Freitag, 25. November 2016, 19:43 Uhr

Herbert Grönemeyer im Interview: "Wir Musiker liefern Benzin"

Im Jahr des 60. Geburtstags von Herbert Grönemeyer gibt es neue Musik: Allerdings kein neues Studioalbum, sondern ein dickes Paket. Dazu gehören zwei neu mitgeschnittene Konzertplatten „Live in Bochum“, sowie „Alles“, eine Sammlung mit Buch und 23 CDs aus rund drei Jahrzehnten.

Herbert Grönemeyer im Interview: "Wir Musiker liefern Benzin"

Ein paar Gehminuten vom Potsdamer Platz in Berlin finden sich – in einer unscheinbaren Nebenstraße – die Hansa Studios. Die verdanken ihren legendären Ruf großen Namen: David Bowie, Depeche Mode und U2 haben hier produziert. Herbert Grönemeyer ist gewissermaßen dauerhaft präsent – im Eingangsbereich steht ein quadratmetergroßes Porträt des Sängers. Da muss man aufpassen, den echten Grönemeyer nicht zu übersehen. Der trägt Jeans und Pullover, wirkt grundentspannt, lädt ein auf das Sofa in der Ecke.

Der Journalist Moritz von Uslar hat nach einem Interview geschrieben: „Wir duzen uns, weil das in Deutschland so ist, dass man den Herbert duzt.“ Auf dem Weg hierher haben wir die Möglichkeiten diskutiert: Sie, Du, Herr Grönemeyer, Herbert, Herbie. Welche darf es denn sein?
Du und Herbert finde ich in Ordnung, ich wundere mich eher, wenn ich gesiezt werde. Es liegt aber auch am Tag, wenn mir jemand blöd kommt und ich nicht gut in Form bin, dann… (lacht). Nur Herbie nennt mich bitte nicht. So hieß der Käfer damals, das ist verniedlichend, auch bin ich nicht so der Spitzennamen-Fan.

Das sollte passen, Herbie fänden wir jetzt auch komisch. Sprechen wir über „Alles“: Diese Box ist nicht mal eben von Deiner Plattenfirma zusammengewürfelt worden. Welchen Anteil hast Du daran?
Wir fanden es interessant, zu gucken, durch welche Facetten und Zeiten wir gelaufen sind. Mit meinem Produzenten Alex Silva habe ich mich hingesetzt und ausgewählt. Beim Hören wundert man sich über die eigene Stimme und so manche Stilblüte, ist aber auch verblüfft über die eigenen Texte und freut sich, was einem damals so eingefallen ist.

Wie dürfen wir „Alles“ verstehen, als eine Art musikalische Autobiografie?
Das ist meine Art der künstlerischen Autobiografie, eine schriftliche kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, aber in „Alles“ steckt sehr viel von mir zwischen den Zeilen. Zwischenbilanz passt auch, man hätte „Alles bisher“ sagen können. Das ist ein Überblick, was ich bisher gemacht habe. Verbunden mit der Frage, wie mich das beschleunigt für die nächsten Jahre.

Du bist ja nun bewusst in alte Songs eingetaucht – hört Grönemeyer auch einfach mal so Grönemeyer oder ist das immer mit Arbeit verbunden?
Wenn ich ein neues Album mache, dann höre ich die Platten davor: Wie klingen die, wie haben wir die produziert? Und wenn ich nach Hause komme, spiele ich für mich selbst, singe dazu lauthals neue Lieder. Ich höre mich also den ganzen Tag, setze mich aber jetzt nicht hin und leg eine Platte von mir auf.

Wie konsumierst Du Musik allgemein?
Einmal die Woche setze ich mich schon mit Kopfhörer hin, gehe zurück oder lade Neues herunter. In diesem Geschäft ist das oft ein Fehler, dass man sich zu wenig Zeit nimmt für Musik, in seiner eigenen Blase bleibt. Musik fordert Dich heraus nach dem Motto: Wenn Du mich liebst, gib Dir Mühe und erfinde mich neu. Aktuell muss ich den Hunger wieder ankurbeln für ein neues Album. Dazu fülle ich meinen Kopf bewusst mit Musik, und der fängt dann an zu arbeiten.

Herbert Grönemeyer im Interview: "Wir Musiker liefern Benzin"

Ein neues Album – wann dürfen wir damit rechnen?
Wann es soweit ist, das sagt mir die Musik: Eine Idee, drei Grooves von denen ich sage, genau so muss es klingen. Dann möchte ich wieder ins Studio, rumfummeln, ausprobieren. Das ist so ein Hunger, das Gefühl, jetzt willst Du wieder Essen.

Und ist der Hunger schon da?
Na, ich kauf schon mal ein (lacht). Aber ich denke, ein neues Album gibt es sicher nicht vor 2018.

Mit Blick auf Deine Karriere stellt man fest, dass Deine Arbeitsbeziehungen meist von langer Dauer sind – so spielst Du schon sehr lange mit den gleichen Leute in Deiner Band zusammen. Was prägt diese Arbeitsbeziehungen?
Ich bin sowohl verschrobener Einzelgänger als auch Teamplayer. Ich arbeite unglaublich gerne mit anderen zusammen, künstlerisch und menschlich. Zum Beispiel die Leute in meiner Band sind alle Mörderfußballer. Und zusammen sind wir wie ein klasse Fußballteam. Wir haben unsere Macken, sitzen nicht immer in Harmonie vor der Kerze. Aber wenn wir auf der Bühne stehen, wissen wir quasi blind, wie der Ball gespielt wird. Das ist klasse. Und ich glaube auch nicht – das hat vielleicht mit dem Ruhrgebiet zu tun – dass man Menschen austauschen kann.

Du bist jetzt 60, wie sehr bist Du – im Vergleich zu früher – Du selbst?
Zum Glück ist man mit 20 nicht so weit wie mit 60, denn dadurch hat das Leben eine Dynamik – man hadert und kämpft, das hält einen lebendig. Das Leben bleibt ein Prozess und darin liegt für mich die Schönheit des Lebens.

Das Nicht-Perfekt-Sein als Motor, quasi…
Das ist exakt der Punkt, zum Beispiel, wenn Du einen 85-Jährigen triffst, der immer noch neugierig ist. Wenn ich jetzt überlege, wie weit ich heute bin und wie weit ich mit 40 war – zum Glück bin ich nicht viel weiter gekommen (lacht). Ich glaube, die Sehnsucht, man selbst zu werden, lenkt davon ab, dass man ja man selbst ist.

Seit gut drei Jahrzehnten engagierst Du Dich auf sozialer und politischer Ebene. Im Jahr 2016 ist die Lage in der Welt außergewöhnlich – Millionen sind auf der Flucht, Populisten und Demagogen haben Auftrieb. Was denkst Du, sind die Gründe dafür?
Für mich ist das unter anderem auch diese Internetkultur. Einerseits haben die Menschen einen unglaublichen Überblick, die verstehen die Welt. Gleichzeitig finden sich viele Mitfahrer für irre Ideen, Hass und Engstirnigkeit. Alles, was im Netz ist, gilt im Grunde genommen als richtig, steht überhaupt nicht zur Debatte. Dann ist die Sprache versackt, das ist ja auch dieses Trump-Phänomen, da steht einer rum und lallt, erreicht damit aber die Leute. Das Netz bietet einen Spannungsbogen zwischen Coolness und Verrohung, zwischen gut und katastrophal.

Lässt Dich das schlecht schlafen?
Vielleicht liege ich damit falsch, aber ich bleibe Optimist, weil ich glaube, dass die Welt zusammenrückt. Viele versuchen sich jetzt, in Nationalismus zu retten und die Bude dicht zu machen. Die merken, dass das nicht mehr machbar ist. Aber die Welt wird nicht so bleiben. Wir müssen jetzt teilen – mit der Welt und in unserer eigenen Gesellschaft. Je früher wir damit anfangen, desto besser.

Herbert Grönemeyer im Interview: "Wir Musiker liefern Benzin"

Siehst Du eine Chance, Leute wieder zurückzugewinnen, die aktuell den Rechten, den Populisten und Demagogen hinterherlaufen?
Ja. Die Menschen wollen verstanden werden, die wollen wieder angedockt werden an die Gesellschaft, frei nach dem Motto: Wenn ihr das nicht macht, dann rennen wir diesen Flachpfeifen hinterher. Wir müssen den Leuten das Gefühl geben: Ihr gehört dazu. Das kann nerven, aber wir müssen lernen, uns wieder zu kümmern.

Was kann Musik in diesem Zusammenhang leisten?
Wir Musiker liefern Benzin. Die Menschen, die viel bewegen, können bei uns auftanken. Sie merken, dass sie nicht alleine sind.

ZUR PERSON: 60 Jahre, 23 CDs, eine Karriere. Spätestens seit seinem mit bis heute 3,7 Millionen verkauften Einheiten alle Rekorde brechenden Album „Mensch“ ist Herbert Grönemeyer der Nordstern der deutschsprachigen Popmusik.

Geboren 1956 in Göttingen und aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist Grönemyer einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiker. Einen Namen machte er sich zunächst am Theater und beim Film, etwa in der Wolfgang-Petersen-Verfilmung des Buches „Das Boot“. Der musikalische Durchbruch gelang ihm 1984 mit der Platte „4630 Bochum“. In den vergangenen 30 Jahren hat es jedes seiner deutschsprachigen Studioalben – wie zuletzt „Dauernd jetzt“ – auf Platz eins der Charts geschafft. 1998 verlor Grönemeyer binnen weniger Tage seine Frau und seinen Bruder, beide hatten Krebs. Der Künstler ist zweifacher Vater, lebt in London und Berlin.

Mit „Alles“ veröffentlicht Herbert Grönemeyer seine erste, gesamte Karriere umfassende Werkschau — alle Studioalben, ausgewählte Live-Alben, die zwei Film-Soundtracks zu „The American“ und „A Most Wanted Man“, eine CD mit raren Tracks, eine Remix-CD sowie sein englischsprachiges Album „I Walk“ auf 23 CDs. Die streng auf 2.000 Exemplare limitierte und nummerierte Vinylausgabe enthält auf 25 Schallplatten alle remasterten Studioalben, sowie Download-Codes zu den Bonus-Alben zusätzlich zu den digitalen Versionen aller Alben.

Interview: Martin Klostermann und Patrick T. Neumann, dpa, Fotos: AEDT/WENN.com, Universal Music, Schultz-Coulon/WENN.com