Samstag, 29. Oktober 2016, 11:14 Uhr

Was für eine Aufregung um Hitlers Bunker-Kammer

Es ist ein schmaler Grat zwischen Effekthascherei und Geschichtsaufarbeitung: In Berlin ist jetzt der Nachbau von Adolf Hitlers Wohn- und Arbeitszimmer aus dem Führerbunker zu besichtigen.

Was für eine Aufregung um Hitlers Bunker-Kammer

Ein Bild von Friedrich II. an der Wand. Eine kleine Schäferhund-Statue auf dem Schreibtisch. Die Standuhr in der einen, die Sauerstoffflasche in der anderen Ecke des Raumes. So – oder so ähnlich – sah das Wohn- und Arbeitszimmer des Nazi-Diktators Adolf Hitler in seinem unterirdischen Berliner Führerbunker aus. Private Museumsmacher haben das Zimmer, in dem sich Hitler am 30. April 1945 das Leben nahm, nachgebaut – in einem heute noch erhaltenen Weltkriegsbunker am Anhalter Bahnhof, knapp zwei Kilometer von dem Ort entfernt, an dem damals der Führerbunker war.

Ist das pure Effekthascherei oder inszenierte Geschichte zum Anfassen? „Wir wollen keine Hitler-Show machen“, sagt Wieland Giebel vom Verein Historiale, der in einem ehemaligen Luftschutzbunker am Anhalter Bahnhof das Berlin Story Museum betreibt. Das Hitler-Zimmer sei nur im Rahmen einer Führung zu sehen. „Die Führung beginnt in dem Bunker, der für 3500 Menschen vorgesehen war und in dem am Ende des Krieges 12.000 Schutzsuchende waren. Die Parallel-Ebene ist das, was im Führerbunker passierte. Das eine wollen wir nicht von dem anderen trennen.“

Kritisch wird der Nachbau vom Dokumentationszentrum Topographie des Terrors gesehen, das auf dem Gelände der ehemaligen Hauptquartiere von Gestapo und SS die Verbrechen der Nationalsozialisten aufarbeitet. „Wir bezeichnen das hin und wieder auch als Disneyland-Variante mit dem Versuch, Effekte zu erzielen“, sagt der Topographie-Sprecher Kay-Uwe von Damaros. „Wir erklären Geschichte, dokumentieren und halten uns an die Fakten. Deshalb können wir solche Inszenierungen nicht unterstützen“, so der Topographie-Sprecher. „Effekthascherei ist unsere Sache nicht.“

Die Rekonstruktion des Hitler-Zimmers sei annähernd richtig, erklärt Christoph Neubauer, der für eine animierte 3D-Dokumentation die Geschichte des Führerbunkers aufwendig anhand alter Fotos und Baupläne recherchiert und auf DVD veröffentlicht hatte (Siehe Video). Die Couch-Garnitur zum Beispiel habe in der Realität anders ausgesehen.

Die deutsche Hauptstadt ist reich an authentischen, aber auch inszenierten Geschichtsorten, die von Besuchern aus aller Welt besichtigt werden. Im Stasi-Museum in der Normannenstraße ist das Arbeitszimmer des Staatssicherheit-Chefs Erich Mielke im Originalzustand zu sehen. Im heutigen Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst wurde am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet – die im Kapitulationssaal stehenden Tische und Stühle seien zwar wohl aus der Zeit um 1945, sagt Museumssprecherin Margot Blank. Die Original-Einrichtung gelte aber als verschollen.

Große Aufregung gab es um die Wachsnachbildung von Hitler bei Madame Tussauds am Boulevard Unter den Linden. Als geschmacklos wurde die Präsentation des Nazi-Diktators so nahe der Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas bezeichnet. Die Figur überlebte dann auch nur wenige Minuten. Kaum war das Wachsfigurenkabinett für Besucher geöffnet, sprang 2008 ein Mann über die Absperrung, stürzte auf die Hitler-Nachbildung zu, schrie „Nie wieder Krieg!“ und riss der Wachspuppe den Kopf ab. Die Figur wurde restauriert und sitzt nun hinter Sicherheitsglas.

Das Bedürfnis der Menschen nach authentischen Orten sei groß, sagt Adam Kerpel-Fronius von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. „Das halte ich auch nicht für schlecht.“ Am Ort, wo damals Hitlers Führerbunker war, steht heute eine Informationstafel. „Die Befürchtung war immer, dass es ein Wallfahrtsort für Neonazis wird – aber das ist nicht der Fall“, so Kerpel-Fronius. „Alle, die nach Berlin kommen und sich für Geschichte interessieren, wissen, dass es den Führerbunker gab – und sie würden sich um so mehr wundern, wenn sie an dem Ort nur einen Parkplatz vorfinden würden“, sagt der Wissenschaftler.

„Die Informationstafel ist zu wenig Geschichtsaufarbeitung“, meint die Filmarchitektin Monika Bauert (‚Das Boot‘), die die Entwürfe für den Nachbau des Hitler-Wohnzimmers gemacht hat. „Ich denke, man muss sich das dreidimensional vorstellen können.“ Fotografieren wird bei der Bunker-Tour nicht erlaubt sein, wie die Museumsmacher betonen.(Elke Vogel, dpa)

Foto: Wolfgang Kumm