Samstag, 05. November 2016, 16:25 Uhr

Robert Mapplethorpe im Kino: Das Ego größer als das Leben

Hartherzig und genial: die gerade im Kino gestartete Dokumentation „Mappletorphe Look At The Pictures“ über den mit 42 Jahren an AIDS gestorbenen Fotografen Robert Mapplethorpe überzeugt auf ganzer Linie.

Robert Mapplethorpe im Kino: Das Ego größer als das Leben

Robert Mapplethorpe war eines der bösesten infant terribles in der Kunstwelt, also genau richtig in dieser Königsklasse. Mappetorphe war ein getriebener und auch rücksichtsloser Charakter. Er ist als Sex-Fotograf für chirurgisch präzisen Blick berühmt geworden. Seine Serien X, Y und Z gehören zu den Meilensteinen in der Fotografiekunst. In der HBO-Produktion „Mappletorphe Look At The Pictures“, über die Schwulen-Ikone mit dem radikalen Blick, kommen diverse Weggefährten und Familienmitglieder zu Wort.

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Mapplethorpes Ego war größer als das Leben, sein Egoismus wird von seinem Bruder Eward, der für ihn das Organisatorische geregelt hat, beklemmend beschrieben: hier muss ein Wüterich am Wirken gewesen sein. Die ältere Schwester Nancy und sein jüngerer Bruder Edward, von dem, als Angestellter seines Bruders Roberts verlangt wurde, seinen Familiennamen „Mapplethorpe“ abzulegen; denn so viel Abstand zwischen Künstler und „Fußvolk“ muss schon sein. Dem kleinen Bruder Edward kommen beim Erzählen über die Hartherzigkeit seines Bruders noch in der Jetztzeit die Tränen.

Kein Wort der Anerkennung oder gar Zuneigung für Menschen im inner circle – dieses Urteil kommt von erschreckend vielen Leuten, die ihn persönlich kannten. Die Ausstellungsmacher hingegen sind allesamt in einen religiösem Hingabe-Gestus verfallen. Im Vergleich zum Turiner Grabtuch werden die Abzüge ähnlich anbetungswürdig betrachtet und behandelt.

Robert Mapplethorpe im Kino: Das Ego größer als das Leben

Gespickt ist die Doku auch mit Filmschnipseln aus der Stadt New York aus den 70er Jahren, was schon für sich genommen sehr berückend ist. Bunt, dreckig, rau und brutal – man bekommt eine Stadt zu sehen, wie sie schon lange nicht mehr existiert.
Mapplethorpe hat Männer geradezu konsumiert – was natürlich okay ist, wahllos und häufig hat er Sex konsumiert und sich dabei HIV eingefangen, und das in einer Zeit, in der das das Todesurteil bedeutete. In der Doku wird von seiner Abschiedsparts berichtet, die Bilder zeigen einen uralten, klapprigen und ausgemergelten Mann, der versucht, inmitten seiner Gäste sitzend Haltung zu bewahren. Robert Mapplethorpe war 42 als er starb, aber er sah aus wie Charlton Heston in seinen letzten Tagen.

Egal, wie anstrengend oder nett Mapplethorpe auch gewesen sein mag, wie bei allen Künstlern verschwindet das Ego hinter seinem Werk – und so wirken die Fotos in ihrer Brutalität und Zartheit für sich bestehen – jede Blume und jeder einzelne Penis für sich genommen. (Katrin Wessel)

Fotos: Robert Mapplethorpe Foundation/koolfilm