Sonntag, 06. November 2016, 16:15 Uhr

Jon Bon Jovi in unserem Interview: "Ich weine sehr oft"

Ist das wirklich schon 30 Jahre her, als Bon Jovi mit „Livin’ On A Prayer“ den endgültigen Durchbruch schafften? Damals trugen Jon Bon Jovi und Co. noch lange, gekräuselte Haarmatten.

Jon Bon Jovi in unserem Interview: "Ich weine sehr oft"

Das hat sich mit „This House Is Not For Sale“, dem neuen Album der Stadionrocker , nun total geändert. Der Bandboss ist ergraut und stolz darauf, als wir ihn zum Interview im „Savoy“-Hotel in London treffen. Dabei erzählte er klatsch-tratsch.de-Starreporterin Katja Schwemmers charmant von den peinlichen Momenten mit „Livin’ On A Prayer“, seine neue Lust an Karaoke-Abenden und fiesen Heulattacken.

Jon, vor kurzem kursierte ein Video im Internet, wo du verkleidet in einer Karaoke-Bar Bon-Jovi-Songs gesungen hast. Fiel es dir schwer, ausnahmsweise mal nicht die Töne zu treffen?
Schon! Ich musste echt Schauspielern. Es war süß zu beobachten, wie die Leute um mich herum reagierten. Denn die Mädels hatten echt Schiss vor mir – ich sah mit dem Bart und Hut ja auch aus wie der Voll-Nerd. Aber was Karaoke betrifft, bin ich auf den Geschmack gekommen. Ich war ja vorher noch nie in einer Karaoke-Bar.

Jon Bon Jovi in unserem Interview: "Ich weine sehr oft"

Mit welchem Bon-Jovi-Song fängt man am besten an?
Die meisten nehmen eh „Livin’ On A Prayer“. Das ist auch der Song, den man oft von Straßenmusikern hört. Ich glaube, näher kann ich der Unsterblichkeit nicht kommen als mit dem Klassiker. Der wird noch da sein, wenn ich längst gegangen bin. Das ist ein schöner Gedanke.

Was war der ungewöhnlichste Ort, an dem du das Lied gehört hast?
Das ist einfach. Mein Sohn Jesse spielt im Football-Team Notre Dame in Indiana. Ich bin ja auch leidenschaftlicher Football-Fan. Ich besuche also, so oft es geht, Spiele von ihm. Dummerweise bleibt das nie unentdeckt: Die Blaskapelle spielt immer „Livin’ On A Prayer“. Und dann meistens auch noch „It’s My Life“.

Wer ist peinlicher berührt davon: Du oder dein Sohn?
Jesse steht da drüber, dass sein Vater ein bekannter Rockmusiker ist. Meine jüngeren Kinder sagen schon mal voller Staunen: „Mach keinen Scheiß! Du bist echt DER Typ da im Video?“ Und dann sag ich lässig: „Nun lasst Papa mal in Ruhe auf der Couch sitzen.“ Aber für Jesse ist es schwierig im Team, weil er immer der Rockstar-Sohn sein wird. Zum Glück ist er sehr selbstsicher. Er weiß, wer er ist, und kommt mit allen gut aus.

Wie fühlt sich das an, wenn du mal nicht im Mittelpunkt stehst?
Da kann ich gut mit leben. Wenn ich am Spielfeldrand stehe, bin ich nur einer dieser stolzen Väter, die ihrem Kind zujubeln. Bis besagte Marschkapelle „Livin’ On A Prayer“ spielt – dann bin ich der Dad mit dem Hit-Song.

Wieso gibt es bei dir so wenige Skandale?
Nun ja, ich habe dieselbe Band, dasselbe Label und dieselbe Frau seit über 25 Jahren. Manche finden das vielleicht langweilig, ich halte das für einzigartig. So beständig ist sonst nur Bono von U2. Auf den treffen die drei Dinge nämlich auch zu.

Woher kommt deine Beständigkeit?
Wenn ich einmal ein Versprechen gegeben habe, halte ich es. Ich habe als 21-Jähriger den Typen in meiner Band gesagt, dass ich mit ihnen die Welt erobern werde. Das bedeutet auch Verantwortung. Der Plattenfirma habe ich damals versprochen, in jedes Album mein Herz und meine Seele zu legen – dasselbe erwarte ich von ihnen. Und das Gleiche gilt für meine Frau. Wir haben uns vor 27 Jahren in Las Vegas das Eheversprechen gegeben. Und Dorothea und ich sind ziemlich gut darin, es zu halten.

Jon Bon Jovi in unserem Interview: "Ich weine sehr oft"

Umso enttäuschender muss die Sache mit Bon Jovis langjährigem Gitarristen und Co-Songwriter Richie Sambora für dich gewesen sein. Hat es dich versöhnt, dass er der Band via Twitter zur neuen Single gratuliert hat?
Ich wertschätze es. Und ich akzeptiere, dass er sein eigenes Ding machen will. Nur die Art, wie er uns vermittelte, dass er nicht mehr Teil von Bon Jovi sein will, war nicht so wahnsinnig toll. Er ist einfach nicht erschienen, als wir eine Show in Calgary spielen sollten. 20 000 Menschen warteten in der Halle. Es war die Veröffentlichungswoche des Albums. Du denkst an die 120 Mitglieder unserer Crew und ihre Familien, deren Einkommen ein Jahr lang von der Tour abhängen. Und natürlich reisen auch Fans von überall an. Wir haben den Abend also durchgezogen. Wir haben keine einzige der 100 Shows abgesagt. Richie ist nie wieder zur Arbeit erschienen. Er hat niemanden von uns gesehen oder gesprochen. Das war bitter.

Ist von der Bitterkeit etwas auf der Platte?
Oh ja, ich zeige diesmal meine verletzliche, aber auch wütende Seite. Ich bin älter, weiser. Ich habe mehr gelebt. Ich bin weniger vorsichtig. Ich sehe keine Veranlassung mehr dazu. Ich habe etwas zu sagen und nichts mehr zu beweisen.

Jon Bon Jovi in unserem Interview: "Ich weine sehr oft"

Die Songs sind wirklich episch, haben fette Melodien.
Danke. Wir haben härter als jemals zuvor an diesem Album gearbeitet. Und ich freu mich den Arsch ab, dass es so gut ankommt. Jedes Mal, wenn man ein Album rausbringt, denkt man natürlich, dass die Leute es toll finden werden, weil man selbst so stolz drauf ist. Aber diese Songs haben noch eine tiefere Bedeutung. Ich habe der Welt meine Seele offenbart.

Wie gehst du mit Kummer um?
Es sind schon einige Tränen geflossen. Ich weine sogar sehr oft. Ich gebe gerne zu, dass ich in den letzten zwei Jahren Hilfe von Menschen in Anspruch genommen habe – und das gar nicht mal wenig. Ich habe das gebraucht und hatte keine Scheu, darum zu bitten. Es gibt keine Tapferkeitsmedaille dafür, wenn man dicht macht.

Wer hat dir denn geholfen?
Viele verschiedene Menschen – sowohl aus meinem privaten Umfeld als auch professionelle Leute. Es brauchte eine ganze Weile, bis ich wieder bereit war für die Musik und meine Gitarre in die Hand nahm. Aber nun bin ich mit Bon Jovi wieder voll da.

Fotos: Universal Music