Sonntag, 02. Oktober 2016, 16:07 Uhr

Bastian Baker: "Best Swiss Act" im Interview

Gerade wurde der Schweizer Singer-Songwriter Bastian Baker erneut als „Best Swiss Act“ für die diesjährigen MTV EMA’s nominiert.

Bastian Baker: "Best Swiss Act" im Interview

Nicht überraschend: Der 25-Jährige ist bereits siebenfacher „Swiss Music Award“-Gewinner, Juror in der belgischen Ausgabe von „The Voice“, und mit seinen gefühlvollen Folkpop-Songs landet er regelmäßig in den Charts in der Schweiz, Belgien und Frankreich. So auch mit seinem neuen Werk „Facing Canyons“, mit dem er nun gerne Deutschland erobern würde.

Bastian, wie kommt es, dass du als Schweizer Künstler die Chance bekommst, überall auf der Welt deine Musik zu spielen? Davon können deutschen Musiker in der Regel nur träumen!
Das war immer mein Ziel, weltweit mit meiner Band aufzutreten. Nachdem es in der Schweiz gut lief, haben wir in Frankreich und Belgien gespielt. Und so ging das immer weiter. Es haben sich Türen geöffnet; manchmal ist es ein einziges Lied, das das für dich tut. Es passieren auch absurde Dinge. Ich habe beispielsweise eine große Gefolgschaft in China. Dort bin ich in einer Seifenoper aufgetreten. Über 100 Millionen Zuschauer haben gesehen, wie ich dort mein Stück „I’d Sing For You“ gesungen habe. Nun kennt man mich auch in Vietnam und den Philippinen. Wir nutzen wirklich alle Möglichkeiten und probieren jeden Weg, um unsere Musik nach vorne zu bringen. Es ist also kein Wunder. Wir arbeiten einfach sehr viel.

Hast du mitgezählt, wie viele Konzerte du schon gegeben hast?
Wir haben in den letzten fünf Jahren über 600 Auftritte in mehr als 35 Ländern absolviert. Auch ich bin immer überrascht, weil es solch eine beeindruckende Zahl ist. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass wir nicht nur in die Länder gehen, in denen alle Musiker spielen wollen. Ich bin ein weltoffener Typ. Wir haben schon Konzerte in Algerien, Jordanien, Bahrain, Ägypten und Madagaskar gegeben. Dort sind Menschen, die sich freuen, wenn ein hiesiger Act zu ihnen kommt.

Deutschland scheint das einzige Land zu sein, wo du dich ein wenig schwerer tust, oder?
Deutschland hat so einen riesigen Musikmarkt, da gibt es viel Konkurrenz. Alle Bands wollen hier auftreten. Nur weil es für mich schnell geht in einigen Ländern, muss das nicht überall so sein. Ich bin seit drei Jahren in Deutschland aktiv, und wir haben schon ein paar Tourneen gemacht. Meinen größten Auftritt überhaupt hatte ich in Berlin: Das war vor dem Brandenburger Tor am Tag der deutschen Einheit vor einer Million Zuschauer.

Du gibst also nicht auf?
Nein, warum sollte ich? Mit Sophie Hunger gibt es ein Super-Beispiel aus der Schweiz, dass es funktionieren kann. Zehn Jahre hat es gedauert, bis sie in Deutschland einen so großen Auftritt und ein paar Songs im Radio hatte. Ich habe keine Eile und will mich in meiner Musik auch nicht verbiegen, um hier erfolgreich zu sein.

Bastian Baker: "Best Swiss Act" im Interview

Du singst auf Englisch, momentan ist bei deutschen Künstlern aber eher Heimatsprache angesagt. Könnte das da auch mitreinspielen?
Es gibt auch immer noch deutsche Künstler, die englisch singen. Aber klar, es gehören natürlich viele Faktoren dazu, damit man Erfolg hat. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Wie viel Glück war denn bei dir mit im Spiel?
Da war schon riesiges Glück mit dabei. Aber alles passiert aus einem Grund. Eine Chance muss auch erst mal entstehen. Dass mich Claude Nobs in einer Bar entdeckt hat, war auf jeden Fall unglaublich. Ich war dort an drei Nächten für Auftritte gebucht, wofür ich gratis Essen und Trinken bekommen sollte. Er kam in die Bar, ich spielte gerade den letzten Song meines Sets. Und jemand steckte mir, dass Claude Nobs anwesend sei und ich länger spielen sollte. Ich habe also ein paar Lieder mehr gespielt. Er ist mit zu mir auf die Bühne gekommen und hat Harmonika gespielt. Wir hatten eine kleine Jam Session. Und dann hat er zu den etwa 30 Anwesenden den Satz gesagt, der mein Leben verändern sollte: Er meinte, er hätte zwar keine Ahnung, wer der junge Mann neben ihm sei, aber ich würde diesen Sommer beim Montreaux Jazz Festival auftreten. Ich war natürlich super happy, denn das Festival kennt man überall auf der Welt. Das war wirklich der Kick für meine Karriere in der Schweiz.

War dein Vater nicht stinksauer, weil er dich schon als Profi-Eishockeyspieler sah?
Nein, überhaupt nicht. Eishockey war 13 Jahre ein wichtiger Teil meines Lebens, und natürlich war ich nicht schlecht. Ich habe bei allen nationalen Auswahlen mitgemacht. Aber in meinem Kopf war mir immer klar, dass die Musik meine Leidenschaft und Zukunft ist. Ich bin so zufrieden, dass das geklappt hat. Ich habe durch den Eishockey-Sport aber auch viel dafür gelernt.

Bastian Baker: "Best Swiss Act" im Interview

Was denn?
Teamgeist zum Beispiel. Das ist so wichtig. Und die Sportler-Weisheit, dass wenn du zu Boden gehst, du sofort wieder aufstehen musst. Wenn du mit der Attitüde an dein Leben gehst, zeigt das einen Kampfgeist, den man definitiv in der Musikbranche braucht. Auch die Mentalität, nie zu hohe Erwartungen zu haben, habe ich vom Eishockey adaptiert.

Du weißt ja, dass wir Deutschen uns gerne lustig machen über die Schweizer. So nach dem Motto: Die sind so langsam.
Dabei ist es doch völlig OK, sich Zeit zu nehmen, so lange man die Sache gut macht. Aber Nachbar-Länder nehmen sich ja immer gerne aufs Korn. Wir Schweizer machen uns lustig über die Franzosen. Aber das ist nicht wirklich böse gemeint.

Übst du denn noch Wintersport aus?
Ich probiere es. Eishockey ist allerdings schwer zu organisieren. Sport ist aber nach wie vor wichtig in meinem Leben. Ich fahre viel Ski, ich spiele viel Tennis. Alles, was mein Adrenalin hochkochen lässt, mache ich gerne.

Gibt es eine Frau in deinem Leben?
Ja, meine Mutter. (lacht)

Bügelt sie für dich und kocht, wenn du lange weg warst?
Genau das. Sie unterstützt mich und ist eine wirklich tolle Frau.

Und du bist ein attraktiver Mann. Ist das mitunter auch hinderlich für eine Musikkarriere? Haben dich da manche gleich in eine Schublade gesteckt?
Es kommt drauf an, ob sie erst den Kopf sehen oder die Musik hören. Klar, wenn sie mich zuerst sehen, denken sie vielleicht, der macht wahrscheinlich aalglatte Popmusik. Aber ich habe mein Äußeres immer als Vorteil gesehen, nie als Problem. Ich kann ja nichts dafür – ich bin so geboren. Und ich denke immer: Wenn Leuten meine Musik nicht mehr gefällt, weil der Sänger, der sie singt, zu schön ist, dann müssen sie einen Therapeuten aufsuchen. Denn das macht doch keinen Sinn.

Du hast ein eigenes Modelabel.
Seit letztem Jahr, ja. Eigentlich war der Plan, das Merchandising etwas modischer zu gestalten. Wir haben einen Partner gefunden, der 36 Läden in der Schweiz hat. Wir haben dann im Sommer 2015 unsere erste Kollektion rausgebracht. Es ist Alltagskleidung, kein Merchandising. Sie ist von meiner Musik inspiriert.

Wie schon deine Musik taugt auch deine Mode eher für die Bergwanderung als für den Club.
Also, in die Clubs, in die ich gehe, trage ich die Sachen auch. Es ist keine schicke, sondern eher unkomplizierte Mode, bei der das schwarze T-Shirt genauso wenig fehlt wie die Jeans. Ich habe immer gesagt: Wenn ich morgens aufwache und eine halbe Stunde vor meinem Kleiderschrank stehe, bevor ich weiß, was ich anziehe, dann fängt der Tag doch schon mit einem Problem an. Das geht nicht für mich.

Bastian Baker: "Best Swiss Act" im Interview

Deine Musik klingt natürlich, handgemacht und folkig und erinnert an Mumford & Sons. War die Band ein Einfluss?
Ganz eindeutig sogar, besonders für das neue Album. Wegen Mumford & Sons gibt es jetzt Banjo, Mandolinen und die Harmonika in meinen Liedern. Auch die Musik des amerikanischen Songwriters Robert Francis war eine Inspiration – besonders für das Stück „White Room“. Bruce Springsteen inspiriert mich und auch Julia Stone, die sehr intime, akustische Vibes mitbringt. The Script finde ich super, was die Texte betrifft – ich erkenne mich fast in jedem Lied von ihnen wieder. Da gibt es also jede Menge Künstler, die mich inspirieren.

Berlin kommt in gleich zwei deiner Lieder vor. Wie kommt’s?
Ich habe „White Room“ und „Everything We Do“ in Berlin geschrieben! Das war in einer Phase, wo ich wie Bob Dylan Songs schreiben wollte und die Momente, die ich so erlebe, sofort aufgeschrieben habe. Die lange durchzechte Nacht, von der ich singe, hat es wirklich gegeben.

Wie sieht denn so eine durchtrunkene Nacht bei Bastian Baker aus?
Ich war mit meinen Musikern als Gast bei einem Heavy-Metal-Konzert in Berlin. Das war nicht besonders gut, also sind wir in eine Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegangen und haben mit ein paar Kollegen von der bekannten Schweizer Band 77 Bombay Street ein paar Bierchen getrunken und über das Leben philosophiert. Es war ein feuchtfröhlicher Abend.

Ist Berlin nicht anfangs ein Kulturschock für einen Schweizer?
Nein, ich habe mich nie als Fremder in Deutschland gefühlt. Die Vorfahren meines Vaters kamen ursprünglich aus Deutschland. Berlin ist eine der Städte in Europa, die ich wirklich liebe. Meine Lieblingsstadt bei euch ist aber immer noch Hamburg.

Haben deine Reisen Einfluss auf deine Texte?
Ja, natürlich. Das neue Album habe ich wirklich überall auf der Welt geschrieben. „We Are The Ones“ entstand in Frankreich. „Charlie From Sydney“ habe ich halb in Vegas und halb in Island geschrieben. Es gibt viele Lieder, die ich in der Schweiz in den Bergen geschrieben habe. „Tattoo On My Brain“ entstand im Tourbus. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, unterwegs zu schreiben, weil ich das früher immer gemütlich zu Hause erledigt habe. Aber das geht jetzt nicht mehr, ich bin einfach zu viel auf Tour. Ich nehme die Lieder dann in England auf in einem Studio, das weit weg von irgendeiner Stadt oder Zivilisation ist. Und den Mix machen wir in Amerika mit Mark Plati, der schon für David Bowie gespielt hat. Ich habe ein schönes Team um mich herum.

Gibt es ein Land, von dem du besonders beeindruckt bist?
Oh ja, das ist Japan. Ich war erst vor vier Wochen dort. Dort gibt es so viele Kontraste – es ist modern, hat aber auch viel Tradition. Es ist ein verrücktes Land mit ganz tollen Leuten. Das Essen ist unglaublich. Die Lebensqualität ist so hoch. Und ich liebe auch die Sprache. Wenn ich dort spiele, ist es immer ein spezielles Abenteuer und Erlebnis. Wir sind sechs oder sieben Mal in Japan auf Tour gewesen. Und ich liebe es jedes Mal mehr. Generell machen mich die ganzen Reisen und Kulturen, die ich erfahren darf, wirklich glücklich als Mensch.

In dem Video zu „Everything We Do“ sind ja viele leicht bekleidete Menschen und sogar eine Domina involviert. Was soll das?
Das ist die versteckte Seite von Baker. (lacht) Nein, im Ernst: Die Domina finde ich super. Wir haben den Clip in Los Angeles gedreht und wollten ein bisschen Trash. Eigentlich soll es nur die Idee des Songs visualisieren, der davon handelt, dass man in einer Beziehungen manchmal von der Realität einholt wird. Am Anfang ist noch alles neu, aufregend und adrenalinhaltig. Am Schluss ist man oftmals enttäuscht. Aber wenn du enttäuscht bist, bedeutet es auch, dass du dich wieder auf etwas Neues einlassen kannst, was ja nur positiv ist.

Bastian Baker: "Best Swiss Act" im Interview

Du siehst im Clip trotzdem ein wenig eingeschüchtert aus, als die Domina um dich herumtanzt.
Weil ich sehr schüchtern bin! Zumindest war ich es, als ich jünger war. Mit 14 hatte ich es auf ein Mädchen abgesehen, ich war aber nicht mutig genug, sie anzusprechen. Irgendwann hat es mich so genervt, da habe ich mir gesagt: Wenn ich nicht sicher bin, ob ich etwas machen soll oder nicht und mir die Schüchternheit im Weg steht, dann überwinde ich mich einfach. Denn wir sind ja alle nur Menschen. Mit der Einstellung ist das Leben einfacher geworden. Ich habe dadurch so viele coole Leute kennengelernt. Ich reise ja oft alleine, und das ist gar kein Problem, wenn man offen zu Leuten ist und ein Gespräch anfängt. Das ist mittlerweile ganz einfach für mich. Und immer wenn ich merke, dass meine alte Schüchternheit zurückkommt, gebe ich mir selbst einen Push.

Aber als Popstar kommen sicherlich auch viele Menschen auf dich zu, oder?
Ja, das hat natürlich auch geholfen. Es gibt Leute, die kommen, um hallo zu sagen oder ein Kompliment zu machen. Ich finde das sehr cool. Ich bin durch den Job ein sehr sozialer Mensch geworden. Es ist natürlich auch immer ein lustiger Moment, wenn dich jemand erkennt.

CD: Bastian Baker „Facing Canyons“ (Phonag Records, bereits erschienen)

Facing Canyons Tour:
13.11.16: Stuttgart, Club Zwölf Zehn
14.11.16: München, Ampere
15.11.16: Frankfurt am Main, Zoom
16.11.16: Hamburg, Stage Club
17.11.16: Berlin, Musik & Frieden
18.11.16: Osnabrück, Kleine Freiheiheit
19.11.16: Essen, Cafe Nova
20.11.16: Köln, Studio 672

Interview: Katja Schwemmers. Fotos: Bernardo Doral, Patrick Wulf