Dienstag, 07. Juni 2016, 22:34 Uhr

Quidditch ist der letzte Schrei: Nur Fliegen ist schöner

Der Harry-Potter-Boom ist schon lange vorbei, aber die Sportart Quidditch soll erst noch im Kommen sein. Zwar müssen sich die Spieler mit fluguntauglichen Besen begnügen, aber ins Schwitzen kommen sie trotzdem. Mitunter wird’s sogar magisch.

Quidditch ist der letzte Schrei: Nur Fliegen ist schöner

Quidditch-Spieler müssen so einiges aushalten: Die Mitglieder des Rheinos-Teams auf der Bonner Hofgartenwiese zum Beispiel überhören regelmäßig geflissentlich derbe Zurufe pubertierender Schaulustiger, weil sie mit Besenstielen zwischen den Beinen herumrennen. Den Spielern ist das egal, sie gehen voll im Spiel auf. Quidditch ist der Sport von Harry Potter. Man betreibt ihn auf fliegenden Besen, und wenn man das im Kino sieht, kann man sich ohne Weiteres vorstellen, dass es Spaß machen würde. Wo aber ist der Spaß, wenn der Besen nicht fliegt? „Kann man nicht erklären, muss man ausprobieren“, sagt Psychologie-Doktorand Leander Troll. „Die Leute verstehen es sofort, wenn sie zum ersten Mal mitgespielt haben.“

Das Spiel wirkt verwirrend: Es gibt nicht nur den Ball, mit dem die Jäger die Tore werfen – den Quaffel – sondern auch noch vier andere: die Klatscher, mit denen zwei Treiber gegnerische Spieler abwerfen, und den Schnatz, den ein neutraler Spieler in einer Socke am Hosenbund mit sich herumträgt.

Hört sich alles nach einer Freak-Show für Harry-Potter-Hardcore-Fans an. Doch Leo Müller (16) hat weder die Bücher gelesen noch die Filme gesehen: „Ich spiel’s wirklich nur, weil der Sport einfach saucool ist“, sagt der Schüler. VWL-Doktorand Christian Zimpelmann (26) geht es ähnlich: Er hat Quidditch während eines Studienaufenthalts in Toronto kennengelernt und nach seiner Rückkehr das Rheinos-Team mit aufgebaut. Inzwischen ist er deutscher Nationalspieler. „Harry Potter ist nur der Aufhänger, der’s am Anfang interessant macht“, sagt er. „Aber der Grund, warum die Leute dabei bleiben, liegt einfach daran, dass es ein abwechslungsreicher Sport ist.“ Dafür spreche auch, dass sich Quidditch erst in letzter Zeit richtig ausbreite – lange nach dem Höhepunkt des Potter-Booms.

Auf dem Feld kracht gerade ein ziemlich athletischer Typ mit einer eher schmächtigen Frau zusammen – er tackelt sie um, wie man hier sagt. «Quidditch ist der einzige Vollkontaktsport weltweit, den Männer und Frauen zusammen spielen», erläutert Leander. Man darf nicht zimperlich sein: «So ein richtiger face beat, also wenn man einen Klatscher ins Gesicht bekommt, das ist schon sehr schmerzhaft», bestätigt Leo.

Elena Lunz (21) liebt den Sport aber gerade deshalb, weil er «körperlich hart und anstrengend» ist. Die größte Schwierigkeit besteht darin, den Ball mit nur einer Hand zu fangen – mit der anderen muss man den Besenstiel festhalten. Plötzlich fährt ein Auto vor, das auf den ersten Blick wie ein Streifenwagen aussieht. Doch die Beschriftung sagt etwas anderes: „Bundesamt für magische Wesen“. Die fiktive Behörde – eine Initiative von Fantasy-Schriftstellern – hat in Bonn einen eigenen Amtssitz. „Man muss auch als Erwachsener mal ein bisschen spinnen dürfen“, sagt Fahrer Hagen Ulrich. „Wir überlegen, ob wir die Quidditch-Jungs sponsern.“

Nach diesem Auftritt fragt man sich schon, was wohl als nächstes passieren wird. Dazu die Kulisse des Kurfürstlichen Schlosses im Abendlicht, die alten Bäume … die Stimmung unter den Rheinos wird immer besser. Nur Fliegen wäre schöner. (Christoph Driessen, dpa)

Foto: Volker Lannert