Mittwoch, 17. Februar 2016, 23:04 Uhr

"Das Tagebuch der Anne Frank" auf der Berlinale

Das Jugendprogramm der Berlinale verspricht Kino auf Augenhöhe – und traut sich auch Filme ohne Happy End. Ein Beispiel: Die Neuverfilmung des Tagebuchs der Anne Frank.

"Das Tagebuch der Anne Frank" auf der Berlinale

Schauspielerin Lea van Acken (Foto oben und unten mit Kollegin Stella Kunkat) hat angefangen, Briefe an ihre Figur zu schreiben. Sie habe einen riesen Respekt vor der Rolle der Anne Frank gehabt, erzählt die 16-Jährige auf der Berlinale, wo sie die Neuverfilmung von ‘Das Tagebuch der Anne Frank’ vorstellte. Dann habe sie ihr geschrieben. “Und dann habe ich ihr über die Schule erzählt, über mich.” Das habe ein Verhältnis hergestellt.

Herausgekommen ist ein feinfühliger Film, der nah dran ist am Leben des Teenie-Mädchens (es wird geknutscht, getratscht, gestritten). Gleichzeitig erzählt er eine der bekanntesten Geschichten aus dem Holocaust: Das jüdische Mädchen Anne versteckt sich in Amsterdam mit seiner Familie vor den Nazis und führt bis 1944 Tagebuch. Der Spielfilm von Hans Steinbichler, der am 3. März in die Kinos kommt, ist einer von vielen Filmen aus dem Jugendprogramm des Berliner Festivals. Insgesamt wurden 2200 Filme eingereicht – daraus hat das Team vom Bereich Generation etwa 60 ausgewählt. Sie haben eine Gemeinsamkeit: Die Filme tragen nicht per se das Label Kinder- oder Jugendfilm, wie Leiterin Maryanne Redpath erklärt.

"Das Tagebuch der Anne Frank" auf der Berlinale

Das Team habe in erster Linie gute Filme gesucht, die auch einem jungen Publikum gefallen könnten, sagt sie. Viele Kinderfilme seien ja meist sehr brav – “mit einem Anfang, einer Mitte, einem Happy End”. Irgendwie so, wie man braves Benehmen von Kindern erwarte. Die Filmfestspiele wollen dem etwas entgegensetzen.

Da erzählt der türkische Film ‘Junge Ringer’ von Jungen, die als Ringer in einem Internat leben. Der Film ‘Zud’ führt in die Mongolei zu einem Jungen und zu Pferden. Im Kinderprogramm Kplus gehe es dieses Jahr viel um Bewegung, sagt Redpath, in gewisser Weise auch im Animationsfilm ‘Molly Monster’ – “ein abenteuerliches Road-Movie”.

Das Programm ab 14 Jahren erzählt dagegen oft vom Ausbrechen – vom Lösen aus zu eng gewordenen Gesellschaften, Traditionen, Familien. Der iranische Dokumentarfilm ‘Starless Dreams’ handelt von Mädchen in einem schwer bewachten Rehabilitationszentrum. Der deutsche Film ‘Meteorstraße’ erzählt von einem Kriegsflüchtling, und auch ‘Life on the Border’ spielt laut Programmheft in Flüchtlingslagern.

Ist es genau richtig, junge Menschen damit zu konfrontieren? Oder droht Überforderung? Redpath kennt diese Bedenken. Erwachsene redeten manchmal von Überforderung, wenn sie vom einen oder anderen Film hörten. Sie spreche aber viel mit dem jungen Publikum – und stelle fest, dass Kinder oft mehr verschiedene Filme mögen als man denke. Sie wollten im Kino lachen, weinen, zum Nachdenken gebracht werden.

“Klar gibt es auch Neunjährige, die lieben ganz langsam erzählte japanische Filme”, sagt Redpath. “Dieses Feedback bekommen wir ständig.” Und es gebe andere, denen sei das zu wenig Action. Es sei das Recht junger Menschen, verschiedene Geschmäcker zu haben. Dafür müsse man ihnen aber im jungen Alter auch verschiedene Filme zeigen. “Man muss sich darüber im Klaren sein, was auf der Welt passiert”, sagt auch Reinhold Schöffel vom Bundesverband Jugend und Film. “Da hilft es nichts, wenn man das Kindern vorenthält.” Sie seien ja online, im Fernsehen oder in Computerspielen auch mit anderen Inhalten konfrontiert. Auf einem Festival sähen junge Leute die Filme oft in Gruppen, etwa mit der Klasse, und könnten dann darüber reden.

Die Sparte Generation zeigt also unter anderem Filme über Bewegung (für Kinder), über das Ausbrechen (für Ältere) – und auch Filme über die Flucht in sich hinein, wie Redpath sagt. Denn junge Menschen hätten nicht immer die Möglichkeit, weit weg zu fliehen. Dann zögen sie sich stattdessen in sich selbst zurück. Ein wenig wie Anne Frank mit ihrem Tagebuch, gefangen in dem Versteck im Hinterhaus.

Der Film zeichnet das Porträt einer forschen, eigenwilligen, manchmal störrischen, meist liebenswerten Anne Frank. Regisseur Steinbichler sagt, er habe das Buch mit 13 als Junge gelesen, da habe er nicht in die Welt eintauchen können. Zehn Jahre später habe er etwas andocken können. Heute habe er das Gefühl, das Tagebuch sei wie gestern geschrieben. Anne Frank sei im Film wie eine Freundin, erzählen zwei 15-Jährige nach der Premiere. Sie sind so alt wie Anne, als ihr Versteck aufflog und sie 1945 in einem Konzentrationslager starb. (Julia Kilian, dpa)

Fotos: Universal Pictures