Sonntag, 17. April 2016, 14:55 Uhr

M83: Die französische Dreampop-Band hat jetzt ein großes Album draußen

Fünf Jahre ist es jetzt schon her seit die Franzosen von M83 mit ihrem letzten Album „Hurry Up, We’re Dreaming“ das Musik-Biz flaschten. Mit „Midnight City“ landeten sie einen Radiohit, der sogar für eine große Autowerbung genutzt wurde. Und sonst so?

M83: Die französische Dreampop-Band hat jetzt ein großes Album draußen

Als Vorgruppe von Depeche Mode wurde im Vorprogramm um den Globus gereist. Also eine Bilanz, die sich durchaus sehen beziehungsweise hören lassen kann. Mit „Junk“ ist jetzt das neue Album am Start. Frontmann und Mastermind Anthony Gonzalez sprach mit klatsch-tratsch.de über weinende Männer, seine Vorliebe für Französisch und Versteckspiele auf der Bühne.

Da ist es endlich: Dein neues Album …
Ja, die Platte ist irgendwie sehr eklektisch geworden. Hinter jedem meiner bisherigen Alben steckte ein klares Konzept, aber diesmal ist das nicht so. Ich wollte einfach nur an einer Songkollektion arbeiten, die mich vor die Herausforderung stellt, alle Tracks auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu müssen. Ich wollte verschiedene Musikstile vereinen. Es sollte nicht einfach nur ein Album voller 70er Jahre Balladen werden oder so. Stattdessen wollte ich eine Platte machen, die tanzbar ist und Freude verbreitet aber zugleich auch traurige und melancholische Momente enthält. All diese verschiedenen Gefühle wollte ich kombinieren. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, die Hörer an einen neuen Ort mitzunehmen anstatt die Reise des letzten Albums zu wiederholen. Ich versuche immer, mich nicht zu wiederholen, und ich hoffe das mir das auch mit der neuen Platte gelungen ist.

Klingt nach einer Menge Möglichkeiten …. Musstest du dich da nicht doch auch einschränken, um fertig zu werden?
Nach dem Erfolg des letzten Albums wurde mir klar, dass ich nun die Freiheit habe, zu tun, was immer ich gerade tun will. Ich wusste, dass die Leute von mir erwarten würden, dass ich diesen erfolgreichen Ansatz weiterführen würde, aber das wollte ich eben nicht. Ich hatte ein Doppelalbum produziert, dessen Erfolg für mich sehr überraschend kam, und jetzt war es eben an der Zeit für mich zu sagen: „Fuck off! Ich nehme jetzt ein Album auf, das niemand von mir erwartet.“

Die Stimmung ist anders. Es klingt alles ein bisschen leichter …
Ja, ich wollte dieses Image der Band mit den großen, opulenten Songs aufbrechen und mich stattdessen mit etwas Frischem und Leichterem zurückmelden. Dennoch sollten einige Songs diese gewisse Melancholie und Traurigkeit transportieren. Ich wollte meinen Sound ein wenig verändern und mit anderen Künstlern arbeiten. Es gibt viele Kollaborationen auf der Platte – viel mehr als auf allen meinen bisherigen Alben. Das ist eine ziemliche Neuerung. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich selbst auf dem letzten Album zu sehr im Fokus stand. Ich wollte auf der neuen Platte quasi weniger präsent sein und nicht als der Frontmann in Erscheinung treten, weil mir diese Rolle auf dem letzten Album nicht wirklich gut gefallen hat.

An der Platte haben viele andere Künstler mitgewirkt. Susanne Sandfør, mit der ich schon bei vielen Projekten zusammengearbeitet habe, ist zum Beispiel dabei. Von ihr bin ich wirklich ein großer Fan. Ich halte sie für eine der wunderbarsten Sängerinnen der Gegenwart. Sie hat dem Song, den ich mit ihr aufgenommen habe, eine ganz besondere Emotionalität verliehen. Ihre Stimme ist einfach sehr speziell, man erkennt sie schon nach den ersten Sekunden. Das liegt an diesem einzigartigen Timbre, das mir so an ihrer Stimme gefällt. Außerdem ist eine französische Sängerin namens Mai Lan auf dem Album zu hören. Wir sind uns per Zufall über den Weg gelaufen. Unsere Begegnung war ein echter Glücksfall. Sie ist wie ein Chamäleon, kann sich verwandeln und viele verschiedene Rollen spielen. Das finde ich sehr faszinierend, sehr reizvoll und anziehend. Wir hatten viel Spaß zusammen, aber ich habe auch oft weinen müssen. Wir haben gemeinsam ein Duett auf Französisch aufgenommen und ich war so bewegt von ihrer Performance. Diese Aufnahme war eine ganz besondere Erfahrung für mich.

M83: Die französische Dreampop-Band hat jetzt ein großes Album draußen

Du hast nicht wirklich geweint, oder?
Doch, aber erst als ich mir den Song nach der Aufnahme angehört habe. Ich habe also nicht vor ihren Augen geweint. Niemand will der Typ sein, der in Gegenwart einer Frau rumheult. Auf den meisten Songs der Platte singt sie auf Englisch, aber auf Französisch erinnert mich ihre Stimme an all die Sängerinnen, die ich in meiner Jugend verehrt habe. Sie hat diese gewisse Sanftheit in ihrer Stimme und sie klingt sehr romantisch, wenn sie auf Französisch singt. Das finde ich sehr ansprechend.

Verändert es etwas, auf Französisch zu singen?
Auf jeden Fall! Ich habe in meiner Jugend sehr viel französische Musik gehört. Deshalb versetzt mich das zurück in eine Zeit, die ich sehr vermisse, und es löst etwas ganz Spezielles in meinem Herzen aus.

Ist es also ein nostalgisches Album?
Ich glaube schon, ja. Speziell während der letzten sechs Monate der Aufnahmen ging es mir nicht besonders gut. Ich vermisste meine Heimat, meine Kultur, meine Freunde und meine Familie. Speziell meine Freunde fehlten mir sehr. Als dann noch die Anschläge in Paris passierten, fühlte ich mich total nutzlos in meinem Studio. Ich fühlte mich so überflüssig, weil ich nicht helfen konnte. Das hat meinen Kopf und mein Herz ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Und mir wurde plötzlich klar, dass mir diese Menschen einfach sehr fehlen. Ich glaube, das hört man manchen Songs auf der Platte auch an. Einige Stücke sind wesentlich melancholischer als der Rest.

Du hast gesagt, dass Album soll modern und gleichzeitig old-school klingen. Hast du das erreicht?
Ich hoffe, dass mir das gelungen ist. Das war eines meiner Hauptziele. Nach dem Erfolg des letzten Albums standen mir viele verschiedene Wege offen, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, auf einmal einen total modernen Sound zu produzieren. Heute versuchen alle, diesen typischen R’n’B Sound zu produzieren, mit fetter Kickdrum, der zugleich sehr entspannt aber auch ein wenig seltsam klingt. Aber das ist nicht mein Stil. Dieser Sound spricht mich nicht besonders an. Auf diesem Album wollte ich mich daran erinnern, was mir an Musik, am Fernsehen und an bestimmen Filmen so sehr gefällt. Diese Platte gab mir die Möglichkeit, all diese Dinge aufzugreifen, die mich als Kind und als Teenager fasziniert und bewegt haben. Aber dennoch wollte ich auch zeitgemäß klingen. Das war nicht einfach umzusetzen. Ich wollte einen Sound kreieren, der einerseits an die Fernsehserien der 70er Jahre erinnert, aber zugleich auch moderne Elemente enthält.

Du hast dich dieses Mal an den Sound von TV-Serien orientiert. Gibt es da einen Baukasten, den man immer wieder anwenden kann?
Ich weiß nicht. Ich versuche, jeden Tag neue Melodien zu schreiben, auch wenn ich 90 Prozent davon später verwerfe. Aber ich erkunde stets neue Möglichkeiten – auf dem Klavier oder auf dem Keyboard. Eines Tages spielte ich diese Akkorde, die mich an die Serien von damals erinnerten, und auf einmal kamen das Schlagzeug und der Bass hinzu und ich wusste, dass jetzt nur noch die Streicher fehlten. Ganz plötzlich hat man dann ein Stück, das fast wie ein Klassiker klingt – obwohl dieser Ausdruck hier sehr prätentiös klingt. Aber man ist auf einmal eben ganz nah dran, an der Art und Weise, wie die Leute in den 70ern und 80ern Musik gemacht haben. Aus irgendeinem Grund hat mir das ein gutes Gefühl gegeben. Ich wusste, dass das die Richtung für das neue Album sein würde, weil es in meinen Augen einfach Sinn ergab. Dieser Sound spiegelte meine Gefühlswelt während der Aufnahmen wieder. Er fühlte sich für mich total natürlich an. Das war es, was mir so daran gefiel.

Das klingt aber schon ganz schön kitschig …
Ja, das stimmt absolut! Während der Produktion des Albuma haben wir sehr viel gelacht, weil wir auf einmal musikalisches Terrain betreten hatten, von dem wir nie geglaubt hätten, dass wir dort einmal landen würden. Es fühlte sich fast an, als würden wir damit eine Grenze überschreiten, aber uns hat es einfach Spaß gemacht. Wir haben gelacht und getanzt. Es ist toll, wenn es dir Freude macht, Musik zu schreiben und zu spielen – und wenn die Leute diese Musik nicht nachvollziehen können, dann hatte ich zumindest meinen Spaß während der Aufnahmen.

Du bist immer sehr schüchtern in der Öffentlichkeit. Du magst es sogar dich auch auf der Bühne zu verstecken. Nach dem Erfolg des letzten Albums muss das schwieriger gewesen sein, oder?
Ich spreche nicht gern über meine Musik und über meine Person. Wenn ich unter Leuten bin und auf einmal einer meiner Songs läuft, dann muss ich fliehen und den Raum verlassen, weil ich mich einfach nicht wohlfühle. Ich mag keine Fototermine und ich mag es nicht, vorn auf der Bühne zu stehen – auch wenn mir das beim letzten Album sogar einigen Spaß gemacht hat. Aber so richtig kann ich mich mit all dem nicht anfreunden. Ich spreche einfach nicht gerne über meine Musik. Ich trete auch nie in meinen Videos auf und ich bin auf keinem Albumcover zu sehen. Mir gefällt das so. Ich wüsste nicht, warum ich das ändern sollte. Ich kann das auch nicht so richtig erklären. Vielleicht habe ich zu wenig Selbstvertrauen, vielleicht bin ich einfach schüchtern. So ist das nun mal. Aber es läuft ja ganz gut so.