Donnerstag, 07. Juli 2016, 18:39 Uhr

Fußball EM: Herbert Grönemeyer und Felix Jaehn über ihren Hit

Heute steht die deutsche Mannschaft im Halbfinale. Die EM-Hymne von Herbert Grönemeyer und Felix Jaehn hat mittlerweile fast zwei Millionen Views. Ein Grund mit den beiden Stars über ihren Hit zu plaudern.

Fußball EM: Herbert Grönemeyer und Felix Jaehn über ihren Hit

Herr Jaehn, wie ist die Idee zu „Jeder für Jeden“ geboren worden?
Jaehn: Ich habe Kontakt zu einigen Spielern der Nationalmannschaft. Mit Jerome Boateng oder Mario Götze habe ich mich ganz grundsätzlich über Musik und ihre Wichtigkeit unterhalten und darüber, was uns so bewegt. Dabei wurde schnell klar: Wir stehen vor ähnlich großen Herausforderungen. Bei den Nationalspielern ist damit konkret gemeint, dass man, auch wenn man Weltmeister ist, weiterkämpfen muss und sich auf dem Erfolg nicht ausruhen kann. Das habe ich aus den Gesprächen mitgenommen, es ist hängengeblieben und hat mich inspiriert.

Wie wurde das Thema vertieft?
Jaehn: In München habe ich Anfang des Jahres weitere Spieler kennengelernt, zum Beispiel Bastian Schweinsteiger oder Ilkay Gündogan. Dann haben wir eine Whats App-Gruppe gegründet, über die ein Großteil unserer Kommunikation gelaufen ist. Ich habe die Spieler im Entstehungsprozess des Songs immer auf dem Laufenden gehalten, so dass sie mir ihr Feedback, ihre Ideen und ihre Anregungen schicken konnten.

Herr Grönemeyer, wie kamen Sie ins Spiel?
Herbert Grönemeyer: Felix Jaehn kam auf mich zu. Er sagte, es gäbe ein Projekt mit der deutschen Nationalmannschaft und fragte, ob ich Interesse hätte, da mitzumachen. Daraufhin haben wir uns getroffen, um zu sehen worum es genau geht und ob wir uns überhaupt verstehen.

So einfach ist das?
Jaehn: Ich hatte ja mit den Spielern festgelegt, in welche Richtung es inhaltlich gehen soll. Und dann galt es, die Frage zu klären: Wer kann das texten und singen? Dass der Text deutsch werden sollte, war schnell klar. Ich kam dann auf Herbert Grönemeyer, weil er einfach super Texte schreibt und mich schon seit Kindheitstagen mit seiner Musik begleitet. Er war für mich die beste Wahl!

Klingt schlüssig. War es das auch?
Jaehn: Nein, das war eher eine total absurde Idee, wenn man ehrlich ist. Herbert und ich kommen aus ziemlich verschiedenen musikalischen Welten, verkörpern andere Sounds. Außerdem ist er so lange im Geschäft und featured nicht jeden Tag einen jungen Künstler. Mein Motto war deshalb erst mal: Okay, da hast du dir etwas vorgenommen, Felix.

Aber es hat ja dann geklappt?
Grönemeyer: Ja, Felix kam dann zu uns nach Berlin ins Studio. Wir haben uns einfach aufs Sofa gesetzt, er hat mir die Geschichte erzählt, dass er ein paar Nationalspieler kennt, mit ihnen eine Whats App-Gruppe gegründet und ihnen Sachen vorgespielt hat. Er hat auf mich einen sehr klugen, frischen, direkten und klaren Eindruck gemacht. Er ist ein sehr sympathischer und strukturierter Zeitgenosse.
Jaehn: Herbert hat ein offenes Ohr für neue Musik und Trends. Mit seiner Plattenfirma unterstützt er viele junge Künstler. Wir haben uns direkt total gut verstanden. Wir haben, glaube ich, drei Stunden zusammengesessen und dann auch schon direkt losgelegt.

Wenn man aus so unterschiedlichen musikalischen Richtungen kommt, wie war dann das Zusammenarbeiten?
Grönemeyer: Die Idee, dass die Nationalmannschaft ein Lied kriegt, das ihr nicht aufgepfropft wird, fand ich gut. Dass die Spieler direkt involviert sind und selbst aktiv etwas beitragen, hat mir auch gefallen. Dann hat Felix mir das Stück vorgespielt. Und ich habe gesagt: Ja, da bin ich dabei – und habe angefangen, eine Melodie darauf zu schreiben.

Wie sind Sie da rangegangen?
Grönemeyer: Wir haben zunächst weiterüberlegt, worum es in dem Text konkret gehen kann. Wir haben uns an dem Thema orientiert, wie es für die Spieler ist, wenn sie vor einer großen, neuen Aufgabe stehen. Mit welchen Gefühlen ist das verbunden? Haben sie Angst davor, wenn sie beispielsweise alleine damit sind? Ändert sich das, wenn sie im Kreis der Mannschaft sind? Wie gehen sie damit um? Das hielten wir für eine schöne Idee für einen Text. Dann habe ich mich zurückgezogen, geschrieben und am Ende eine Demo-Version eingesungen.

Fußball EM: Herbert Grönemeyer und Felilx Jaehn über ihren Hit

Wie groß war der Einfluss der Spieler bei der Produktion?
Jaehn: Die Spieler haben uns im Studio besucht. Das war kurz vor dem England-Spiel in Berlin und sehr aufregend – für alle Beteiligen. Für die Spieler vor allem deswegen, weil es für sie ein ungewohntes Umfeld ist. Es war spannend und cool für sie, auch mal da reinzuschnuppern und etwas anderes zu tun, als auf dem Platz zu stehen. So habe ich das zumindest wahrgenommen.

Gab es keine Berührungsängste?
Jaehn: Die Spieler kennen ja Herbert Grönemeyer, genau wie ich, von kleinauf, ich denke, da ist es schon was ganz Besonderes, ihn zu treffen. Ich war zusätzlich ein bisschen aufgeregt, weil die Spieler ins Studio kamen. Und ich glaube, Herbert ging es nicht anders, weil er großer Fußball-Fan ist. Alles, was mit Fußball zu tun hat, ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Aber dieses Nervenflattern haben alle relativ schnell abgelegt. Alles verlief ganz entspannt.

Wie war das aus Ihrer Sicht?
Grönemeyer: Das war sehr nett. Sehr, sehr entspannt, aber auch konstruktiv. Die Spieler haben ja auch ihren Teil zur Entstehung des Songs beigetragen.

Felix Jaehn

Das heißt, wie lief das Treffen ab?
Jaehn: Wir haben den Song nochmal vorgespielt und nach Feedback gefragt. Dann kamen noch ein paar Ideen von der Nationalmannschaft. Das ist ja das Schöne an dem Projekt, dass sich alle Beteiligten aktiv damit auseinandergesetzt haben.
Grönemeyer: Die Spieler waren nicht zu schüchtern, zu sagen, was ihnen gefällt oder was ihrer Meinung nach noch fehlt oder dass an einer bestimmten Stelle noch ein kleiner Instrumentalteil reinkommen könnte. Das fand ich auch interessant, weil ich gemerkt habe, dass sie sich wirklich mit der Musik auseinandersetzen.

Haben Sie denn auch das umgesetzt, was die Spieler vorgeschlagen haben?
Grönemeyer: Ja, ja, ja. Wir haben uns erst mal alles angehört und dann haben Felix und ich uns beraten. Bei einigen Vorschlägen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es Sinn macht sie umzusetzen. Zum Beispiel haben wir nach dem ersten Chorus noch den kurzen Instrumentalteil eingebaut. Das war ja, wie gesagt, eine Spieleridee.

Haben die Spieler auch einen aktiven musikalischen Part übernommen?
Grönemeyer: Ja, tatsächlich. Im Studio kam einer auf die Idee, ob die Jungs nicht klatschen wollen. Und dann haben sie die „Claps“ gemacht. Normalerweise nimmt man die vom Band. Aber die Spieler haben sich hingestellt und fröhlich mitgeklatscht.
Jaehn: Die Claps sind bei dem Textteil: „Und der nächste Berg der nach Erklimmen schreit“ zu hören, kurz bevor der Chorus kommt.

Felix Jaehn

Haben Sie sich je zuvor schon mal auf diese Weise einem Lied genähert? Sonst sitzen Sie sicherlich nur mit Profimusikern zusammen?
Grönemeyer: Das stimmt, das war schon ungewöhnlich. Aber etwas aus dem Gespräch zwischen Musikern und Musikliebhabern entstehen zu lassen – das hat auch den Reiz der Sache ausgemacht. Und klar, das ist eine andere Herangehensweise, als mit drei Topmusikern etwas zu basteln. Da werden andere Parameter aufgerufen. Ich glaube, Felix war auch überrascht, dass die Spieler eben diesen Sound ausgewählt haben.

Wie war das bei Ihnen, als „Jeder für Jeden“ fertiggestellt war: Waren Sie sich sicher, dass der Song beim Publikum ankommt?
Grönemeyer: Ich höre mir neue Songs hundert Mal oder häufiger an und stelle alles in Frage. Ist die Melodie schlüssig? Ist der Spannungsbogen schlüssig? Freut man sich wenn man das hört? Hat das Stehvermögen? Und ich denke: Ja, das hat er absolut. Es ist jetzt nicht die Schenkelklopfer-Nummer, sondern eher ein bisschen speziell, einen Tick geheimnisvoll. Das braucht ein Lied, das lange Bestand haben will.

Wie zufrieden sind Sie am Ende mit dem Lied?
Jaehn: Ich bin sehr zufrieden! Sowohl für Herbert als auch für mich ist „Jeder für Jeden“ ein Experiment. Für mich ist es auch vom Instrumentalen, vom Rhythmus und vom Tempo her etwas Neues. Und deswegen ist es natürlich total spannend zu beobachten, wie es bei den Leuten ankommt. Aber ich bin guter Dinge. Vor allem jetzt, wo die EM gestartet ist und das Lied mit Fußballbildern untermalt wird. Ich hoffe, dass uns „Jeder für Jeden“ durch das gesamte Turnier begleitet.

Interview: Universal Music Fotos: Jens Koch/Universal Music, Nicolas Kantor