Sonntag, 21. Februar 2016, 19:52 Uhr

Tatort "Im gelobten Land": Faktencheck Menschenschmuggler

Ein Flüchtlingsheim in einem maroden Plattenbau-Areal – das heutige ‘Tatort‘-Setting könnte kaum düsterer sein. Hier verstecken sich zwei Menschenschmuggler, die Polizei und einen Profikiller im Nacken haben. Ein Fall für das Stuttgarter Ermittlerduo Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller).

Tatort "Im gelobten Land": Faktencheck Menschenschmuggler

Der Polizeieinsatz geht furchtbar schief. Statt Drogen finden die Fahnder im Stuttgarter ‘Tatort’ 23 Tote in einem Lastwagen auf einem Autobahn-Rastplatz. Die Flüchtlinge waren in Bretterverschlägen erstickt – hätte die Polizei nicht so lange auf die Ankunft von Schmugglern gewartet, wären die Afrikaner gerettet worden. “23 Menschen sind krepiert, während wir 20 Meter entfernt waren”, ringt Ermittler Thorsten Lannert um Fassung. Zusammen mit seinem Partner Sebastian Bootz will er die Verantwortlichen zur Strecke bringen. ‘Tatort – Im gelobten Land’ ist ein düsterer TV-Film mit realem Bezug.

Eine Stärke des neuen Stuttgarter Krimis ist es, dass der Drehbuchautor, ‘Tatort’-Routinier Christian Jeltsch, und Regisseur Züli Aladag auf das private Bohey verzichten und sich auf das Flüchtlingsdrama konzentrieren. Trotz logischer Schwächen – etwa den Schüssen von Kommissar Bootz auf einen Elitekiller in John-Wayne-Manier – ist der ‘Tatort’ überaus sehenswert.

Tatort "Im gelobten Land": Faktencheck Menschenschmuggler

Der Film bezieht sich auf 71 Flüchtlinge, die im vergangenen Sommer in einem Schleuser-Lastwagen in Österreich starben. Ob so etwas auch in Deutschland passieren könnte? Hier der Realitäts-Check:

Kommen Menschen überhaupt mittels Schleuser in Lkw nach Deutschland?
Die Grenzen nach Deutschland werden derzeit zwar vorübergehend kontrolliert, sind aber offen. Momentan gebe es also wenig Grund, mit Hilfe von Schleusern nach Deutschland einzureisen, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Albert Scherr, Soziologe und Mitglied des Vereins Rat für Migration, aber sagt: Viele Menschen könnten die Fluchtroute durch Europa nicht zu Fuß bewältigen und suchten Alternativen. Mittels eines Schleusers nach Deutschland zu reisen ist auch eine Möglichkeit für Menschen, die kein Asyl beantragen oder die in andere Länder weiterreisen wollen.

Wie oft werden Menschen in Lkw oder Kleintransportern nach Deutschland geschleust?
Der Bundespolizei zufolge wurden zwischen Anfang Juli 2015 und dem 9. Februar dieses Jahres 64 Menschen entdeckt, die in Lastwagen oder kleineren Transportern nach Deutschland geschleust wurden. Diese Schleppermethode sei aber eher die Ausnahme. Viel häufiger werden demnach Flüchtlinge in normalen Autos über die Grenze gebracht. Zahlen hierzu werden derzeit von der Bundespolizei nicht erfasst.

Tatort "Im gelobten Land": Faktencheck Menschenschmuggler

Wären Todesfälle wie in dem Lkw in Österreich auch in Deutschland möglich?
Die Lkw und Kleintransporter, in denen Menschen illegal über die Grenze gebracht werden, seien meistens nicht für den Personenverkehr gebaut, sagt eine Sprecherin der Bundespolizei. Daher sei der Transport oft sehr gefährlich. Viele der Migranten, die aufgefunden wurden, seien dehydriert gewesen und hätten über Sauerstoffmangel geklagt. Unfälle im Schleusergeschäft mit Lastern seien relativ selten, berichtet Dünnwald. Denn Todesfälle seien aus Sicht von Schleppern für das Geschäft sehr schlecht.

Was sind die Schleuser für Menschen?
Dünnwald zufolge sind die meisten Schlepper lokale Akteure, die bestimmte Dienstleistungen anbieten, etwa einen falschen Pass, eine Wohnung als Unterschlupf oder eben Transportmittel über eine Grenze. Vor allem Fahrer von Schleuser-Transporten haben demnach oft gute Ortskenntnisse. Zudem gebe es große, teils transkontinentale Netzwerke. Diese veränderten sich stetig, je nachdem, wie sich die Situation an den Grenzen entwickle.

Tatort "Im gelobten Land": Faktencheck Menschenschmuggler

Wie lukrativ ist das Geschäft für die Schlepper?
Wie viel Migranten für das Schleusen zahlen müssen, ist je nach Herkunftsland, Route und Schleusungsmethode unterschiedlich. Laut Bundespolizei können Schlepper zum Beispiel 600 bis 800 Euro pro Person für den Transport von Mailand nach Frankfurt und 1400 bis 2000 Euro von Mailand nach Kopenhagen verlangen. Für Kinder ist es demnach bei einigen Schleusergruppen etwas günstiger.

Wie kann man das verhindern?
Grenzkontrollen sind eine Option, so werden teilweise Schlepper erwischt. Nach Meinung Dünnwalds zwingen Strafverfolgungsbehörden Schleuser indes lediglich, neue Routen und neue Möglichkeiten zu schaffen. Schließt Deutschland etwa seine Grenzen, “dann wird das Schmuggelgeschäft entsprechend wieder aufblühen.” Scherr sagt, so lange es für Flüchtlinge keine legale Einreisemöglichkeiten nach Europa gebe, würden Schlepper-Netzwerke davon profitieren.

Fotos: SWR/Johannes Krieg