Samstag, 07. Mai 2016, 20:55 Uhr

Jean-Michel Jarre im Interview: Der Elektro-Gottvater mit neuem Album

Nach dem Erfolg seines Albums ‘Electronica Vol.1: The Time Machine’, gibt’s seit gestern neues Material von Jean-Michel Jarre (67), dem französischen “Godfather Of Electronic Music”.

Jean-Michel Jarre im Interview: Der Elektro-Gottvater mit neuem Album

Für die Veröffentlichung im letzten Jahr hatte Jarre eine faszinierende Gruppe Musiker als Mitstreiter für “Vol.1: The Time Machine” um sich versammelt. Das Album geriet auf Anhieb zu einem seiner erfolgreichsten Werke seit 1983. Jetzt hat sich der französische Künstler Zusagen von 15 weiteren Kultmusikern zur Teilnahme an “The Heart Of Noise” sichern können.

Diesmal begleiten ihn u.a. die Pet Shop Boys, Primal Scream, Julia Holter, Gary Numan, Jeff Mills, Peaches, Yello, The Orb, Sebastien Tellier, Hans Zimmer,  Cyndi Lauper und auch Whistleblower Edward Snowden als handverlesene Wunsch-Kollaborateure.

Jean-Michel Jarre im Interview: Der Elektro-Gottvater mit neuem Album

Für “The Heart Of Noise” greift Jarres Kollaborations-Idee einmal mehr auch geografisch weit. Die Musik brachte ihn überall hin: sowohl ins üppig ausgestattete Chateau Marmont am Sunset Boulevard in Hollywood, wie auch ins abgelegene, ländliche Deutschland, rund 400 Kilometer von Berlin entfernt. Zweck der langen Wege war – wie auch schon während der Arbeit an “Electronica Vol.1” – das gemeinsame Feinjustieren der Musik mit jedem einzelnen Mitstreiter im Studio.

klatsch-tratsch.de-Elektronik-Expertin Geraldine hat den Meister zum Interview getroffen.

Sind Sie beleidigt, wenn ich sage, dass meine Mutter ein großer Fan von ihnen ist, seit in den 70er Jahren ihr hot ‚Oxygen 4‘ auf den Markt kam?
Ich habe einen eigenartigen Zugang zu “Zeit”. Als Künstler fühlt man sich auch eher zeitlos. Ich finde es sehr schön, dass “Oxygen”, Leute aus der Generation deiner Mutter angesprochen hat und noch heute DJs inspiriert. Ich bin sehr glücklich, dass ich es geschafft habe generationsübergreifend Musik machen zu können und diese auch gehört wird.

Wie sehen Sie die elektronische Musik von heute?
Für viele Leute ist elektronische Musik kalt und roboterhaft. Für mich ist elektronische Musik sehr sinnlich und organisch. Es hat etwas von
kochen mit den ganzen Zutaten, sprich den Einflüssen etc. Du arbeitest mit deinen Händen mit Beats und Loops. Nach den fünf Jahren, in denen ich
an dem Projekt “Electronica” gearbeitet habe, und das auch mit verschiedenen Künstlern aus verschiedenen Generationen, ist mir eines
aufgefallen: Der Weg wie gearbeitet wird, ist fast derselbe wie der als ich damals begonnen habe.

Jean-Michel Jarre im Interview: Der Elektro-Gottvater mit neuem Album

Heutzutage hat kaum ein Musiker noch eine klassische Ausbildung. 
Ich war vor ein paar Tagen in Tel Aviv und war so beeindruckt von einer Schule für elektronische Musik. Sie haben dort mittlerweile tausend
Studenten, man lernt die Basics des “Auflegens” und genauso, wie man ein Stück komponiert. Es ist total interessant. Grundlage für vieles
sind die “Salvoy Gio notes” (Basisnoten), nach denen dort gelehrt wird. Ich habe als Kind eine klassische Ausbildung genossen und habe später
auch in Rockbands gespielt. All diese Einflüsse brachte ich auch in meine Musik. Jeder muss für sich wissen, welchen Weg er geht und welchen
Zugang er zur Musik findet. Ich finde nicht, dass man das pauschalisieren kann.

Sie haben sich für ihr neues Werk viel Verstärkung geholt von großen Acts der Musikszene. Warum?
Ich wollte einfach mit verschiedenen Künstlern arbeiten, die mich inspirieren. Alle haben diese Passion, Neues zu probieren und jeder ist auf seine Art als Künstler sehr speziell. Am Anfang sollte “Electronica” nur ein Album werden, aber es wurde dann doch viel größer. Ich hatte auch nicht vor, die Alben unterschiedlich zu gestalten vom Konzept der Musik. Aber jetzt ist der zweite Teil doch sehr anders geworden. “Electronica 2” ist persönlicher und auch melodischer geworden. Im Prinzip könnten manche Künstler gar nicht auf dem selben Album sein, aber sie sind es. Das ist wie mit allem im Leben, du hast eben viele Facetten und Geschmäcker in dir vereint.

Wie kam der Track “Exit” mit der Stimme von Edward Snowden zustande und warum haben Sie den Song gemacht?
Ich war beeindruckt von diesem jungen Mann, der einfach aufgestanden ist und gesagt hat, er muss etwas tun und wurde zu einem “Whistleblower”. Für mich ist er ein moderner Held. Ich finde es toll, diese Art des “Sehens” promoten zu können. Social Media gibt uns die Chance mit der Welt mehr in Kontakt zu sein, egal ob das Tinder oder etwas anderes ist. Ihn zu kontaktieren war natürlich nicht sehr leicht, aber schlussendlich ist es uns gelungen, einen großartigen Kontakt zu schaffen. Er war in das Projekt involviert und wir haben gemeinsam Parts seiner Statements ausgesucht.

Der Song “Swipe to the right” ist ja angelehnt an Tinder. Was sagen sie zu der “Tinder-Generation”. Haben Sie es schon mal ausprobiert?
Noch nicht, aber ich kann es mir vorstellen. Meistens lernt man neue Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung kennen, wie zum Bespiel im
eigenen Freundeskreis oder bei der Arbeit. Tinder gibt dir eine schnelle Möglichkeit diesen Umkreis zu erweitern. Das finde ich sehr interessant und lustig.

Jean-Michel Jarre im Interview: Der Elektro-Gottvater mit neuem Album

Ihr Vater Maurice Jarre war ist ein bekannter Film-Komponist. Hat er Sie in ihrer Arbeit inspiriert?
Nein nicht wirklich. Meine Eltern trennten sich, als ich fünf war und ich wuchs ohne seinem Einfluss auf. Ich habe ihn vielleicht zwanzigmal in
meinem Leben gesehen und ich wäre auch nie in der Lage gewesen mit ihm über Musik oder mein Leben zu reden. Seine Chromosomen haben vielleicht Einfluss auf mich, aber sonst nichts.

Wie haben sie die Tage nach dem schrecklichen Terroranschlag in Paris erlebt? Was wollen sie mit dem Song “As One” aussagen?
Wenn man Krieg in den Medien mitbekommt, dann ist das sehr abstrakt. Dieser Krieg ist auf einmal vor deiner Haustür. Du realisierst das ganz
einfach anders, wenn es Menschen passiert, die du vielleicht kennst, die einfach nur ein Glas Wein trinken wollten und “Bang” – alles ist anders.
Polizei ist überall, die Straßen sind voller Blut, es ist nicht zu beschreiben. Man kann sich gar nicht vorstellen, was Menschen aus
Kriegsgebieten durchmachen, was das mit der Psyche eines Menschen anrichet. Das einzig Positive an der Sache ist, dass wir gerade lernen,
wieder einander näher zukommen. Nicht nur auf sich zu schauen, sondern auch auf seine Umgebung zu achten und solidarisch zu sein. Man hat diese
Veränderung in den Tagen danach sehr stark gespürt. Ich wollte mit “As One” ausdrücken, dass wir zusammen halten müssen und auch schöneMomente wie z.B auf einem Festival gemeinsam genießen sollen. Das ist sehr wichtig.

Jean-Michel Jarre im Interview: Der Elektro-Gottvater mit neuem Album

Was ist eigentlich ihr Schönheitsgeheimnis?
Es ist sehr unfair, aber es sind einfach gute Gene. Meine Mutter ist 96 und sieht auch noch immer blendend aus. Das einzige was meine Mutter mir immer geraten hat: “Wasch dein Gesicht mit Seife” (lacht)

Fotos: klatsch-tratsch.de/Alina Brieler