Freitag, 16. Dezember 2016, 20:50 Uhr

TV-Promis Pro & Contra (19): Jürgen Domian nimmt Abschied

Jürgen Domian wird heute Nacht um 1:00 Uhr im WDR zum letzten Mal den Hörer in die Hand nehmen, um sich die Nöte, Sorgen und Absonderlichkeiten der Menschen anzuhören. „Endlich wieder das Tageslicht sehen“, lautet sein Wunsch, nach über 21.000 Gesprächen in der Tabuzone.

TV-Promis Pro & Contra (19): Jürgen Domian nimmt Abschied
Foto: WDR/Melanie Grande

1957 wird Domian – Jürgen wird er von seinen Fans nur selten genannt – als Sohn einer Reinigungskraft und eines Hausmeisters im konservativen Städtchen Gummersbach geboren. Seine Hauptschulzeit gleicht einem Spießrutenlauf. Seine Mitschüler betiteln ihn als „Doofian“ – der tiefgründig-reflektierte Teenager scheint zur falschen Zeit am falschen Ort. „Jetzt erst recht“, heißt von da an seine Parole. Er macht zunächst seine mittlere Reife nach, trifft dann auf einen großherzigen Schulleiter, der ihm den Übergang zum Gymnasium ermöglicht: „Wenn Du von nun an bereit bist, Dich auf den Hosenboden zu setzen und rund um die Uhr zu pauken, dann bekommst Du die Chance auf das Abitur.“ Gesagt, getan! Domian studiert anschließend an der Universität zu Köln Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften. Damit er neben Kant, Nietzsche und Feuerbach auch was zu lachen hat, besucht er regelmäßig die WG von Hella von Sinnen und Dirk Bach.

Ab 1993 moderiert Domian die Radiosendung „Die heiße Nummer“ auf WDR 1. Ein Vorbote seiner späteren Kult-Show „Domian“, die 1995 ihren Betrieb aufnimmt. Mit ihr gelingt ihm der Durchbruch – das Format nimmt kein Blatt vor den Mund, nicht mal einen Grashalm. So berichtet eine Tierpflegerin, sie sei unsterblich in den Schimpansen „Alex“ verliebt, ein Friseurazubi, er bade jeden Abend nach Feierabend in den Haaren seiner Kunden, ein Objektsexueller, er reibe sich bis zum Höhepunkt an seiner Heimorgel und ein Spiritueller, er pflege einen engen Draht zu „Erzengel Michael“.

TV-Promis Pro & Contra (19): Jürgen Domian nimmt Abschied
Foto: Patrick Hoffmann/WENN.com

Doch nicht nur die skurrilen und witzigen Stories machen die Sendung aus – auch die ernsten und traurigen. Wenn ein Anrufer vom Sterbebett den Kontakt sucht, wird es im Studio ganz leise. Domian fragt dann behutsam nach, schenkt Trost, baut auf und wünscht viel Kraft für die letzten Wochen, Tage oder Stunden. Man nimmt ihm seine Empathie ab – und das unterscheidet ihn von vielen anderen Fernsehgesichtern, die sich in „helfender Mission“ wähnen.

Ein Erfolgsfaktor der Sendung ist die Vielschichtigkeit des Moderators. Der Träger des Verdienstordens und Robert Geisendörfer Preises war hochreligiöser Christ, litt an Bulimie, lebt bekennend bisexuell, und positioniert sich nach seiner Abkehr von der FDP („Neben den Luxuskarossen fiel ich mit meinem Mini Cooper auf“) als glühender Sozialdemokrat. Er befasst sich mit dem Ableben („Interview mit dem Tod“) und setzt sich aktiv für die Palliativmedizin ein. Ein biografischer Flickenteppich, der auf den Prinzipien des Ausprobierens, Ablehnens und sich wieder Findens basiert – und mit dem sich jeder ein Stück weit identifizieren kann. Domian ist das Publikum, das Publikum ist Domian. So wird es immer bleiben. Und so werden wir vermissen, wie er schelmisch grinsend und „unter uns Betschwestern“ nach den pikanten Details einer Sex-Orgie fragt, Kartenlegerinnen enttarnt, die ihm ungeniert falsche Wahrheiten zu seiner Person auf den Tisch knallen und den Anrufer bittet aufzulegen, damit ihn die Psychologin aus dem Hintergrund zurückrufen kann.


Unsere Wertung:
Charme: 7 von 10 Punkten
Witz: 7 von 10 Punkten
Einzigartigkeit: 8 von 10 Punkten

Fazit: Das offene Ohr der Nation wird uns erhalten bleiben – 2017 geht Domian auf mehrmonatige Talk-Tournee. Zudem möchte er weiterhin seine facettenreichen Gedanken auf Papier bringen. Frische Romane und Sachbücher seien in der Pipeline. In diesem Sinne: „Auf bald, Ihr Lieben“. (AG)

TV-Tipp: „Domian – Interview mit dem Tod“ – Ein Film von Birgit Schulz, heute um 23:35 Uhr. Anlässlich seiner letzten Sendung zeigt das WDR-Fernsehen ein Dokument über die Kraft des Zuhörens und den besonderen nächtlichen Raum, in dem grenzüberscheitende Zwiegespräche möglich werden.

TV-Promis Pro & Contra (19): Jürgen Domian nimmt Abschied
Foto: WDR