Sonntag, 24. April 2016, 20:13 Uhr

Rufus Wainwright über sein neues Meisterwerk: „Florence klang wie Micky Mouse!“

An diesem Wochenende jährt sich der 400. Todestag von William Shakespeare. Der kanadisch-amerikanische Songwriter Rufus Wainwright (42) wird sich bei den Feierlichkeiten in Stratford-on-Avon aufhalten, der Geburtsstadt des englischen Dramatikers, Lyrikers und Schauspielers.

Rufus Wainwright über sein neues Meisterwerk: „Florence klang wie Micky Mouse!“

Denn Wainwright hat für sein neues Album „Take All My Loves“ (Deutsche Grammophon) neun der Shakespeare-Sonetten mit prominenten Schauspielern und Sängern vertont. In Berlin erzählte er klatsch-tratsch.de-Reporterin Katja Schwemmers, warum Shakespeare nicht tot zu kriegen ist und was das mit „Star Wars“ zu tun hat.

Rufus, wie hast du Shakespeare für dich entdeckt?
Schon als Kind hat mir meine Mutter (die Sängerin Kate McGarrigle, Anm. d. Red.) einige der Gedichte vorgelesen. Aber das erste Stück, was mich so wirklich gepackt hat, war „Ein Sommernachtstraum“. Ich sah die theatralische Komödie als Teenager an einem Sommerabend im Regent’s Park in London. Das hat mein Leben für immer verändert.

Warum passen Shakespeares Gedichte in den heutigen Zeitgeist?
Die Sonetten liefern die Antwort auf alle Fragen des Lebens und begleiten uns hindurch. Als junger Mensch liest man Romantik, Liebe und Schönheit darin. Wenn man dann älter wird, sind es Themen wie Umwelt, Vergänglichkeit und Tod, die einen ansprechen. Mit 42 kann ich mich heute an beiden Seiten erfreuen.

Die Sonetten gelten als erstes Werk mit homo-erotischen Inhalten. Ist das für dich als schwuler Künstler faszinierend?
Auf alle Fälle. Shakespeare ist in etwas vorgedrungen, was ein Tabu war und es auf gewisse Weise immer noch ist. Ich glaube aber nicht, dass Shakespeare selbst schwul war. Er war vermutlich bisexuell.

Der Song, den du mit Florence Welch aufgenommen hast, klingt eher nach Pop als nach Shakespeare.
So soll es auch sein! Shakespeare klingt oft nicht nach Shakespeare. Und gerade seine Sonetten sind so großartig geeignet dafür, junge Menschen an sein Werk heranzuführen. Sie sind nicht so lang, und einiges der Sprache, die er benutzt, klingt unglaublich modern.

Und Florence war die perfekte Wahl dafür?
Absolut. Wobei mir im Studio mit ihr ein Fauxpas passiert ist. Denn die Musikaufnahmen haben wir zu schnell abgespielt, als Florence die Vocals einsingen sollte. Sie musste so hoch singen wie eine Opernsängerin und klang wie Micky Mouse! Als mir der Fehler ein paar Tage später auffiel, kam sie ohne Murren noch mal ins Studio, um ihren Part einzusingen. Das war sehr großzügig von ihr. Ich war echt ein Idiot.

Rufus Wainwright über sein neues Meisterwerk: „Florence klang wie Micky Mouse!“

Wie hast du es geschafft, mit den Schauspielern Carrie Fisher und William Shatner „Star Wars“ und „Star Trek“ auf einem Album zu vereinen?
Das war Zufall. Carrie ist schon viele Jahre eine gute Freundin von mir. Ich habe sie mal durch Marianne Faithfull kennengelernt, als sie mich zum Essen eingeladen hat. Mein Mann war sehr irritiert, als ich ihm sagte, dass da Prinzessin Leia vor uns sitzen würde. Er dachte immer, die würde im Film von Natalie Portman verkörpert. Und Shatner ist der Nachbar von meinem Produzenten Marius de Vries. Als junger Mann war Shatner ein sehr bekannter Shakespeare-Darsteller in Kanada. Auch Carrie hat übrigens Shakespeares Werk an der Schauspielschule studiert. Die Beiden wissen also, wovon sie sprechen.

Mit Tim-Burton-Muse Helena Bonham Carter, die auf dem Album einen Sprechpart übernimmt, hast du schon mal ein Video gedreht für die Single „Out Of The Game“, die du zusammen mit Mark Ronson aufgenommen hattest.
Ja, und jetzt, wo ich 42 bin, könnte ich mir sogar vorstellen, mal selbst in einem Tim-Burton-Film mitzuspielen, weil ich es mag, dass er so viel Make-up in seinen Filmen benutzt. Es sei denn, ich müsste den „Lottergeist Beetlejuice“ geben. Der wäre nichts für mich. (lacht)

Hast du auch Robbie Williams gefragt im Gegenzug dafür, dass er dich zum Duett auf seinem „Swing Both Ways“-Album eingeladen hatte?
Er hätte mich vermutlich ausgelacht! Aber wir schreiben gerade an einigen Songs für sein nächstes Studioalbum. Die Zusammenarbeit ist wundervoll und schmerzlich zugleich: Robbie ist so entzückend, dass ich ihn immer in den Arm nehmen und drücken möchte. Dummerweise ist seine Frau nie weit genug entfernt. (lacht)

Rufus Wainwright über sein neues Meisterwerk: „Florence klang wie Micky Mouse!“

In der Sonette „Alles dessen müd“ hören wir dich zum ersten Mal auf Deutsch auf einem Album.
Ich hatte die Sonetten ja bereits 2009 für das Berliner Ensemble vertont. Davon wollte ich auch etwas auf der Platte haben. Es ist meine Hommage an Kurt Weill und den deutschen Cabaret-Stil.

Du bist mit einem Deutschen verheiratet. Wie ist denn dein Deutsch dieser Tage?
Immer noch schrecklich. Ich wünschte, es wäre anders. Mein Mann spricht leider zu gutes Englisch. Aber mein neues deutsches Lieblingswort ist Schweinehund. Die Worte werden immer schmutziger. (lacht) Aber auch wenn ich die Sprache nicht beherrsche, verdanke ich speziell Berlin jede Menge: Ob das nun ist, meinen Mann hier getroffen, die Sonetten für das Berliner Ensemble gemacht oder nun das Album bei „Deutsche Grammophon“ veröffentlich zu haben. Es scheint eine langfristige Beziehung zu sein, die nicht so bald enden wird.

Wo du Kurt Weill erwähnst: Willst du auch mal ein Musical schreiben?
Definitiv. Ich mache nur alles andersrum. Als ich meine ersten beiden Alben aufnahm, habe ich viel mit Orchestern gearbeitet. „Want One“ und „Want Two“ waren fett im Sound. Dann habe ich „Songs For Lulu“ veröffentlicht, da gab es einfach nur Klavier und Stimme. Und nun mache ich Opern, schreibe gerade an meiner zweiten. Und dann kommen irgendwann die Musicals. Am Ende meines Lebens veröffentliche ich vielleicht sogar noch eine A-cappella-Platte, wenn das so weiter geht. Als nächstes ist aber erst mal wieder eine Popplatte dran!

Rufus Wainwright über sein neues Meisterwerk: „Florence klang wie Micky Mouse!“

Du bist so was wie der bekannteste unbekannte Künstler. Ärgert es dich, noch nie einen Nummer-1-Hit gehabt zu haben?
Ja, das nervt mich. Aber vielleicht hat mich das auch gerettet. Denn ich habe Glück, ich habe immer noch ein Leben. Ich habe noch Privatsphäre. Und ich werde von den richtigen Leuten gemocht. Ich muss immer noch arbeiten und kann nicht von Rücklagen leben. Dafür gibt es mehr Musik. Wenn ich einen Nummer-1-Hit hätte, würde ich vermutlich verschwinden: Aus der Öffentlichkeit, um den Paparazzi zu entfliehen. Und musikalisch, weil es schwer ist, nach einer Nummer 1 weitere Nummer-1-Hits zu haben. Denn einen Nummer-2-Hit will man dann ja auch nicht mehr. Ich bin glücklich, so wie es ist.

Auf deinem Albumcover verkörperst du einen Shakespeare-Darsteller, der eine Frau spielt.
Ja, und es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Geschlechterrollen spiele. Ich sehe auf dem Cover allerdings aus, als wenn ich einige Drinks zu viel gehabt hätte. (lacht)

Bruce Springsteen und Bryan Adams haben aus Protest gegen ein Gesetz, das Transsexuelle diskriminiert, ihre Konzerte im US-Bundesstaat North Carolina abgesagt. Wie findest du das?
Ich kann Springsteen und Adams da nur gratulieren. Es ist wichtig in diesen Staaten Politiker und Firmen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen spüren zu lassen. Ob das nun durch eine Konzertabsage oder die Distanzierung zu seinem Sponsor geschieht, ist egal. Meine einzige Sorge dabei ist, dass diese ganzen Diskussionen über Schwulen-Gesetze oder Frauenrechte uns zu sehr von dem ablenken, was derzeit das absolut Wichtigste ist: der Schutz der Umwelt! Denn wenn wir die Umwelt und Natur weiter so mit Füßen treten, wird es uns nicht mehr lange geben. Dann müssen wir uns auch nicht mehr über Donald Trump aufregen. Ich will jedenfalls einfach nicht davon abgehalten werden, den Planeten zu retten. Das ist meine größte Sorge.

Wo soll man da anfangen?
Plastikflaschen abzuschaffen ist ein guter Anfang. Ich war gerade in Südost-Asien. Da siehst du überall Plastikflaschen. Wir müssen uns und die Erde vom Plastik befreien.

Fotos: Matthew Welch, Deutsche Grammophon