Mittwoch, 20. April 2016, 22:49 Uhr

Letzter Road Trip: Miss Norma (91) hat Krebs und haut ab

Sie ist 91 Jahre alt, sie hat Krebs und fährt kreuz und quer durch die USA. Norma Bauerschmidt verbringt den letzten Abschnitt ihres Lebens lieber auf einem Road Trip als im Krankenhaus. Schon über 360.000 Menschen schauen ihr zu.

Letzter Road Trip: Miss Norma (91) hat Krebs und haut ab

Norma ist nicht zu bremsen. Sie kurvt mit ihrem Rollstuhl am Grand Canyon entlang, wagt ein paar Schritte an den karibischen Stränden Floridas und schnuppert in den Rocky Mountains Höhenluft. Es ist ein Road Trip der besonderen Art, denn Norma Bauerschmidt aus dem US-Bundesstaat Michigan ist 91 Jahre alt. Sie hat Krebs. Die Zeit, die ihr noch bleibt, nutzt sie für das Abenteuer ihres Lebens.

Begonnen hat die große Reise der kleinen Frau im vergangenen Sommer – damals entdeckten die Ärzte ein Geschwür in ihrer Gebärmutter. Norma wusste nur zu gut, was sie erwarten würde: Operationen, Chemotherapie und Bestrahlungen. Die rüstige Dame hatte zusehen müssen, wie ihr Mann Leo in einem Hospiz langsam starb. Sie überlegte deshalb nicht lange, als ihr Arzt sie fragte, wie sie weitermachen wolle. „Ich bin 90, ich hau ab“, meinte Norma damals keck.

Auf Facebook verfolgen mittlerweile schon über 360.000 Menschen ihre große Reise. Ihre Schwiegertochter Ramie dokumentiert den ungewöhnlichen Road Trip mit Fotos und Geschichten. Normas Sohn Tim und seine Frau Ramie leben in einem Reisemobil und fahren damit kreuz und quer durch die USA. Diese wuchtigen Fahrzeuge haben in den Vereinigten Staaten oft die Größe eines kleinen Hauses – kein Problem also, darin noch einen Platz für die schmächtige Norma zu finden. Tim und Ramie erklärten dem Mediziner, was sie mit der schwerkranken Mutter vorhaben. Die Antwort: „Ich weiß, wie eine Krebsbehandlung aussieht und kann nicht einmal dafür garantieren, dass sie die erste Operation überlebt. Haben Sie einen fantastischen Trip!“

Normas Schwiegertochter sieht diese folgenschwere Entscheidung heute ganz nüchtern. „Wir haben eigentlich nur das getan, was viele Familien getan hätten: Wir haben Norma angeboten, bei uns zu leben. Nur dass unser Haus vier Räder hat“, erklärt Ramie.

Lange überlegt haben sie und Tim ohnehin nicht. Die Schwiegertochter meint: „Wir empfanden es einfach als ein viel größeres Risiko, eine empfindliche, schüchterne Witwe in eine Einrichtung zu stecken, in der sie niemanden kennt und wo sie weder das Haus verlassen darf, noch irgendwie unabhängig ist.“

Norma begann also ihre Koffer zu packen und kurz darauf brauste die kleine Familie schon zum Mount Rushmore. Tim und Ramie befürchteten, dass Norma bald zu schwach sein würde, um zu reisen. Zumindest den berühmten Berg mit den vier in Stein gehauenen Präsidentenköpfen wollten sie der alten Dame daher noch zeigen. „Sieben Monate ist das jetzt her – und wir alle blühen mehr und mehr auf“, erklärt Ramie heute. Norma lässt sich eben nicht unterkriegen. „Ich habe es nie bereut, mitzukommen. Wir haben eine tolle Zeit“, sagt Ramie.

Seither hat Norma über 11.000 Kilometer Straße hinter sich gebracht – da gab es selbst für eine 91-Jährige noch viel zu entdecken. In Georgia gönnte die alte Dame ihren Füßen die erste Pediküre ihres Lebens, in Florida hat ihr ein kleiner Junge ihren ersten Begrüßungs-Fauststoß („fist bump“) gegeben und in Colorado unterschrieb sie sogar ihr allererstes Autogramm. In den vergangenen Tagen war sie in North Carolina.

dpa-Bilder.Lizenz

Auf Facebook verriet Norma auch den letzten großen Traum ihres verstorbenen Ehemanns. Er wollte sich zusammen mit seiner Frau die Welt von oben anschauen, eine Ballonfahrt machen. Selbst als Leo schon im Krankenhaus lag, hoffte er, sich diesen Wunsch eines Tages noch erfüllen zu können. Zumindest erzählte er das Tim und Ramie.

Als Sohn und Schwiegertochter dann Leos Unterlagen durchsahen, fanden sie zwischen den vielen Papieren immer wieder Zeitungsausschnitte mit Angeboten und Terminen für Ballonfahrten. Was der Vater sich so sehr gewünscht hatte, das wollten die beiden zumindest der Mutter ermöglichen. Da aber Norma weder lange stehen, noch selbstständig in einen Ballonkorb kraxeln kann, schien der Traum unerfüllbar.

Dann aber entdeckte Ramie in Florida einen Ballon mit Sitzplätzen. Volltreffer! Das ideale Weihnachtsgeschenk für die Schwiegermutter. Auch der Korb war kein großes Hindernis. Ein kräftiger Mitarbeiter der Ballonfirma stemmte Norma kurzerhand mit beiden Armen in die Luft und hievte die 45 Kilogramm schwere Frau dann ins Innere. Fast hätte die 91-Jährige keine Luft mehr bekommen, so sehr musste sie lachen. Bloß die Wetteraussichten waren schlecht: Sintflutartiger Regen, starke Winde und sogar Tornados peitschten in den Tagen und Wochen vor Normas großem Flug über Florida hinweg. „Aber wenn man mit einer so kraftvollen Wucht herumreist, wie Norma es ist, dann ergibt sich alles von selbst“, schrieb Ramie auf Facebook.

Und tatsächlich: Als die alte Dame langsam dem Himmel entgegengeleitete, da blinzelte plötzlich die Sonne zwischen den Wolken hervor. Tim und Ramie lieben solche Szenen. „Wir haben auf unserer Reise gelernt, dass Lachkrämpfe therapeutisch wirken“, erklärt die Schwiegertochter. Und gelacht wird oft, denn Norma gerät immer wieder in komische Situationen – etwa wenn sie ihren leeren Rollstuhl vor sich herschiebt. Die alte Dame hält sich mit dieser Übung fit.

Körperlich ist die alte Frau zufrieden. „Ich glaube, für mein Alter geht es mir eigentlich ziemlich gut“, schreibt sie. Die Lust auf Abenteuer ist ihr bislang zumindest nicht vergangen. „Ich liebe es, verschiedene Orte kennenzulernen und draußen in der Natur zu sein.“ Ein großes Ziel hat sie noch – Mammutbäume möchte sie gerne sehen. „Die werden mir den Atem rauben“, freut sich Norma schon jetzt. Und bis nach Kalifornien ist es nicht mehr weit. (Thomas Haslböck, dpa)

Fotos: Facebook, dpa/Ramie B. Liddle