Freitag, 08. Juli 2016, 17:10 Uhr

Filmkritik "Verräter wie wir" mit Ewan McGregor (und der Russenmafia)

Der Verfilmung des John le Carré Thrillers „Verräter wie wir“ sieht man an, wie aufwändig diese betrieben wurde. Schauspieler toll, Locations super, Kamera, Ausstattung – alles vom Feinsten – nur die Story, die ist lausig.

Filmkritik "Verräter wie wir" mit Ewan McGregor (und der Russenmafia)

Dima will aussteigen. Dima (Stellan Skarsgard, 65, „Breaking the Waves“, „Thor“) ist Russe. Er wäscht für ein europaweit agierendes Geldwäsche-Syndikat Geld. Er ist der Chefbuchhalter von fiesen Leuten in feinem Zwirn mit mieser Kinderstube, der die große Flatter kriegt, als ein Freund, der in etwa gleicher Position in der Firma gearbeitet hat, und dessen Familie ermordet wird. Dima hat zurecht einen Riesenbammel, denn die rivalisierende Mafiabande ist weder zimperlich noch dämlich. Dima hat ein ausgezeichnetes Zahlengedächtnis, er trinkt sehr gern und ist sympathisch gesellig, wie Russen nun mal sind. Das war’s dann aber schon mit den zu verteilenden Sympathiepunkten.

Dima hat auch Familie und um die geht es ihm in erster Linie. Er will sich nach Großbritannien absetzen und sucht unter Hochdruck ein Schlupfloch, während er den fröhlich unbekümmertern Dämlack gibt. Dimas Clan ist groß und laut und freigiebig.

Der „russische Geschäftsmann“ lädt während eines Antigua-Urlaubs den Briten Perry Makepiece (Ewan McGregor, 45, „I love you Phillip Morris“, „Star Wars“) erst zum Trinken von exorbitant teurem Champagner und dann zu einer ungezwungenen Partie Tennis ein. Schnell wird es ernst. Dima bittet Perry, bei dessen Heimflug nach London, gleich am Flughafen dem britischen Geheimdienst einen usb-Stick auszuhändigen. Der Deal, der Dima vorschwebt heißt Asyl gegen Information. Und Perry, der Gutmensch, kann nicht Neinsagen. Mit dieser Schäfchen-Mentalität kommt er auch nicht weit, der MI5 kassiert ihn sofort gleich mit ein. Aber der MI5 hat seine eigenen Spielregeln. Und eine Regel gilt immer irgendwie „projektübergreifend“: Geld regiert die Welt, inklusive die russische und die britische.

Filmkritik "Verräter wie wir" mit Ewan McGregor (und der Russenmafia)

Und so geht es weiter: in der Befehlskette wird von oben nach unter gemauschelt, geblockt, in Ungnade gefallene Agenten wollen ihr eigenes Ding durchziehen, was auch nur zum Teil gelingt. Und so eiert der Film vor sich hin. Hier nur eine Beobachtung: der MI5-Agent Hector (Damian Lewis, 45, „Homeland“-Star und seit seiner Darstellung als Lt. Winter in „Band of Brothers“ sowieso längst im Schauspielolymp) steht mit hochgeschlagenem Trenchcoat-Kragen und Hornbrille ohne Sehstärke an eine Säule gelehnt und schaut nachdenklich in die Ferne. Die Kamera umkreist die Säule, dazu „Suspense“-Mucke. Dauert e-w-i-g. Dauernd sehen sich die Darsteller bedeutungsschwer an und sprechen Sätze, wie sie eher in eine Daily Soap gehören, wie „Wir müssen gehen“ oder „Die Familie!“ – ausgerufen plus Dackelblick, und der auch noch sehr zerknirscht. Es wird bis zum Schluss gereist, sich versteckt, gekämpft, endlos zusammen im Keller gehockt – wie auf Endlosschleife. Auch nicht ganz unwichtig die Filmlänge mit 1 Stunde 48 Min (gefühlt wie 5 Stunde, bitte nehmen Sie eine Hauptmahlzeit vor dem Kinobesuch ein).

Filmkritik "Verräter wie wir" mit Ewan McGregor (und der Russenmafia)

„Verräter wie wir“ sind sowohl Story als auch das Storytellig so 90er – schnarchlangweilig. Fazit: zu langatmig, betulich, umständlich und zu detaillierte grottenlangweilig erzählte Story. „Verräter wie wir“ ist nur was für John le Carré Hardcore-Fans. (Katrin Wessel)