Sonntag, 04. September 2016, 18:51 Uhr

Tatort "Die Kunst des Krieges": Nix für schwache Nerven

Wer illegal nach Österreich einreist, fristet meist ein tristes Dasein. Die Ausbeutung der Hilfesuchenden macht Schlepperbanden reich. Dafür ist den Kriminellen alles recht, zumindest wenn es nach dem neuen Wiener ‚Tatort‘ geht. Ein Krimi mit wenig Grautönen.

Tatort "Die Kunst des Krieges": Nix für schwache Nerven

Der Vorhang ist blutverschmiert. Das Mordopfer wurde in seinen letzten Minuten grausam gefoltert. Dem türkischen Geschäftsmann ist die Zunge bei lebendigem Leib aus dem Mund geschnitten worden. Beide Hände sind ab und der Kopf steckt auch noch in einer Schublade. Die Spuren seines Überlebenskampf finden sich im ganzen Zimmer.

Dazwischen ist der vermeintliche Täter lädiert und umringt von halbnackten Frauen in einem Penthouse zu sehen. Die Zuschauer brauchen starke Nerven für die ersten Minuten des neuen ‚Tatort‘ aus Österreich. Unvermittelt dringen die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) in die Welt von organisiertem Verbrechen und Menschenhändlern ein und geraten selbst ins Kreuzfeuer.

Tatort "Die Kunst des Krieges":

In ‚Die Kunst des Krieges‘ (heute 20.15 Uhr) im Ersten beleuchten die Kommissare die tristen Lebensumstände von vielen illegal nach Österreich Geflüchteten und ihren skrupellosen Ausbeutern. Frauen werden in Lastwägen regelmäßig nach Wien gebracht, um dort als Sexarbeiterinnen oder billige Aushilfskräfte zu schuften – ohne jede Selbstbestimmung und ohne jede Würde.

Die junge Ukrainerin (Janina Rudenska) scheint deshalb die entscheidenden Hinweise zu den tödlichen Streiterein innerhalb des Schlepperrings zu haben. Sie wurde jahrelang im Haus des Mordopfers zur Prostitution gezwungen. Ihr bleibt eine Unterbringung in einer überfüllten Flüchtlingsunterkunft aber erspart, weil Majorin Fellner ihr Helfer-Syndrom in dieser Folge besonders auslebt: So findet nicht nur der Hund des Toten, sondern auch die Ukrainerin Unterkunft bei ihr. Sehr zum Unmut ihres Kollegen, der sich ausgesprochen mürrisch gibt. Eisner ist dabei gar nicht so abgebrüht, wie er es wohl selbst gern hätte. Am Ende landet der Hund bei ihm, und er scheint tatsächlich Freude an dem Vierbeiner zu haben.

Tatort "Die Kunst des Krieges":

Ansonsten stehen die Polizisten einer Mauer des Schweigens gegenüber. Die kriminelle Szene hält zusammen, und die Illegalen schweigen aus Angst vor der Abschiebung. Unterstützung bekommen die ‚Tatort‘-Ermittler dafür von der ehemaligen „Soko Kitzbühel“-Kommissarin Kristina Sprenger. Als Daniela Vopelka ist sie die strenge Ansprechpartnerin in Asyl- und Flüchtlingsfragen. Doch die Ermittler sind trotzdem immer einen Schritt zurück. Wozu werden die Kriminellen, die vor nichts zurückschrecken, noch fähig sein?

Als Andy Mittermeier (Michael Fuith) nach seiner abgesessenen Gefängnisstrafe wieder auftaucht, nehmen die Nachforschungen einen gefährlichen Lauf. „Auf den Krieg folgt der Friede“, sagt der authentisch gespielte „Strizzi“ Mittermeier und rechtfertigt so sein brutales Vorgehen. Die berüchtigte Figur aus der Rotlichtszene ist ein alter Bekannter von Fellner. Und Mittermeier schreckt im Kampf gegen die Polizei auch vor Gift, Entführungen und wilden Verfolgungsjagden quer durch Wien nicht zurück.

Tatort "Die Kunst des Krieges":

«Die reale Welt birgt so viele Dinge, die wir uns alltäglich nicht immer vorstellen können und vielleicht auch gar nicht vorstellen mögen, weil es oft wirklich heftig ist», sagt Krassnitzer über die Aktualität des Falles. Für Adele Neuhauser ist es eine «berührende Geschichte, die einen immer wieder auch wütend macht».

Doch das Drehbuch von Thomas Roth, der auch für die Regie verantwortlich ist, will dann doch oft zu viel. Die Folge wirkt zum Teil konstruiert und spielt zu sehr mit Klischees. Ein Krimi zwischen Gut und Böse – Grautöne gibt es nicht. Zu viele Handlungsstränge sind deshalb vorhersehbar. So gelingt es nicht, die Spannung über die gesamte Länge aufrechtzuerhalten. Dabei lohnt es sich durchaus, bis zum Ende dabei zu bleiben, das mehr an einen Actionfilm aus Hollywood als an einen ‚Tatort‘ erinnert. (Sandra Walder, dpa/KT)

ARD Degeto/ORF,