Freitag, 27. Mai 2016, 13:26 Uhr

Filmkritik "Der Nachtmahr": "Neues Deutsches Fantastisches Kino"

Im Kinosaal wird es laut: ‘Der Nachtmahr’ spielt in Berlins Clubszene und erzählt eine abgefahrene Geschichte über ein Horrorwesen. Einfach nur eine skurrile Idee – oder steckt mehr dahinter?

Filmkritik "Der Nachtmahr": "Neues Deutsches Fantastisches Kino"

Dieser Film ist superseltsam. Er erzählt von der 17-jährigen Tina: Sie ist regelmäßig zugedröhnt, oft am Feiern und dauerhaft auf der Flucht vor einem Horrorwesen. Der Film ist eine Mischung aus Grusel- und Coming-of-Age-Drama. Mit vielen verstörenden Lichteffekten und extrem lauten Technobässen. Am Anfang spielt ‘Der Nachtmahr’ auf einer illegalen Poolparty in Berlin. Tina (Carolyn Genzkow) sitzt gerade pinkelnd am Rande der Party, als sie das Wesen zum ersten Mal sieht. Es ist eine Mischung aus Embryo und Greis, erinnert an E.T. und Gollum, kreischt und frisst bald den Kühlschrank leer. Es folgt Tina überall hin und lässt sie verzweifeln. Denn alle anderen scheinen es nicht zu sehen.

Die besorgten Eltern in der Stadtvilla versuchen es mit Psychotherapie. Der Therapeut fragt das Mädchen dann: “Haben Sie schon mal versucht, es anzusprechen?” Ihre Freunde wissen nicht so recht, was sie mit der fantasierenden Tina anfangen sollen. Dazu gehört auch ihr Schwarm Adam (gespielt von Wilson Gonzalez Ochsenknecht – mit lilafarbenem Haar und wenig Text).

Über allem liegt das Laute der Clubszene. Der Überrausch aus Drogen und Musik. Die kommt zum Teil vom Berliner DJ Boys Noize. Zu Beginn wird gewarnt vor Licht- und Soundeffekten. Man kann den Film einfach nur schauen – dann sieht man eben Bilder aus Clubs und bekommt eine Mystery-Geschichte. Oder man kann darüber nachdenken. Ist Tina einfach auf Drogen hängen geblieben? Wofür steht das Wesen? Und warum passt ihre Einsamkeit so gut ins Teeniealter?

Denn der Film weckt ein Gefühl, das sicher viele in dem Alter kennen. Er zeigt, welch merkwürdiges Verständnis man von Freundschaft in dem Alter oft noch hat (wenig solidarisch) und wie fremd man sich in der Welt fühlen kann (nämlich sehr). Falls Eltern den Film sehen, könnten sie sich an ihren Nachwuchs erinnert fühlen: Da benimmt sich so mancher auch wie Tina, ohne dass es einen Nachtmahr gibt.

Filmkritik "Der Nachtmahr": "Neues Deutsches Fantastisches Kino"

Einordnen lässt sich ‘Der Nachtmahr’ (veraltet für Albtraum oder Fabelwesen) jedenfalls schwer. Regisseur Akiz, der bürgerlich Achim Bornhak heißt, sagt das auch selbst. Ein Begriff wie “Neues Deutsches Fantastisches Kino” passe gut, erklärt er im Presseheft zum Film. Denn die Wurzeln des Stücks lägen in den expressionistischen Filmen der 1920er. Das ist natürlich hoch gegriffen. Im Presseheft schreibt Akiz, der Film habe weniger als 100 000 Euro gekostet. Es sei so gut wie unmöglich gewesen, ihn zu produzieren. Die deutsche Filmlandschaft sei doch vergleichsweise konservativ. “Immer wieder hörte ich über Ecken, dass man mich regelrecht ausgelacht hat, als ich mit der fertigen Puppe in einer Aluminiumkiste von einer Produktionsfirma zur nächsten gezogen bin, um Partner für den Film zu finden.”

Filmkritik "Der Nachtmahr": "Neues Deutsches Fantastisches Kino"

Am Ende hat es dann doch geklappt. Beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken gewann der Film zwei Preise – von der Jugendjury und der Ökumenischen Jury. Horrorfilme sind ja ein eher spezielles Genre – und die großen Lehren über unsere Welt kann man oft nicht daraus ziehen. Stoff zum Nachdenken bietet ‘Der Nachtmahr’ aber. Und es wird extrem laut – auch das ist ein Experiment. (Julia Kilian, dpa)

Fotos: Kochmedia