Donnerstag, 10. November 2016, 18:17 Uhr

Filmkritik "Die Mitte der Welt": Großartige Coming-of-Age-Story

Kongenial gelungen! Sommerliebe, Erwachsenwerden und ein Familiengeheimnis: „Die Mitte der Welt“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Andreas Steinhöfel startet heute in den deutschen Kinos.

Filmkritik "Die Mitte der Welt": Großartige Coming-of-Age-Story

Ist die Mitte der Welt auf dem Globus oder einer Karte zu finden? Oder ist es ein innerer Ort und man nimmt diesen überall hin mit? Das fragt sich der 17jährige Phil (Louis Hofmann, 19, „Tom Sawyer“). Seine Chaoten-Mutter Glass (Sabine Timoteo, 41, „Zen For Nothing“) hat eine ganz passable Antwort: „Die Mitte der Welt ist für jeden woanders, je nachdem, wo man steht.“

Glass ist Amerikanerin, die Zwillinge Phil und Diane wurden aber in Deutschland geboren und dort leben die drei in einer Art Villa Kunterbunt. Glass hat wechselnde Liebhaber, aber keiner bleibt. Kontinuität? Fehlanzeige. Wie alle Kinder wollen die Zwillinge ihrer Mutter gefallen und geben sich weltoffen und entspannt im Umgang mit ihren Mitmenschen.

Doch wie geht es Phil und seine Zwillingsschwester Diane (Ada Philine Stappenbeck) wirklich? Wie sehr leiden sie unter dieser Art von Erziehung? Vom Alter her gesehen ist die Verortung klar; an der Schwelle zum Erwachsensein, aber „Die Mitte der Welt“ ist mehr als ein Coming of Age Film. Andreas Steinhöfel hat mit seinem gleichnamigen Roman einen Meilenstein in der Kinder- und Jugendliteratur gesetzt, die Verfilmung ist kongenial gelungen.

Phil kehrt gerade aus dem Sommercamp zurück. Phil ist ein Sonnenschein, es ist beliebt, er hat eine beste Freundin, die er Kat nennt (Svenja Jung) und Schwulsein ist nun wirklich überhaupt kein Thema. Ist so und gut is. Phil genießt den Sommer, dass etwas zwischen seiner Mutter und Diane vorgefallen sein muss, das schiebt es erstmal beiseite.

Filmkritik "Die Mitte der Welt": Großartige Coming-of-Age-Story

Als das neue Schuljahr beginnt und ein neuer Schüler den Klassenraum betritt, setzt Phils Herz für einen Moment aus. Sehr attraktiv und sehr geheimnisvoll – für den Teenager eine unwiderstehliche Kombination. Und so sitzen Phil und Kat auf dem Sportplatz und sehen zu, wie Nicholas (Jannik Schümann) immer wieder seine Bahnen zieht. Phil lässt sich von Nicholas erobern. Die erste Liebe wird in der Schrebergartenlaube schnell konkret. Auch die beste Freundin Kat gehört bald zur Gang. In dieser Hinsicht entwickelt sich des Schuljahr prächtig.

Zu Hause ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt, denn Mutter und Schwester ignorieren sich nicht mehr nur, sondern feinden sich offen an. In Rückblenden wird die Familiengeschichte Stück für Stück freigelegt, bis endlich die quälenste aller Fragen gestellt werden kann.

Filmkritik "Die Mitte der Welt": Großartige Coming-of-Age-Story

Fazit: „Die Mitte der Welt“ ist wunderbares Erzählkino. Besonders überzeugt Sabine Timoteo als unangepasste Träumerin. Eine bockige Querulantin und zerbrechlich wie ihr Name: Glass. Wer die Schweizerin in einer ganz anderern Rolle erleben möchte, dem sei „Der freie Wille“ an der Seite von Jürgen Vogel ans Herz gelegt.

Filmkritik "Die Mitte der Welt": Großartige Coming-of-Age-Story

Fotos: Universum Film