Dienstag, 22. November 2016, 9:29 Uhr

Emmy-Awards: Christiane Paul gewinnt

Ein bisschen Nervosität, ein bisschen Glamour, ein bisschen Klassenfahrt: Für gleich fünf Emmys gingen deutsche Produktionen und Schauspieler ins Rennen, drei nehmen sie mit nach Hause. Die Gala in New York zeigt, dass Deutschland in den USA weit oben mitspielt.

Emmy-Awards: Christiane Paul gewinnt

Am Ende kann Christiane Paul sich die Glückstränen einfach nicht mehr verkneifen. Die große Bühne im Ballsaal des New Yorker Hilton Hotel hat sie verlassen, jetzt posiert sie für die Fotografen. Dann hält sie die goldene Trophäe in die Höhe, die vielleicht begehrteste der gesamten TV-Branche – den Emmy. Die passenden Worte muss sie erst suchen.

„Es ist der Hammer“, sagt Paul. „Das ist das Größte, was mir bis jetzt in meinem Leben passiert ist.“

"Deutschland 83" V.l. Tim Greve, Vladimir Burlakovk, Sonja Gerhardt, Philipp Steffens, Damian Lewis, Maria Schrader, Henriette Lippold, Jörg Winger, Sebastian Werninger, Sylvester Groth, Errol Trotman Harewood
„Deutschland 83“ V.l. Tim Greve, Vladimir Burlakovk, Sonja Gerhardt, Philipp Steffens, Damian Lewis, Maria Schrader, Henriette Lippold, Jörg Winger, Sebastian Werninger, Sylvester Groth, Errol Trotman Harewood

Dass Paul und zwei deutsche Produktionen – die RTL-Serie „Deutschland 83“ und der Dokumentarfilm „Krieg der Lügen“ – den International Emmy mit nach Hause nehmen, gibt an diesem Abend nicht nur den Gewinnern Rückenwind. „Ich glaube, dass sich das Deutschlandbild komplett verändert hat, sich komplett gedreht hat“, sagt Jörg Winger, der „Deutschland 83“ um einen zum Stasi-Spion gewordenen ostdeutschen Soldaten in der DDR produziert hat.

Denn auch wenn sich die Branche wandelt: Viele deutsche TV-Macher blicken bis heute jenseits des Atlantiks, um sich die einen oder anderen Tricks und Kniffe abzugucken. Man habe versucht, „von den besten Fernsehnationen zu lernen“, sagt Winger und erzählt vom Überschwang, der heute an der Ost- und Westküste bei Gesprächen über Deutschland herrsche. Auch Maria Schrader, die in der Dramaserie mitspielt, spricht von der „wahrscheinlich höchsten Auszeichnung, die man in Amerika bekommen kann“. Die Reise in die Weltstadt mit einem Dutzend Beteiligter bezeichnet Winger als „ein bisschen Klassenfahrt-Gefühl“.

Nur 30 Sekunden haben die Gewinner, um auf der Bühne ein paar schnelle Dankeswort zu sprechen. „Krieg der Lügen“-Regisseur Matthias Bittner ruft im Siegestaumel nur noch ein langes „Aaawesooome!“ ins Mikrofon – „Spiiitzeee!“ Als er und sein Team die Arbeit am Dokumentarfilm um die Vorgeschichte zum Irakkrieg 2003 vor mehr als fünf Jahren begannen, hätten sie sich diese Krönung sicher nicht erträumt. Der auf Festivals gefeierte Film war als Abschlusswerk an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg entstanden.

Trotz aller Feierlaune ist den meisten klar, vor welcher Kulisse hier mit Sekt angestoßen wird. Keine zwei Wochen zuvor hatte Donald Trump, dessen Wolkenkratzer nur wenige Straßenblocks entfernt liegt, im selben Saal seinen Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl verkündet – nun steht Alan Cumming als Moderartor am Pult und redet den in edler Abendgarderobe gekleideten Gästen ins Gewissen. „Am 8. November war dieser Saal der Veranstaltungsort für einen der dunkelsten, negativsten und vollkommen zerstörerischen Momente in der Geschichte dieses Landes.“

Maria Schrader sagt im Anschluss: „Es ist eine relativ beeindruckende Rede, die Alan Cumming gehalten hat.“ Für deutsche Verleihungen sei so etwas „extrem ungewöhnlich“, dieser besondere Mix aus Gags und einer doch ernsten Botschaft. „Wie politisiert, mit wieviel Humor da für Demokratie gekämpft wird, das hat mich echt ziemlich erstaunt.“ Sie rät den Deutschen, sich diese Verleihung anzusehen.

Auch wenn es für Florian Stetter, der als bester Hauptdarsteller in der ARD-Serie „Nackt Unter Wölfen“ nominiert war und dann Dustin Hoffman unterlag, nicht reichte, hat dieser Abend dem deutschen Fernsehen einen Motivationsschub verpasst. „Wir kaufen noch einen“, sagt „Krieg der Lügen“-Produzent Paul Zischler auf die Frage, wer den Emmy denn nun mit nach Hause nehme. Bevor die Truppe sich in die Nacht aufmacht, fügt Regisseur Bittner noch hinzu, dass er die Hausnummer seiner New Yorker Bleibe im Siegesrausch jetzt schon vergessen habe. (Johannes Schmitt-Tegge, dpa)

Fotos: Andrew Gombert, RTL