Dienstag, 28. Juni 2016, 21:49 Uhr

Filmkritik: Tom Hiddleston im Dekadenz-Drama "High Rise"

Ein Zukunftsfilm im 70er-Jahre-Look? So etwas wie ‚High-Rise‚ gibt es im Kino selten zu sehen. In der Hauptrolle: Tom Hiddleston, der als heißer James-Bond-Nachfolger gilt.

Filmkritik: Tom Hiddleston im Dekadenz-Drama "High Rise"

„Sie sind ja ein Prachtexemplar!“, ruft die Nachbarin dem neu eingezogenen Muskelpaket auf dem Balkon unter ihr zu. „Ich dachte, sie seien leer“, ergänzt sie – unklar, ob es um die noble Wohnung oder um den Menschen geht, dem sie das zuruft. Allein mit dieser Szene ist der Ton gesetzt, den «High-Rise» anschlägt: unterkühlte Bilder und unbequeme Haltungen bilden die Grundlage für Kritik an der Konsumgesellschaft und unseren eigenen Rollen darin.

Im Zentrum dieser Kreuzung aus Drama und Thriller steht Architekt Robert Laing, gespielt von Tom Hiddleston, der hier nach dem Blockbuster ‚Thor‘ und Woody Allens ‚Midnight in Paris‘ erneut seine Wandlungsfähigkeit beweist. Er zieht im London der 1970er Jahre in eine architektonische Vision der Zukunft: Ein massiver Betonblock, in dem Vertreter aller gesellschaftlichen Schichten zusammenleben.

Während oben dekadente Partys gefeiert werden und sich die Reichen im Wintergarten sogar ein Pferd halten, regieren bei den Bewohnern der unteren Stockwerke Gier, Triebe und die Wut auf die Zustände. Bei einem Stromausfall bricht schließlich Anarchie aus.

Thema und Personalaufstellung von ‚High-Rise‘ sorgen damit dafür, das sich hierzulande viele an deutsche Theaterstücke erinnert fühlen dürften. Leider liegt darin auch ein Problem, denn hier wie dort quälen sich gute Schauspieler (darunter Jeremy Irons, Sienna Miller und Elisabeth Moss) zu oft mit einer platten Drehbuch-Weltsicht herum. „Reiche Menschen wollen nicht daran erinnert werden, was schiefgehen könnte“, heißt es an einer Stelle. „Die Dinge wären besser, wenn wir es uns leisten könnten, in einen höheren Stock zu ziehen“, an einer anderen.

Filmkritik: Tom Hiddleston im Dekadenz-Drama "High Rise"

Doch es gibt auch viel Gutes an ‚High-Rise‘: Die Bildwelten, die Regisseur Ben Wheatley für seine Dystopie findet, bleiben durchweg aufregend. Die Ausstattung der Wohnungen und die großartigen Kostüme kommen gleichzeitig sowohl retro als auch futuristisch daher. Ein Elektrosoundtrack, bei dem sich sogar die Trip-Hop-Pioniere Portishead trauen, Abbas ‚SOS‘ zu covern, tut sein Übriges, um Vergangenheit und Zukunft zu verknüpfen.

Spannend ist ‚High-Rise‘ aber auch wegen seiner vielen kulturellen Referenzpunkte. So lassen sich beispielsweise drei der Hauptfiguren in Anlehnung an Freud als Es, Ich und Über-Ich deuten. Ihr Kampf zwischen animalischen Trieben, wahrem Charakter und korrumpierten Zielen ist der zentrale Konflikt des Films.

Filmkritik: Tom Hiddleston im Dekadenz-Drama "High Rise"

Wheatley gibt seinem Dekadenzdrama zudem ein kluges Tempo mit. Besonders in den ersten zwei Dritteln nimmt das bedrohliche Szenario mehr und mehr an Fahrt auf und die unterschwelligen Konflikte treten immer offener zutage. Umso bedauerlicher ist es, dass dem Film im letzten Akt ein wenig die Luft ausgeht. Es ist neben seiner Holzhammermoral das zweite Problem eines ansonsten gelungenen Werks.

Bis dahin dürfte es für die meisten Zuschauer aber genug zu sehen gegeben haben, das einen Kinobesuch rechtfertigt. (Christian Fahrenbach, dpa)

Filmkritik: Tom Hiddleston im Dekadenz-Drama "High Rise"

Fotos: DCM