Sonntag, 10. April 2016, 19:21 Uhr

Neues aus Absurdistan: Türkei verlangt Strafe für Jan Böhmermanns Satire!

Jetzt wird es spannend, ob sich Deutschland dem selbstherrlichen türkischen Herrscher Erdogan beugt. Die Türkei verlangt allen Ernstes eine Bestrafung des Satirikers Jan Böhmermann nach dessen Schmähgedicht über Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Neues aus Absurdistan: Türkei verlangt Strafe für Jan Böhmermanns Satire!

Das Auswärtige Amt erhielt eine entsprechende Verbalnote, wie es heute aus Berliner Regierungskreisen hieß. Zuvor hatte der ‘Tagespiegel’ darüber berichtet. Die Bundesregierung werde den Inhalt der Note sorgfältig prüfen und zügig entscheiden, wie mit dem türkischen Verlangen nach Strafverfolgung umzugehen sei, hieß es. Dazu würden Mitarbeiter des Kanzleramts, des Auswärtigen Amts und des Justizministeriums Anfang der Woche zusammenkommen.

Böhmermann hatte das Gedicht mit dem Titel ‘Schmähkritik’ am 31. März in seiner satirischen Fernsehshow ‘Neo Magazin Royale’ präsentiert – und vorher und auch zwischendurch immer wieder ausdrücklich darauf hingewiesen, dass so etwas in Deutschland nicht erlaubt sei! Die Staatsanwaltschaft ermittelt schon, weil es Anzeigen gegen Böhmermann und ZDF-Verantwortliche gab.

Anlass für das Schmähgedicht war Erdogans Protest gegen einen Satire-Beitrag des NDR-Fernsehmagazins ‘extra 3’. Nach eigenen Worten wollte Böhmermann daraufhin an einem praktischen Beispiel erklären, was in Deutschland von der Satire-Freiheit gedeckt sei und was nicht.

Neues aus Absurdistan: Türkei verlangt Strafe für Jan Böhmermanns Satire!

Mehrere Medien rücken die Debatte – mehr oder weniger augenzwinkernd – in die Nähe einer Staatsaffäre. “In Deutschland brach eine Art Staatskrise aus, nur weil Sie Herrn Erdogan als ‘Ziegenficker’ bezeichnet haben”, schrieb Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner in einem offenen Brief an Böhmermann. “Ich finde Ihr Gedicht gelungen. Ich habe laut gelacht”, bekannte der Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Medienhauses in der ‘Welt am Sonntag’.

Justizminister Heiko Maas (SPD) sagte in einem ‘Tagesspiegel’-Interview auf die Frage, was er von Böhmermann halte: “Er hat selbst gesagt, er habe ganz gezielt die Grenzen der Meinungsfreiheit ausloten wollen.” Maas wollte sich nicht dazu äußern, ob Böhmermann die Grenzen überschritten habe. Das stehe ihm als Justizminister nicht zu, sagte Maas auch mit Blick auf die laufenden Ermittlungen.

Von Böhmermann selbst war am Wochenende nichts zu hören. Eine Einladung zur ARD-Talkshow von Anne Will schlug er aus, wie eine Sprecherin der Moderatorin einen entsprechenden ‘Bild’-Bericht bestätigte. Demnach sagte auch ‘extra 3’-Moderator Christian Ehring seine Teilnahme an dem Polit-Talk zum Thema “Streit um Erdogan-Kritik – Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?” ab.

Auf Radio Eins vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) ließ Böhmermann außerdem seine Satire-Sendung ‘Sanft & Sorgfältig’ ausfallen. Die Show, die er gemeinsam mit dem Musiker und Moderator Olli Schulz präsentiert, ist normalerweise sonntags zu hören. “Sie wissen ja sicher, was gerade rund um Jan Böhmermann los ist. Er hat es deshalb in dieser Woche nicht geschafft, diese schöne Unterhaltungssendung aufzunehmen”, war am Sonntag im Internetauftritt von Radio Eins zu lesen.

Böhmermann war bereits am Freitagabend der Grimme-Preisverleihung im westfälischen Marl ferngeblieben. Dort wurde er für seine Satire um den Stinkefinger des ehemaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis ausgezeichnet (‘Varoufake’). Vom Deutschen Volkshochschul-Verband als Preisstifter erhielt der 35-Jährige zusätzlich die “Besondere Ehrung” für seine Verdienste um die Entwicklung des Fernsehens in der digitalen Welt. Dass die Grimme-Preisverleihung zeitlich mit der Debatte um das Erdogan-Gedicht zusammenfiel, war Zufall. Jetzt wird es spannend ob die deutsche Regierung tatsächlich vor dem selbstherrlichen Herrscher in die Knie geht – wegen einer Satire.

Was hat Böhmermann eigentlich gemacht? In einem Kommentar des SWR heißt es: “Das, was Böhmermann vorgetragen hat, ist aber keine übliche Schmähkritik. Sein gesamter Vortrag, mit seinen Einordnungen und Erläuterungen, unterscheidet sich deutlich von anderen Beschimpfungen und Beleidigungen, die man sonst als Schmähkritik einstufen würde. Man muss auch die Zusammenhänge genau betrachten. Erdogan hat versucht, die NDR-Kollegen von extra 3 mundtot zu machen. Er wollte eine kritische Berichterstattung in Form von Satire über ihn verhindern. Wer wie Erdogan agiert und mittlerweile kritische Journalisten sogar im Ausland verfolgt, muss sich deutlich mehr gefallen lassen als andere.”

Hubertus Knabe, Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, sagte dem Handelsblatt: “Ich finde es höchst problematisch, wenn die Bundesregierung strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Satiriker befördert oder gar initiiert. Das gibt es sonst nur in Diktaturen oder in Staaten, die auf dem Weg dorthin sind“.

Was ist das für ein Staatsmann, der sich andauernd beleidigt fühlt und deshalb in seinem 1800 Personen verklagt hat!? Es muß dringend unterbunden werden, dass Despot Erdogan jetzt auch noch nach eigenem Gutdünken deutsche Künstler in ihrer Heimat verfolgt! Die Bundesregierung hat sich hinter ihre Künstler zu stellen und das deutlich aussprechen, was Erdogan selbst für sich eingefordert hat, nämlich dass man sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einmischt. (dpa/KT)

Foto: ZDF/Ben Knabe, Seskim/WENN.com