Mittwoch, 28. September 2016, 17:28 Uhr

"Das weiße Kaninchen": ARD-Film über Pädophilie und Missbrauch

Florian Schwarz rechnet für seinen Film ‚Das weiße Kaninchen» nicht nur mit Beifall. Und er weiß, dass viele Fragen in 90 Minuten nicht zu beantworten sind. Dafür muss dann anschließend bei „Maischberger“ weiterdiskutiert werden.

"Das weiße Kaninchen": ARD-Film über Pädophilie und Missbrauch

Florian Schwarz (Foto unten) führt Regie bei einem Film über sexuellen Missbrauch und Pädophilie. In den Hauptrollen u.a. Devid Striesow, Sara Rost und Shootingstar Louis Hofmann.

Dass die Geschichte „Das weiße Kaninchen“ über den Lehrer Simon Keller, der ein Doppelleben führt, und die 13-jährige Sara, die sein nächstes Opfer werden könnte, polarisiert, weiß er. „Ich kann mir schon vorstellen, dass das kontrovers wird“, sagte Schwarz der Deutschen Presse-Agentur. „Es verlangt dem Zuschauer schon eine Bereitschaft ab, sich auf so eine Figur einzulassen. Und die Frage ist, will man das, bei einem Menschen, der Kinder missbraucht?“

Was fällt Simon Keller schwerer: die perfekte Fassade aufrecht zu erhalten oder sein pädophiles Verlangen zu kontrollieren?
Ich denke beides, das ganze Lebenskonstrukt von Keller fordert ein ganz hohes Maß an Wachsamkeit, nicht auffällig zu werden. Der Fixpunkt seines Lebens ist diese sexuelle Störung.

Ist Keller jemand, der mit diesem Lügenkonstrukt Schluss machen will? Er überlässt ja sein Notebook der Polizei und will es überprüfen lassen.
In dieser Szene geht es ihm darum, seiner Strategie treu zu bleiben, mit größtmöglicher, demonstrativer Offenheit vorzugehen. Ich glaube aber trotzdem, dass es eine Sehnsucht in dieser Figur gibt nach Auflösung des Lügenkonstrukts. Aber ich glaube, das zeigt sich erst am Ende. Da erleben wir ihn auf sich selbst zurückgeworfen, auf der Bank sitzend, allein gelassen mit seinem zerstörerischen Trieb, wie in Auflösung begriffen, wir wissen, die Polizei ist im Anmarsch. Wir bekommen so ein Gefühl dafür, dass er wahrscheinlich nicht flüchten wird.

"Das weiße Kaninchen": ARD-Film über Pädophilie und Missbrauch

Das ist offen.
Genau. Das ist unklar, da kann auch jeder Zuschauer sich hineinbegeben und den Film weiterdenken. Es gab auch Überlegungen, dass er am Schluss dingfest gemacht wird. Aber das hat sich für uns nicht richtig angefühlt. Das Offene finde ich auch grausamer und bitterer.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Keller und Sara? Geht es Keller nur darum, zu einem Opfer das größtmögliche Vertrauen aufzubauen?
Der Film macht früh klar, dass er diese sexuelle Störung hat. Aber bei Sara scheint es ihm nicht nur um Sexualität zu gehen. Sonst hätte er das schon früher haben können. Das fanden wir auch nicht so interessant. Da gibt es im Verhältnis zu ihr noch andere Bedürfnisse, nach Nähe, die aber in permanentem Widerstreit stehen zu seiner sexuellen Ausrichtung. Wir wollten ihn nicht nur als den geifernden Triebtäter darstellen.

"Das weiße Kaninchen": ARD-Film über Pädophilie und Missbrauch

Was erwarten Sie als Zuschauerresonanz?
Ich kann mir schon vorstellen, dass das kontrovers wird. Es verlangt dem Zuschauer schon eine Bereitschaft ab, sich auf so eine Figur einzulassen. Und die Frage ist, will man das, bei einem Menschen, der Kinder missbraucht? Da gibt schon Mechanismen, sich dem nicht ausliefern zu wollen.

Wie sehen Sie den Film – trägt der zur Prävention bei, kann der das?
Wir sind nicht in erster Linie angetreten, einen Aufklärungs- oder Themenfilm zu machen. Gleichzeitig wollten wir schon ein Bewusstsein schaffen für Zonen in der virtuellen Welt, in der junge Menschen gefährliches Terrain betreten. Der Film wirft sicher Fragen auf, die Antworten liefert er nicht, das wäre auch vermessen. Die Fragen können wunderbar rübergetragen werden in die anschließende Maischberger-Sendung.

"Das weiße Kaninchen": ARD-Film über Pädophilie und Missbrauch

Herr Schwarz, es ist das erste Mal, dass Sie einen Film in Cinemascope drehen. Warum haben Sie sich fu?r diese Geschichte fu?r das Breitwandformat entschieden, was wollten Sie damit bewirken?*
Wenn man zum Beispiel die Räume, in denen sich die Figuren bewegen, stärker miterzählen will, ist Cinemascope
großartig. Jeder Ort in unserem Film sollte auch Aussagen u?ber die Figuren treffen, manchmal auch solche Aussagen, die eine falsche Fährte legen. Simon Keller etwa lebt in einer sehr klaren, offenen und einsichtigen, von Glas bestimmten Architektur, als ob er nichts zu verbergen hätte. Das kann man mit Cinemascope deutlicher mitspielen lassen. Außerdem erzeugen die anamorphotischen Linsen eine geringere Tiefenschärfe. Vorder-, Mittel- und Hintergrund lassen sich klarer voneinander trennen. Es entstehen einfach plastischere Bilder, die, wie ich finde, besonders im leider fast völlig von 16:9
dominierten Fernsehfilm-Geschehen gleich eine gewisse Grundstilisierung schaffen. Das kam uns entgegen. Ich habe unseren Film immer auch als ein dunkles, tragisches Märchen gesehen.

"Das weiße Kaninchen": ARD-Film über Pädophilie und Missbrauch

ZUR PERSON: Florian Schwarz, 1974 in Koblenz geboren, hat zunächst als Cutter gearbeitet und anschließend von 1999 bis 2004 am Fachbereich Szenische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert. Schon sein erster Film aus seinem Abschlussjahr «Katze im Sack» war preisgekrönt. Schwarz hat bei zahlreichen Fernsehfilmen Regie geführt, etwa beim «Tatort: Im Schmerz geboren», der 2014 gleich mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.

+) Aus dem Interview der SWR-Produktion. Fotos: dpa/Michael Kappeler. SWR/Andreas Wünschirs,