Mittwoch, 02. November 2016, 16:15 Uhr

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

Der brutale Doppelmord an Nancy und Derek Haysom 1985 war eine weltweite Mediensensation. Die Haysoms waren angesehene Mitglieder der virginianischen Gesellschaft – und der Schuldspruch gegen ihre Tochter Elizabeth und ihren deutschen Freund Jens Söring machte viele sprachlos.

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

Die zwei hatten sich im August 1984 bei einem Orientierungsabend für die Hochbegabtenstipendiaten an der University of Virginia getroffen, er war sofort hingerissen von ihr, sie war schön, unwiderstehlich, verwegen, das Produkt englischer Boarding Schools, er war jung, naiv, Sohn eines deutschen Diplomaten. Als die Ermittler in ihren Untersuchungen dem Paar immer näher kamen, flohen sie aus Amerika, die Flucht war ein Abenteuer: Europa, Asien, als sie am 30. April 1986 in England wegen Scheckbetrugs gefasst wurden, kämpfte Jens Söring jahrelang gegen die Auslieferung in die USA. Erst als die Amerikaner auf die Beantragung der Todesstrafe verzichteten, wurde er in die USA ausgeliefert. Jens Söring: Verurteilt wegen Mordes zu zweimal lebenslänglich. Seitdem sitzen beide in US-Gefängnissen, nicht weit voneinander entfernt.

Es ist ein schwer beeindruckender Film über eine große Liebe und einen großen Verrat und über das amerikanische Rechtssystem, das sich selbst nicht mehr zu hinterfragen scheint. Und ein Justizskandal sondersgleichen.

Mehr als drei Jahre lang recherchierten der Filmemacher Marcus Vetter und Journalistin Karin Steinberger, fanden erstaunliche neue Beweise, die nie vor Gericht erwähnt oder als unzulässig erklärt wurden. DNA-Tests haben mittlerweile ergeben, dass keine der am Tatort gefundenen Blutspuren Jens Söring zuzurechnen ist, elf Mal wurde sein Antrag auf Entlassung auf Bewährung mittlerweile abgelehnt, seine Haftüberstellung nach Deutschland wurde von einem demokratischen Gouverneur an seinem letzten Tag im Amt bestätigt, aber von seinem republikanischen Nachfolger an seinem ersten Arbeitstag gestoppt.

Der Film stellt Fragen, die bislang von niemandem gestellt wurden. Wem gehören die nicht identifizierten Fingerabdrücke am Tatort? Warum durfte der sexuelle Missbrauch der Tochter durch die Mutter vor Gericht keine Rolle spielen? Wie kann es sein, dass ein befangener Richter über den Fall urteilte? Wo ist das FBI-Protokoll, das geschrieben wurde, aber unauffindbar ist? Der Film zeigt, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte. Läuft der wahre Täter dieses brutalen Mordes möglicherweise noch frei herum?

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

Hintergrund: Sie war schlank, trug eine violette Jeans und ein T-Shirt, das nicht mehr ganz weiß war. So trat sie in sein Leben, ein bisschen heruntergekommen: Elizabeth Roxanne Haysom. Es war ein Abend im August 1984, ein Orientierungsabend für die Hochbegabtenstipendiaten der University of Virginia. Wie oft hat er in den letzten 29 Jahren an dieses verfluchte Treffen gedacht. Es war der Abend, an dem sein Absturz begann. Er war jung, naiv, ein bleicher Typ mit großer Brille. Er war sofort hingerissen von ihrer Arroganz, ihren graublaugrünen Augen, ihrem Blick, so gelangweilt, dass er ihn fast zermalmte. Jetzt sitzt er da, mitten in seiner neonlichtgrellen Gefängniswelt.

Seit mehr als 29 Jahren ist Häftling Nr. 1161655 eingesperrt. Er hat noch nie ein Handy benutzt, er war noch nie im Internet, er kennt das Grab seiner Mutter nur von zwei Fotos, er hat seit Jahrzehnten keine Baumrinde mehr berührt, kein Steak mehr gegessen. Als er weggesperrt wurde, hatten die Telefone noch Wählscheiben.

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

Sein Name ist Jens Söring. Staatsangehörigkeit: deutsch. Er ist der Sohn eines deutschen Diplomaten, am 1. August 1966 in Thailand geboren, in Deutschland und Amerika aufgewachsen. Er war ein strebsames Kind, ein eifriger Student, Hochbegabtenstipendiat. Alles schien möglich. Bis er an jenem Abend Elizabeth Roxanne Haysom kennenlernte, die schöne, unwiderstehliche, verwegene Liz. Sie hat ihn einfach überrannt mit ihren Geschichten. Alles an ihr war besonders, der Vater, ein Stahlbaron, das Stipendium, aus Cambridge. Sie sagte ihm, dass sie von ihrer eigenen Mutter sexuell missbraucht werde, dass sie in einem Internat in der Schweiz brutal vergewaltigt worden war, dass sie mit ihrer lesbischen Geliebten monatelang durch Europa geflohen war und dass sie jetzt endlich wegkommen wolle von ihrer Drogensucht. Nach ein paar Monaten waren sie ein Paar. Jens Söring konnte sein Glück nicht fassen. Ausgerechnet sie hatte ihn erwählt.

Für ihn war es die große Liebe. Für sie würde er alles tun.

Dann wurden am 30. März 1985 ihre Eltern in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia, brutal ermordet. Jens Söring sagt, dass Elizabeth in dieser Nacht zurück ins Hotelzimmer kam, sich auf das Bett setzte und sagte: „Ich habe meine Eltern umgebracht, es waren die Drogen, sie haben es sowieso verdient.“ So erzählt er es. Und ihm sei dann diese Idee gekommen, die sein Leben zerstört hat. Er schlug ihr vor, der Polizei zu sagen, dass er es war. Wie der Held in Charles Dickens‘ Roman „A Tale of Two Cities“, der sein Leben gab für die Liebe. „Etwas Besseres habe ich nie getan“, sagte der Romanheld Sydney Carton auf dem Schafott. Und genau das sagte sich Jens Söring auch. „Etwas Besseres habe ich nie getan.“ Söring lächelt, schaut sich um. Sein Leben ist jetzt das Buckingham Correctional Center in Dillwyn, Virginia, ein Gefängnis-Koloss mitten im hügeligen Land. Mittlerweile findet er, dass er nie etwas Dümmeres getan hat.

Für die Polizei gab es – zunächst – kein Motiv, keine Verdächtigen, keinen Anhaltspunkt. Aber dann kamen die Ermittler dem jungen Paar immer näher. Elizabeth Haysom und Jens Söring beschließen, aus Amerika zu fliehen. Die Flucht wurde zum Abenteuer: Thailand, Europa, gefälschte Schecks.

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

Sie waren jeden Tag, jede Minute zusammen. Von dem Mord sprachen sie nur als „our little nasty“. Es war wie ein Spiel, in dem er mitspielen durfte, der kleine, bleiche, brave Diplomatensohn Jens Söring.

Am 30. April 1986 war das Spiel dann vorbei, Jens Söring und Elizabeth Haysom wurden als Christopher P. Noe und Tara Lucy Noe in einem Kaufhaus in London verhaftet. Dass die Liebe auch vorbei war, wusste er noch nicht. Da war Jens Söring 19 Jahre alt, jetzt ist er 49. Weit mehr als die Hälfte seines Lebens sitzt er schon im Gefängnis. Er hat alle Gefängnisphasen durchgemacht: den Schock, den Zorn, den Selbsthass, die Suche nach Gott, die Hoffnung, die Hoffnungslosigkeit.

Am Anfang saß er in England in diesem nach Urin und Schweiß und gekochtem Kohl stinkenden Gefängnis in Brixton.

Elizabeth Haysom gestand den Mord an ihren Eltern, widerrief – und beschuldigte ihn. Auch er gestand, wie versprochen. Er glaubte, durch den Vater diplomatische Immunität zu haben. Er dachte, dass er nach Deutschland kommen würde, Jugendstrafrecht, ein paar Jahre Knast. Er gestand, sagt er, um Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Sein Leben für das ihre.

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

Er merkte schnell, dass es jetzt kein Spiel mehr war. Und keine Liebe. Er widerrief sein Geständnis und fing an, um sein Leben zu kämpfen. Monatelang wühlte er sich durch Akten, in denen gegen seine Abschiebung in die USA argumentiert wurde, weil die Hinrichtungsart inhuman sei. Er sah Fotos von verbrannten Haaren auf den Unterarmen Hingerichteter, las Beschreibungen, wie ihre Augäpfel aus den Augenhöhlen quollen und dass es nach gegrilltem Schweinefleisch riecht, wenn ein Mensch auf dem elektrischen Stuhl stirbt. Dreieinhalb Jahre – er hatte damals immer ein Seil unter der Matratze.

Am 7. Juli 1989 verkündete der Europäische Gerichtshof, die Androhung der Todesstrafe würde den Tatbestand „Folter oder inhumane oder entwürdigende Behandlung“ erfüllen. Die Amerikaner waren empört – verzichteten aber dann doch auf die Beantragung der Todesstrafe. Am 12. Januar 1990 wurde Jens Söring an die USA ausgeliefert.

Der ungeheuerliche Fall Jens Söring jetzt im Kino

„Ich bin unschuldig”, sagte er, als er am 4. September 1990 in Amerika zu zwei Mal lebenslänglich verurteilt wurde wegen des Mordes an Derek und Nancy Haysom. Elizabeth Haysom bekam 90 Jahre wegen Anstiftung zum Mord. Es ist ein Fall ohne Augenzeugen, ohne Tatwaffe, es gibt Ungereimtheiten, Verfahrensfehler, befangene Richter.

Hobbyexperten (!), die Söring belasteten, durften vor Gericht aussagen, die echten Experten, die ihn entlasteten, nicht. Der Vorsitzende Richter William Sweeney war befreundet mit dem Bruder von Nancy Haysom, er sagte in einem Interview vor dem Prozess, dass Elizabeth überrascht gewesen sei, dass Söring „es wagte”, ihre Eltern umzubringen. Er hielt sich trotzdem für nicht befangen und leitete den Prozess…

Fotos: Farbfilm Verleih, Filmperspektive GmbH