Dienstag, 14. Juni 2016, 21:25 Uhr

Gianna Nannini wird heute 60

Seit 40 Jahren begeistert Gianna Nannini mit ihrer Reibeisenstimme die Fans – besonders auch in Deutschland. Die Musikerin liebt die Provokation: So sorgte sie schon mit einem Vibrator, einem Lied über Masturbation und ihrem späten Mutterglück für Furore.

Gianna Nannini wird heute 60

Unkonventionell und eigensinnig – so könnte man Gianna Nannini wohl am ehesten umschreiben. Die Sängerin mit der rauchigen Stimme und den ewig strähnigen Haaren hat nicht nur als Liedermacherin von sich reden gemacht. So sorgte sie für Aufsehen, als sie Ende 2010 mit 54 Jahren erstmals Mutter wurde. Heute ist ihre Tochter Penelope fünfeinhalb, und das Kraftpaket Nannini rockt weiterhin ungebremst die Bühnen dieser Welt. Mit Hits wie ‚Latin Lover‘, ‚I maschi‘ und ‚Bello e impossibile‘ hat sie sich seit Ende der 70er Jahre in die Herzen ihrer Fans gesungen, vor allem auch in Deutschland. „Für mich sind Konzerte in Deutschland fast wie ein Heimspiel“, sagte sie einmal. Heute  wird die aus dem toskanischen Siena stammende Musikerin 60 Jahre jung.

Eine Rebellin war „Gianna nazionale“ von Anfang an. Sie liebt die Provokation, kleinere Skandale blieben da nicht aus. Man denke an das Jahr 1979, als auf dem Cover ihrer Single ‚America‘ eine Freiheitsstatue mit einem Vibrator statt einer Fackel in der Hand prangte. Da war Nannini gerade einmal 23. Nicht nur das Bild sorgte im streng katholischen Italien für Furore, sondern auch der Songtext – eine wahre Hymne an die Masturbation.

Ihr Markenzeichen ist und bleibt dabei die Stimme: „Smoky“ und etwas rau ist sie, als hätte man Nannini mit Sandpapier den Rachen geschmirgelt – und dann auch wieder weich, fast samtig. Auf der Bühne wirbelt sie herum, klettert auf Gerüste, gibt immer alles. Sie ist engagiert und uneitel. Sie sagt, was sie denkt.


Früher, da machte Nannini auch durch politische Aktionen Schlagzeilen. So etwa 1995, als sie auf einen Balkon der französischen Botschaft in Rom kletterte und dort ein spontanes Konzert gab, um gegen die Atomexperimente vor dem Pazifikatoll Mururoa zu protestieren. Zornig wirkte sie, als sie da wie David gegen Goliath für eine bessere Welt kämpfte. «Aber den Zorn habe ich beiseite gelegt, er ist unproduktiv. Klar, Kriege machen mich wütend, aber ich werde sie nicht durch Zorn abschaffen», meinte sie später.

Zuletzt sorgte sie durch ihre späte Schwangerschaft für Aufsehen. „Männer dürfen auch, solange sie wollen, selbst wenn sie siebzig sind wie Rod Stewart. Niemand regt sich auf“, begründete sie ihre Entscheidung. Hormonelle Hilfe habe sie nicht gebraucht, „lediglich eine Fruchtbarkeitsbehandlung, ein paar kleine Pillen“. Wer der Vater ist, das hat sie nicht verraten. Nannini bekennt sich schon lange offen zu ihrer Bisexualität, nach der Geburt der Tochter beschrieb sie sich aber als „derzeit asexuell“. Im Moment sei sie Mutter, meinte sie.

Ein Rückblick: 1956 in Siena geboren, verlässt die rebellische Gianna nach dem Abitur das Elternhaus. Am Konservatorium von Lucca studiert sie zunächst Klavier. Später geht sie nach Mailand, nimmt ein Philosophiestudium auf und tourt durch Clubs und Kneipen. Nach ihrem introvertierten Debütalbum „Gianna Nannini“ aus dem Jahr 1976 entdeckt sie in den USA den Rock. Auf der Scheibe ‚California‘ kommt sie 1979 erstmals mit dem ihr eigen gewordenen rockigen Sound daher – und schafft im In- und Ausland den Durchbruch.

Mit der Single ‚Un’estate italiana‘ – dem Lied zur Fußball-WM 1990 – belegte sie auch in Deutschland Platz 2 der Hitparade. Nachdem sie im Jahr 2000 den Soundtrack zu einer Verfilmung von Michael Endes ‚Momo‘ geschrieben hatte, setzte sie 2002 mit dem Album ‚Aria‘ zum ersten Mal auf symphonische Elemente und elektronische Klänge. Mit dem Album ‚Perle‘ wagte sie zwei Jahre später erneut einen neuen Sound: Vier Streicher, zwei Konzertflügel und Nanninis rauchige Stimme – „verwegen“ nannte das ein Kritiker.

2014 nahm Nannini für das Album ‚Hitalia‘ erstmals keine eigenen Songs auf, sondern interpretierte bekannte italienische Hits neu – darunter Klassiker wie “O sole mio‘ und ‚Volare (Nel blu dipinto di blu)‘. Bei der anschließenden ‚Rock meets Classic‘-Tournee mit anderen Rockgrößen wie Deep-Purple-Sänger Ian Gillan, Rick Parfitt von Status Quo und John Wetton von Asia präsentierte sie die Stücke auch live. „Ich wollte ihnen einen neuen Klang, ein neues Kleid, einen neuen Rhythmus geben – einen rockigen Rhythmus“, sagte sie.

Insgesamt hat die Musikerin – deren Bruder der Rennfahrer Alessandro Nannini ist – über 20 Alben herausgebracht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Das jüngste, 2015 erschienene Werk ‚Hitstory‘ umfasst eine Sammlung ihrer größten Erfolge sowie sechs neue Stücke – und schon seit Monaten tourt Gianna Nannini damit kreuz und quer durch Italien. (Carola Frentzen, dpa)

Foto: WENN.com