Samstag, 19. März 2016, 19:53 Uhr

"Ku'damm 56": Alles über den neuen Fernseh-Dreiteiler

Mediale Zeitreisen in frühere Jahrzehnte sind für viele Fernsehzuschauer häufig Erinnerungsreisen in die eigene Vergangenheit. Nun führt uns ein neuer TV-Dreiteiler zurück in die 50er Jahre – mitten hinein ins Wirtschaftswunder-Deutschland.

"Ku'damm 56": Alles über den neuen Fernseh-Dreiteiler

Die 50er Jahre in Deutschland waren geprägt von Wiederaufbau und beginnendem Wirtschaftswunder. Das zeigte sich ganz besonders in Berlin, das nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend in Trümmern lag. Doch die Menschen suchten nach neuen Herausforderungen und sehnten sich nach Zerstreuung. Darum – und um einiges mehr – geht es in dem Dreiteiler ‘Ku’damm 56’, der am Sonntag (20.15 Uhr) im ZDF startet. (Weitere Sendetermine: Montag, 21.3., und Mittwoch, 22.3.)

Wie der Filmtitel bereits vermuten lässt, spielt der Dreiteiler im Jahr 1956. Direkt am Berliner Kurfürstendamm – im Volksmund gerne Ku’damm genannt – betreibt Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) die gut gehende Tanzschule “Galant” – nur Standardtänze, Benimmregeln inklusive. Sie hat drei Töchter allein großgezogen, der Gatte gilt offiziell als verschollen (taucht später jedoch im Osten der Stadt auf). Lediglich Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht), ein Freund der Familie, unterstützt sie bei der Arbeit (und gern auch privat).

Caterinas jüngste Tochter Monika (Sonja Gerhardt) ist ihr Sorgenkind: Die graue Maus fliegt wegen ungebührlichen Benehmens von der Hauswirtschaftsschule und kehrt zurück in die mütterliche Wohnung, in der auch ihre Schwestern Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle) leben.

In dieser Enge muss es krachen: Helga zieht bald aus, hadert mit ihrer neuen Rolle als Hausfrau und stellt fest, dass ihr frisch angetrauter Ehemann Wolfgang (August Wittgenstein) eigentlich viel lieber Männer mag – doch man breitet den Mantel des Schweigens darüber und arrangiert sich. Eva verliebt sich in den verheirateten Fußballer Rudi (Steve Windolf) – obwohl die Krankenschwester in ihrem deutlich älteren Chef, den Nervenarzt Prof. Dr. Fassbender (Heino Ferch), bereits glaubte, eine gute Partie gefunden zu haben.

"Ku'damm 56": Alles über den neuen Fernseh-Dreiteiler

Und Monika? Sie wird daheim vom aufgeblasenen Fabrikantensohn Joachim Frank (Sabin Tambrea) vergewaltigt – was als Ausdruck von “Zügellosigkeit”, sogar als “Schandfleck” für sie (nicht für ihn) ebenfalls unter den Teppich gekehrt wird. Dann entdeckt sie – durch den Bandleader Freddy Donath (Trystan Pütter) – ihre Liebe zum Rock’n’Roll, wovon die Mama natürlich auch nicht gerade angetan ist.

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Angetan sein kann man jedoch von den Schauspielern, die hier mit vollem Elan dabei sind. Allen voran Claudia Michelsen, die ihre Rolle als konservative Tanzlehrerin, gestrenge Mama und heimliche Geliebte glänzend ausfüllt. Einerseits pocht sie auf Sitte und Anstand, andererseits ermuntert sie ihre Töchter, sich “fraulich” zu zeigen.

Aber auch alle drei Film-Töchter behaupten sich gut, insbesondere Sonja Gerhardt weiß als junge Frau zu überzeugen, die über eine Vergewaltigung und eine ungewollte Schwangerschaft hinwegkommen muss und ihren ganz eigenen Weg gehen will, ohne wohl zu wissen, dass man das bald den Wunsch nach Gleichberechtigung nennen wird.

Das ist genau das Thema, das Star-Produzent Nico Hofmann (56, ‘Unsere Mütter, unsere Väter’) an dem Stoff interessiert hat: «Wie konnten sich Frauen in jener Zeit überhaupt emanzipieren? Was für ein Frauenbild gab es damals? Frauen durften in einer Ehe ja nichts alleine, also ohne das Einverständnis ihres Mannes, entscheiden. Uns hat darüber hinaus beschäftigt, wie unsere Mütter die Sexualität in den 50er Jahren erlebt haben», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Auch um Homosexualität geht es, ebenfalls ein Tabu dieser Zeit. “Homosexuelle Menschen galten seinerzeit als krank – was aus heutiger Sicht unvorstellbar erscheint”, sagte Hofmann dazu.

"Ku'damm 56": Alles über den neuen Fernseh-Dreiteiler

Relevante Themen, gut im Unterhaltungsformat umgesetzt – auch wenn der Start des Dreiteilers auf dem ‘Rosamunde Pilcher’-Sendeplatz im ZDF und gegen den ‘Tatort’ im Ersten schon ein wenig gewagt anmutet. Vermutlich wäre der Montagabend da besser gewesen.

Doch der Film (Regie: Sven Bohse) ist als Zeitkolorit äußerst präzise recherchiert, atmosphärisch dicht und sehr packend erzählt – darüber können die hübschen Pastelltöne des Films keineswegs hinwegtäuschen. Die Figuren machen sämtlich eine beachtliche Wandlung durch. Die Ausstattung von der Kleidung über die Haushaltsgeräte bis zu den Autos ist superb, die Musik fabelhaft, und es wird viel und spektakulär getanzt.

Die Mischung aus verklemmter Spießigkeit, schwer auszuhaltender Biederkeit, sanfter Rebellion und zaghaften Schritten hin zur Emanzipation in den 50er Jahren ist gelungen und dürfte gerne – beispielsweise als Serie wie die US-Produktion ‘Vinyl’ – fortgesetzt werden. (Klaus Braeuer, dpa)

"Ku'damm 56": Alles über den neuen Fernseh-Dreiteiler

Fotios: ZDF/Stefan Erhard