Sonntag, 10. Juli 2016, 20:08 Uhr

Seeed-Star Dellé über sein Soloalbum "Neo"

Mit „Neo“ liefert Dellé von Seeed eines der aufregendsten Alben des Jahres ab, welches vor allem bei allen bei Reggae-Fans für Herzklopfen sorgen dürfte.

Seeed-Star Dellé über sein Soloalbum "Neo"

klatsch-tratsch.de-Autor und Urban-Music-Beauftragter Dennis hat sich mit dem sympathischen Sänger über das älter-werden, Vaterschaftsängste und seine Beziehung zu Seeed unterhalten.

Deine neue Single „Tic Toc“ ist draußen. Worum geht es inhaltlich?
Da muss ich bei der Entstehungsgeschichte anfangen; Vor ein paar Jahren haben Peter Fox und Marteria einen Song namens „Sekundenschlaf“ gemacht und den haben wir auch damals auf Tour mit Seeed gespielt. Peter Fox meinte dann mal ich solle einfach mal eine geile Strophe dazu machen, damit wir den Song auch live spielen können, wenn Marteria mal nicht mit dabei ist. Inhaltlich geht es da ja auch ums Älterwerden und die Feststellung, dass die Zeit mit dem Alter auch immer schneller zu rasen scheint. Damals habe ich dazu dann eine Zeile aus meiner Perspektive zu diesem Thema geschrieben. Als ich dann dieses Album gemacht habe, ist mir bewusst geworden, wie sehr mich dieses Thema mit dem Älterwerden beschäftigt.

Die Art, wie das bei „Sekundenschlaf“ gemacht wird, ist sehr düster und schon fast ein bisschen negativ. Also nach dem Motto „Man ist so alt, wie man alt ist und nicht wie man sich fühlt“. Ich persönlich sehe das aber anders. Ich finde es gut, dass die Zeit begrenzt ist und wir keine 400 Jahre alten Draculas sind, die jeden Morgen wieder neu aufstehen. Ich habe meine Zeit und in der kann ich meine Dinge machen und die mache ich dann so gut, wie möglich und danach gebe ich an die nächste Generation ab. In „Tic Toc“ verarbeite ich auf humorvolle Weise meine Eindrücke von Gesprächen, die man dann so in der Midlifecrisis mit anderen führt: Sei es der Bauch, der jetzt kommt oder die Überlegung sich ein fettes Auto zu kaufen, um die jungen Mädels nochmal zu begeistern. Der Refrain ist sehr fröhlich, schon fast kindlich und das war der Gegensatz, den ich sehr lustig dabei fand.

Vor wenigen Tagen ist dein neues Album „Neo“ rausgekommen …
Genau, das ist quasi eine Weiterentwicklung meines letzten Albums „Before I grow old“. Aus Seeed heraus kam nach zehn Jahren, die Zeit, wo wir gesagt haben, dass wir mal eine Pause machen. Ich wollte diese Pause gar nie wirklich machen, aber sie hat sich für mich im Nachhinein als Segen herausgestellt, Es ist so viel passiert: Ich bin Vater geworden und mein Vater ist gestorben. Das war eine sehr intensive Zeit. Diese Erlebnisse habe ich damals in meinem ersten Album verarbeitet. Jetzt ist es wieder so. Ich habe Erlebnisse aus meinem Leben verarbeitet und auch wieder ist dieses Album aus einer Seeed-Pause heraus entstanden.

Nachdem wir 2012 unser letztes Album herausgebracht haben und lange getourt und es war wieder Zeit für eine Pause. Ich habe dann auch wieder angefangen zu schreiben, weil viele Dinge in meinem Leben passiert sind. Ich bin nochmal Vater geworden, wir haben uns sowas wie einen Kredit genommen, um ein Haus mit Garten zu kaufen – alle diese spießigen Dinge, die man von seinen Eltern kennt, sind auf mich übergegangen. Es ist toll Daddy zu sein. Bevor man Kinder hat, geht alles um einen selbst und sobald man Kinder im Leben hat, dann ausschließlich um sie. Das entrückt das Ganze und auch dieser Duck im Leben, wo man steht und wo man hinwill, lässt nach. Das sind so inhaltlich die Dinge, die ich versucht habe in „Neo“ zu verarbeiten. Musikalisch war mir wichtig ein Album zu machen, bei dem Reggae-Fans überrascht sein werden, weil sie nicht wussten, dass man auch so Reggae machen kann. Ich habe neue und traditionelle Impulse zusammengebracht, deshalb auch der Name.

Seeed-Star Dellé über sein Soloalbum "Neo"

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Gentleman?
Gentleman ist grob in meinem Alter und hat etwa genauso früh mit der Musik angefangen, wie Seeed. Ich bewundere wie er sein Ding in Jamaika gemacht hat und das zu einer Zeit, wo es als Weißer eigentlich undenkbar war Reggae zu machen. Dort muss man echt als Weißer aufpassen, wenn man da auf der Bühne steht und auf Patwa performt. Wenn es den Leuten nicht gefällt, dann buhen die nicht nur, sondern werfen im schlimmsten Fall auch mit Flaschen. Das hat er alles so geil gemeistert und dafür bewundere ich ihn. Die Sachen, die er macht, sind echt gut. Da Seeed nicht nur Reggae pur macht, ist es irgendwie nie zu einer Kollaboration gekommen.

Ich hatte aber immer vor, mal was mit ihm zu machen und er ist ja auch in einem Alter, in dem ich mit ihm so ein Thema wie „Tic Toc“ behandeln kann. Das könnte ich ja jetzt nicht mit einem 25-Jährigen. Ich habe ihm dann eine SMS geschrieben und gesagt „Lass uns was zusammen machen“ und er hat gleich darauf geantwortet und hatte auch Bock darauf.

Wen hast Du feature-technisch neben Gentleman noch auf dem Album?
Meinen Seeed-Kollegen Boundzound. Mit ihm habe ich den Song „How do you do“ gemacht. Die Idee dazu hatte er ursprünglich, aber sie hat es damals nicht aufs Seeed-Album geschafft. Ich habe schon damals diesen Song mit dem Elektronischen, der schon fast nicht mehr ins Reggae-Genre passt, geliebt. Diesen Kontrast fand ich schon damals sehr geil, deswegen ist das für mich Neo.

Auf Deinem Album ist ein Song namens „Trisomy 21“. Das ist ein anderes Wort für Down Syndrom. Wie kam es zu diesem Titel?
Das Down Syndrom ist für mich die bekannteste Behinderung, die man so kennt. Wenn man den Song an sich hört, würde man nicht darauf kommen, dass er von diesem Thema handelt. Deshalb habe ich diesen Titel gewählt. Wenn man diesen Hinweis dann hat und auf den Text hört, dann versteht man auch wirklich worum es geht. Der Song handelt von einem Kind, das behindert ist, was man als Eltern genauso liebt wie ein normales Kind. Ich habe in meinem Bekanntenkreis eine Familie, bei der das so ist. Als unser zweites Kind kam, war nicht alles so selbstverständlich, wie beim ersten.

In meinem Leben lief bisher echt alles gut und ich warte immer darauf, dass etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit passiert. Eine Herausforderung kommt, die ich zu meistern habe. Wir hatten Glück, dass unser Kind nicht behindert ist. Es gibt aber so viele, bei denen die Kinder behindert sind und das muss noch nicht mal Trisomy 21 sein, es kann einfach sein, dass bei der Geburt eine halbe Minute lang Sauerstoff-Mangel war. Und wenn du so selektiv darauf achtest, dann wirst du merken, wie oft das eigentlich vorkommt. Diese Gedanken habe ich im Song verarbeitet. Ich denke, wenn du es dann auch noch so schaffst, dass es nicht so offensichtlich ist, dann ist es gut.

Seeed-Star Dellé über sein Soloalbum "Neo"

Was ist für dich so der größte Unterschied, wenn du mit Seeed arbeitest und wenn du alleine Musik machst?
Erst mal muss ich sagen, dass es schön ist, dass ich beides machen kann. Das ist auch das, was es für mich spannend macht. Als Delle habe ich die komplette Verantwortung für alles. Die Entscheidungen muss ich aber auch alleine treffen. Da habe ich dann aber auch die Freiheit zu sagen, dass ich etwas genau so haben will. Ich engagiere dann die Leute und die müssen das dann so machen, wie man sich das vorstellt. Das kann Fluch und Segen gleichzeitig sein.

Bei Seeed ist es so, dass wir eine Band sind. Das heißt alle Produktionskosten, um alles erstmal zu erstellen und zu proben, das ist erstmal alles umsonst. Wenn die CD fertig ist und wir aufgetreten sind, dann kriegen wir quasi zusammen auch das Geld. Bei einem Soloprojekt ist es so, dass ich erstmal alles investiere, um die Musiker für Proben, Hotels etc. zu bezahlen. Wenn wir dann zusammen auf Tour gehen und da dann Geld verdiene, bekommen die ihre Gagen und ich dann das, was übrigbleibt. Das ist so der wirtschaftliche Unterschied. In beiden Fällen muss man sich immer daran gewöhnen.

Als Seeed sind wir quasi eine Gang, wir sind immer mehrere. Wenn es um Geschmacksfindung für neue Songs geht, dann kristallisiert sich eine Meinung aus der Gruppe heraus und auch wenn es um Verhandlungen mit der Plattenfirma geht, dann sitzt du denen nicht alleine gegenüber. Ich habe zwar Berater, aber es ist toll, beides zu kennengelernt zu haben. Beides ist gut. Ich würde mich nie entscheiden wollen. Seeed ist toll und Pierre ein toller Chef. Er hat Geschmack und er ist jemand, den ich in dieser Frontrolle akzeptiere und als Bereicherung sehe. Flach könnte man sagen: Ich arbeite gerne jemandem zu, den ich gut finde.

In Situationen wie jetzt, wo du Promotion für dein Soloalbum machst, liest man ja immer „Delle von Seeed …“ Fühlst du dich da als Solokünstler nicht manchmal auf Seeed reduziert?
Ehrlich gesagt bin ich stolz auf diese Band. Ich bin aber viel mehr von Seeed, als die Leute vermutlich denken. Pierre steht aufgrund des Erfolges von Peter Fox sehr in der Öffentlichkeit. Seeed gibt es solange schon, dass die Rollenverteilung und das, was Seeed darstellt, für jeden total was unterschiedlich ist. Ich glaube, wenn du 10 Leute fragst, wirst du auch genauso viele unterschiedliche Antworten bekommen. Die Realität ist aber, dass sehr viel von mir in dieser Gruppe steckt, deshalb habe ich damit auch kein Problem „reduziert“ zu werden. Ich habe aber auch nicht das Bedürfnis jetzt unbedingt als Einzelperson gesehen zu werden. Mir geht es bei meinem Soloprojekt mehr um die Musik, als darum meinen Namen in die Welt zu tragen.

Und sonst so?
Ich hatte jetzt meine ersten Konzerte mit Delle, die sehr gut losgegangen sind. Es ist schön zu sehen, wie die Leute die neue Musik wahrnehmen. Im November geht dann auch die Tour los.

Fotos: TPO