Mittwoch, 02. März 2016, 19:35 Uhr

Interview: Tom Schilling im Wettbetrüger-Thriller "Auf kurzer Distanz"

Wo es um viel Geld geht, ist die Mafia nicht weit. Das gilt auch für Sportwetten. Das Manipulieren von Fußballspielen ist ein lukratives Geschäft für die organisierte Kriminalität. Und eins, in dem Misstrauen, Lüge, Verrat und Gewalt alltäglich sind wie in ‘Auf kurze Distanz’.

Interview: Tom Schilling im Wettbetrüger-Thriller "Auf kurzer Distanz"

Den Thriller, bei dem Philipp Kadelbach Regie führte, zeigt das Erste heute ab 20.15 Uhr. Es ist kein Film für gemütliche Abende auf dem Sofa. Dafür spielt er zu viel in trostlosen Wettbüros. Und dafür wird auch viel zu oft so hart zugeschlagen, dass das Nasenbein bricht. Der Film endet mit der Szene, mit der er beginnt. Aber am Anfang ist sie nicht vollständig zu sehen: Da sind vier Männer im Wald. “Für die Familie”, sagt der eine und reicht eine Waffe weiter. Einer der beiden Jüngeren soll den Vierten erschießen. Was dann passiert, bleibt unklar. Aber die Zuschauer sind eingestimmt auf einen Thriller, in dem es brutal zur Sache geht und immer wieder Blut fließt, auch wenn es nicht jedes Mal Tote gibt…

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Klaus Roth, ein Polizist, der sich als verdeckter Ermittler in die serbische Wettmafia einschleusen lässt. Tom Schilling (‘Unsere Mütter, unsere Väter’, ‘Who Am I – Kein System ist sicher‘) ist für diese Rolle eine ideale Besetzung. “Ich mag ihn gern, den Klaus Roth”, sagte Schilling in einem Interview mit der ARD. “Unter den Kollegen gilt er als schwierig. Er hat ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, wodurch er manchmal zur Überreaktionen neigt.”

Schilling (34) spielt den sensiblen, eher zurückhaltenden als großspurigen jungen Polizisten mindestens so glaubwürdig wie Edin Hasanovic den jungen Serben Luka. Die beiden stehen auf unterschiedlichen Seiten, aber sie kommen sich immer näher, und in gewisser Weise mögen sie sich sogar. Im ARD-Interview sprach er ausführlich über seine Rolle. Hier ein Auszug.

Bitte charakterisieren Sie Ihre Figur Klaus? Was an ihm ist Ihnen fremd, was ist Ihnen nah?
Klaus Roth ist ein Polizist Ende zwanzig. Unter den Kollegen gilt er als schwierig. Er hat ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden,
wodurch er manchmal zur Überreaktion neigt. Er ist sich selbst gegenüber sehr streng und erwartet auch von anderen Perfektionismus. Seine Lebensmaxime lautet: ganz oder gar nicht. Klaus möchte – wie wir alle – wahrgenommen und geliebt werden. Durch seine schwierigen Familienverhältnisse ist dieser Wunsch möglicherweise ungesund übersteigert. Immer zwanghafter sucht er die Bestätigung, stößt infolgedessen auf Ablehnung, was seine Angst zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung macht. Sukzessive isoliert er sich, was ihn zu dem vereinsamten Mann werden lässt, der sich uns im Film zeigt. All dies ist mir nicht unbekannt und dennoch ist die Figur sehr weit von mir entfernt. Seine Nöte und Ängste kann ich aber sehr gut nachempfinden. Ich mag ihn gern, den Klaus Roth.

Interview: Tom Schilling im Wettbetrüger-Thriller "Auf kurzer Distanz"

Wie haben Sie sich diesem Charakter genähert? Haben Sie sich auf diese Rolle speziell vorbereitet?
Einige sehenswerte Dokumentationen haben mir geholfen, komplizierte Wettbetrugsvorgänge zu begreifen. Auch gibt es tolle Filme über verdeckte Ermittler, allen voran Donnie Brasco. Darüber hinaus haben Philipp Kadelbach und ich einen verdeckten Ermittler getroffen, der uns interessante
Einblicke in sein Leben gewährt hat. Für die Figur hat mir eine körperliche Annäherung sehr geholfen. Von Anfang an war mir klar, dass Klaus sich selbst nichts schenkt. Er hat eigentlich nur sich selbst und viel Langeweile. Ich stellte mir vor, dass der Sport sein einziges Hobby ist, hier kriegt er seinen Kopf frei, hier hat er Frieden. Ich habe vier Monate vor Drehbeginn mit einem intensiven Kraft- und Ausdauerprogramm begonnen, fünf Tage die Woche, dazu einen strengen Ernährungsplan. Die nötige Disziplin hat mich in den Modus der Figur gebracht, das veränderte Körpergefühl beeinflusst nicht nur den Gang, sondern auch das Denken.

Waren Sie vor den Dreharbeiten schon mal in einem Wettbüro oder ähnlichem?
Vor den Dreharbeiten habe ich zusammen mit Edin ein Wettbüro In Berlin Neukölln besucht. Anfänglich waren wir sehr unsicher, fühlten uns fremd. Die Atmosphäre ist schon recht speziell. Wir spürten, dass man uns ansah, dass wir noch nie ein Wettbüro von innen gesehen hatten … die diversen Monitore zeigten zahlreiche Tabellen, mit sich ständig ändernden Zahlenreihen. Wir hatten keinen Schimmer, was das alles bedeutet. Wir haben dann einfach einen sehr sympathisch wirkenden Mann angesprochen, wie das alles funktioniert. Er nahm sich dann viel Zeit für uns und beantwortete auch die wirklich dümmsten Fragen. So durchliefen wir unseren Wett-Crashkurs und staunten sehr, auf welch absurde Spiele man setzen kann, und dass man selbst auf die kleinsten Veränderungen innerhalb eines Spiels wetten kann. Der junge Mann war übrigens Philosophie- und Literatur-Student und hat sehr kontrolliert und konservativ gewettet … er sagte, somit verdiene er sich etwas zum Studium dazu.

Interview: Tom Schilling im Wettbetrüger-Thriller "Auf kurzer Distanz"

Es gibt eine spektakuläre Stunt-Szene, in der Klaus Luka bei der Flucht vor der Polizei hilft. Was ist das Besondere an dieser Szene? Wie haben Sie die Dreharbeiten hierzu erlebt?
Solche Szenen sind für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Alles muss perfekt zusammen spielen, die Stunt-Technik, die Kamera und die Schauspieler. Da ich das Auto tatsächlich gefahren habe, war meine Aufgabe natürlich nicht unwesentlich. Ich musste mich sowohl auf das Auto, die Kamera und mein Spiel konzentrieren. In solchen Momenten bin ich voller Adrenalin, meine Sinne sind vollkommen geschärft, denn bei Filmen im unteren Budgetbereich kann man solche Szenen teilweise nur ein einziges Mal drehen. Ich persönlich mag solche Drehtage unglaublich gern.

Hat sich nach den Dreharbeiten zu diesem Film Ihr Blick auf den Sport verändert?
Ich denke, der Profisport ist in jeglichem Bereich hinüber. Die enormen Erlöse, die durch Sportvermarktung zu erzielen sind, haben den Sport kaputt gemacht. Zum flächendeckenden Doping (in beinahe jeder Sportart), der Korruption, kommt nun noch der Wettbetrug im großen Stil dazu.
Man muss naiv oder ignorant sein, glaubt man, es ginge alles mit rechten Dingen zu. (KT/dpa/WDR)

Fotos: WDR/UFA FICTION GmbH/Jakub Bejnarowicz,