch von Minni selbst oder ihrem Mann, Sweet Dave, ist keine Spur zu sehen. Stattdessen bietet den Ankommenden ein Mexikaner namens Bob (Demian Bichir) an, sich um die Pferde zu kümmern und macht auch sonst einen netten Eindruck.

Filmkritik "The Hateful 8": Wie schön brutal ist das denn?

In der Hütte sitzen übrigens weitere zwielichtige Gestalten, die da wären: Oswaldo Mobray (Tim Roth wie immer toll, toll, toll), der supereitle Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) und ein alter Ex-General der Südstaaten, Sanford Smithers (Bruce Dern). Richtig gezählt, die “Hateful 8” sind jetzt vollständig in der Hütte. Dass die enge Unterkunft dazu führt, dass für Tarantino-Verhältnisse ruck-zuck brenzlige Situationen entstehen, das ist vorherzusehen, aber wie er diese Machtspiele und Geduldsproben seine Westernhelden in Szene setzt ist, ist Krimi, Rührstück-Schmonzette und Western in einem. Das widerlichste Raubein ist die gefangene Frau, der sentimentalste aller Kopfgeldjäger ist John Ruth, also Kurt Russel und eine Art “Hans-im-Glück” ist der Sherrif in spe, Chris Mannix (Walton Goggins): also alles ok im Kosmos Tarantino, denn nichts Geringeres ist dieser Mann.
Fazit: Exessesiv-Gewaltätiges Rührstück in Winterlandschaft in Kammerspielformat. Unbedingt hingehen! (Kathrin Wessel)

Filmkritik "The Hateful 8": Wie schön brutal ist das denn?

Fotos: Universum