Mittwoch, 11. Mai 2016, 17:46 Uhr

Filmkritik "Mängelexemplar": Verfilmung von Kuttners Bestseller

Als quietschige Tragikomödie mit einigen wenigen Zwischentönen inszeniert Laura Lackmann ‘Mängelexemplar’ von Moderatorin Sarah Kuttner. Claudia Eisinger spielt darin eine junge Frau zwischen aufgedrehter Hysterie und ernsthaften Panikattacken.

Filmkritik und Verlosung "Mängelexemplar": Verfilmung von Kuttners Bestseller

Als der Roman 2009 erschien, erinnerte die Atmosphäre an ein Studio der aussterbenden Fernseh-Musiksender: aufgeregtes Geplapper, schrille Outfits und ein anglophoner Jargon, der so manchen Sprachästheten erschauern ließ. Der Roman wurde dank seiner rotzfrechen und intelligenten Autorin aber zum Bestseller, nun hat Regisseurin und Drehbuchautorin Laura Lackmann den Erfolgsroman verfilmt – weniger aufgeregt, verschlankt, und sie hat sich vor allem dem Thema Depression etwas differenzierter genähert.

Karo (Claudia Eisinger) ist anstrengend, egozentrisch, viel zu emotional. “Ich mag mich selber nicht.” Das nervt ihre Chefin in der Eventagentur, die sie rausschmeißt. Das nervt ihren Freund Philipp (Christoph Letkowski), der sie verlässt. Geliebt haben sich die beiden zwar nie so recht, aber immerhin hat Philipp Karo etwas Halt gegeben.

Davon gibt es in ihrem Leben nicht viel: der Vater (Mini-Auftritt von Detlev Buck) ist seit ihrer Kindheit nicht existent, die Mutter (Katja Riemann) depressiv, die Oma (Barbara Schöne) fürsorglich verständnisvoll und die beste Freundin Anna (Laura Tonke) mit eigenen Problemen beschäftigt und müde davon, dass sich alles immer nur um Karo dreht. Die ist wahlweise himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, auf jeden Fall total irre.

Also beschließt Karo ohne Geld und Job, dass ihr nur eine Therapie weiterhelfen kann. Nicht viel quatschen – “Meine Kindheit ist ziemlich durchschnittlich” – sondern lieber gleich eine amtliche Depression bescheinigen lassen und Antidepressiva schlucken. Das macht die Therapeutin Annette (Maren Kroymann) natürlich nicht mit. Karo soll sich kennenlernen, in sich hineinhorchen, Dinge hinterfragen und akzeptieren. “Ich hab Urlaub von mir”, sagt sie irgendwann einmal, als sie merkt, wie schlecht sie sich selber tut.

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Es gibt Aufs und Abs, eine Versöhnung mit Mutter und bester Freundin, Liebeswirrungen, eine Begegnung mit dem Vater, der vor ihren Augen die Figur von Philipp annimmt, da er ähnlich belanglos faselt. Und es gibt das Kind in Karo, “das jeder mit sich herumträgt” und das bei Laura Lackmann als lebendige Filmfigur auftritt. «Du musst das Kind in dir annehmen», lautet einer der vielen Sätze aus dem Lehrbuch der Küchenpsychologie.

Regisseurin und Drehbuchautorin Lackmann hat die Handlung deutlich verschlankt und sortiert, die Stakkatosprache aufs Minimum reduziert. Das tut gut. Vor allem verleiht sie ihren Figuren Tiefe. Jede für sich ist nachvollziehbar und nicht nur Kulisse für die aufgekratzte Karo, die so traurig und gleichzeitig so frech-fröhlich aus ihren riesigen blau-grünen Augen blickt.

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Angesiedelt im hippen Berlin kann sich Lackmann allerdings auch nicht ganz vom Zeitgeist freimachen. Karo trägt stets extrem coole Klamotten, hat eine flippige Wohnung und doch immer noch Geld zum Feiern. Mit ihrer Freundin Anna macht sie sich über die jungen Touristinnen, die übers Wochenende mit ihren Rollkoffern im Kiez einfallen, lustig. Berliner Lebensgefühl im Jahre 2016.

Es gibt viele liebevolle Details, totkomische Situationen und Dialoge. Auch wenn Lackmann das Thema Depression ernster betrachtet als Kuttner, gelingt ihr allerdings nicht die Balance zwischen postpubertärer Hysterie und bedrohlicher Krankheit. Was Sarah Kuttner mit dem Eventcharakter ihres Romans erst gar nicht versucht hat, gerät bei Lackmann zu einem unentschiedenen Hin und Her – ganz hübsch anzusehen, dann aber doch meist ins Belanglose abdriftend. Immerhin: Zum Ereignis wie Kuttner macht sie die Depressionen und Angstzustände nicht. Auch das ein Zeichen, dass die Handlung in der Gegenwart angekommen ist. (Britta Schmeis, dpa)

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Fotos: X-Verleih/Stephanie Kulbach