Dienstag, 06. Dezember 2016, 18:55 Uhr

Filmkritik "Sing": Tierisch mitreißende Kino-Castingshow

Ein grober Gorilla singt eine schmachtende Ballade, zwei Schweine lassen die sexy Haxen wirbeln und eine kleine Maus gibt den großen Frank Sinatra: „Sing“ präsentiert ein tierisches Casting mit allzu menschlichen Facetten – ein furios-witziger Animationsfilm.

Filmkritik "Sing": Tierisch mitreißende Kino-Castingshow

Castingshows gehören zu diesem Jahrtausend wie Handys und das Internet. Überall begegnet man ihnen, ein Ende des fortwährenden Eiferns nach Berühmtheit scheint kaum in Sicht – auch wenn mittlerweile viele Menschen davon genervt sind. Da kann ein Animationsfilm über eine Castingshow ja wohl kaum noch große Begeisterung hervorrufen, oder etwa doch? „Sing“ kann das – und noch mehr. Die liebevoll animierte US-Produktion ruft wahre Emotionen hervor: Freude, Mitgefühl, Spannung und Partyfieber.

Kein Wunder, dass der tierische Talent-Show-Trip gelungen ist, steckt doch die Produktionsgesellschaft Illumination Entertainment dahinter, die bereits mit den beiden Trickabenteuern „Ich – Einfach unverbesserlich“ sowie deren Nachfolger „Minions“ die Kinozuschauer begeisterte.

Bei „Sing“ überzeugen die Macher um Regisseur Garth Jennings („Per Anhalter durch die Galaxis“) nun mit präzise gezeichneten Tier-Charakteren, die jede Menge menschliche Facetten zeigen. Hinzu kommen gelungene 3D-Effekte, die die Figuren äußerst plastisch wirken lassen, und nicht zuletzt ein musikalisches Feuerwerk. Mehr als 65 Hits werden den Zuschauern um die Ohren gehauen – darunter Klassiker wie Frank Sinatras „My Way“ oder neuere Pop-Nummern à la Carly Rae Jepsens „Call Me Maybe“.

Da zahlt es sich aus, dass Jennings früher Musikvideos produzierte. Gerade die schnell aufeinanderfolgenden Casting-Sequenzen strotzen nur so vor Vitalität und Witz – wenn eine Schnecke auf dem Mikrofon sitzend „Ride Like the Wind“ singt, lachen Erwachsene wie Kinder im Kino laut los.

Filmkritik "Sing": Tierisch mitreißende Kino-Castingshow

„Sing“ spielt in einer von Tieren bevölkerten Welt, mit all ihren kleinen und großen zwischenmenschlichen Beziehungen und Problemen. Der Koala Buster Moon etwa betreibt ein ehrwürdiges Theater – mit viel Herzblut, aber ohne Geschäftssinn. So steht er kurz vor der Pleite. Da hat das Schlitzohr die zündende Idee: Eine Castingshow soll ihm wieder Zuschauer in den Saal und damit Geld in die Kassen spülen. Auch wenn ihm sein guter Kumpel Eddie (als liebenswert-lässiger Loser gesprochen von Olli Schulz) das noch ausreden will – die Maschinerie läuft.

Eine ganze Armada von Gesangstalenten bewirbt sich, doch ins Finale schaffen es nur wenige: Hausfrauen-Schwein Rosita, Crooner-Mäuserich Mike, Punk-Stachelschwein Ash, Gang-Gorilla Johnny, Tanz-Eber Gunter und Teenie-Elefant Meena. Alle haben eines gemeinsam: Die Liebe zur Musik und einen Alltag, der ihrer Leidenschaft im Weg steht.

Filmkritik "Sing": Mitreißende Kino-Castingshow

So schuftet Rosita für ihre 25 Ferkelkinder und Ehemann Norman bis zur totalen Erschöpfung; Johnny will seinem Vater imponieren, der einen anständigen Gorilla-Gangster aus dem Jungen machen will; das große Elefantenmädchen Meena ist so schüchtern wie eine Maus; Mike hingegen hat ein Ego so groß wie ein Elefant. Sie alle sind eben auch nur ganz normale Menschen, äh Tiere, mit ihren ganz alltäglichen Problemen, Träumen und Sorgen.

Natürlich geht im Laufe des Castings so einiges schief, durchkreuzen russische Gangster-Bären ebenso wie Buster Moons Bank die Pläne und fast scheint alles verloren. Doch wenn diese Gruppe von super-talentierten, aber leider auch arg gehemmten und problembeladenen Tierfreunden nicht zusammenhält, wer dann?

Filmkritik "Sing": Mitreißende Kino-Castingshow

Im englischen Original leihen Hollywood-Stars wie Matthew McConaughey, Seth MacFarlane, Reese Witherspoon und Scarlett Johansson den Tieren ihre Sprech- und teilweise beeindruckenden Gesangsstimmen. In der deutschen Fassung wird größtenteils der Originalgesang transportiert, als Sprecher sind neben Olli Schulz auch Daniel Hartwich, Klaas Heufer-Umlauf, Alexandra Maria Lara, Katharina Thalbach und Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß dabei.

Doch ob im Original oder in der Synchronfassung: „Sing“ ist ein energiegeladenes, äußerst witziges, pop-musikalisches Animations-Highlight – vielleicht der mitreißendste Trickfilm des Jahres 2016. (Patrick T. Neumann, dpa)

Fotos: Universal Pictures