Freitag, 10. Juni 2016, 21:36 Uhr

David Garrett: Vom Wunderkind zum Popstar

David Garrett spaltet die Geister der Klassik-Welt. Die einen halten ihn für einen „Geigengott“, die anderen rümpfen über seine Auftritte die Nase. Ein guter Geiger ist der 35-Jährige auf jeden Fall.

David Garrett: Vom Wunderkind zum Popstar

Kaum ein „klassischer“ Künstler wird so über Äußerlichkeiten definiert wie der Geiger David Garrett. Der Deutsch- Amerikaner gilt als Frauenschwarm und wird deshalb besonders gern von Frauenmagazinen interviewt. Fast immer landet das Gespräch irgendwann bei der Frage nach der aktuellen Beziehung. Es ist gerade so, als wolle man Garrett als Beziehungskünstler befragen. Dass der „Geigengott“ dabei recht irdische Probleme hat, beweist ein Blick in die Medien dieser Tage. Garrett sieht sich mit harten Vorwürfen seiner Ex-Verlobten konfrontiert und bekommt vor allem von weiblichen Fans jede Menge Beistand. „Nicht aufgeben!“, lautet der allgemeine Tenor auf seiner Facebook-Seite. Garrett dankt mit Kuss-Smileys.

Dabei sorgt der Geiger normalerweise für ganz andere Schlagzeilen – als Virtuose zwischen Klassik und Crossover. Garrett wechselt von Bach zu AC/DC und kniet dabei mit seiner Stradivari gern mal wie ein Rockstar auf der Bühne. Der Spagat zwischen den Stilen ist sein Markenzeichen geworden. Mit diesem Image hat er spätestens sei 2007 Kasse gemacht. Damals veröffentlichte Garrett das Album ‚Virtuoso‘. Seither ist er Stammgast in Talkshows und bringt mit einem Dauerlächeln vor allem Zuschauerinnen zum Schwärmen. In einer britischen Show versuchte er 2008 zum schnellsten Geiger der Welt zu werden. 66,56 Sekunden brauchte er für den „Hummelflug“ von Rimski- Korsakow und kam damit ins Guinness-Buch der Rekorde.

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Garrett – Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Tänzerin – wird in Biografien oft als musikalisches Wunderkind beschrieben. Schon im zarten Alter von fünf Jahren gewann er seinen ersten Wettbewerb. Dirigenten wie Claudio Abbado und Zubin Mehta förderten den Jungstar. 1998 trat er gemeinsam mit dem Cellisten Jan Vogler auch bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden auf – mit dem Doppelkonzert von Johannes Brahms. Vogler, der wie Garrett auch eine Wohnung in New York hat, schätzt seinen Kollegen als „hervorragenden Geiger“. Deshalb hat er ihn unlängst auch zu den Dresdner Musikfestspielen eingeladen. Dort spielte er mit dem Israel Philharmonic Orchestra das Tschaikowski-Konzert.

Äußerlich hob sich der 35-Jährige von seinen befrackten Mitspielern ab. Garrett erschien wie ein Popstar mit rockiger Röhrenjeans, bedrucktem T-Shirt und Schnürstiefeln – die Ärmel des Trendblazers lässig nach oben geschoben, das lange Haar zum Zopf gebunden. Armbänder und klobige Silberringe – auch einem mit Totenkopf – unterscheiden ihn von fast allen Virtuosen seines Fachs. Freilich gab es beim Konzert in der Frauenkirche keinen Kreischalarm, was bei seinen Popkonzerten schon zum guten Ton gehört. Garrett habe das Werk „wie aus der Garrett-Werbung mit beständig lächelnder Pose“ gespielt, fand der Kritiker Michael Ernst. Das Publikum quittierte den Auftritt mit viel Beifall und bekam eine Zugabe.

David Garrett: Vom Wunderkind zum Popstar

Experten wie der Dresdner Musikwissenschaftler Tobias Niederschlag halten Garrett zugute, dass er mit seinen Auftritten auch Leute anzieht, die sonst den Weg in einen Konzertsaal wohl nicht finden würden. Kritiker werfen dem Geiger vor, ein großes Talent verspielt zu haben. „Wer sich der gloriosen Wunderknabenanfänge wehmütig erinnert, der wird die Entwicklung zum allgefälligen Popstar bedauern. Aber vielleicht vermag David Garrett ja ein weiteres Mal heilsam zu verschwinden, um dann als geläuterter Violinphoenix aufzusteigen, der seine ursprünglichen kreativen Energien wiedergefunden hat“, schrieb Harald Eggebrecht schon 2011 in der ‚Süddeutschen Zeitung‘. (Jörg Schurig, dpa)


Fotos: WENN.com, Universal Music