Dienstag, 20. Dezember 2016, 22:20 Uhr

Der Löffelverbieger Uri Geller wird 70

An Uri Geller spalten sich die Geister: Hat der „Mentalist“ wirklich außergewöhnliche Fähigkeiten, oder ist er ein raffinierter Trickser? Der Israeli selbst meint, die Antwort sei gar nicht so wichtig.

Uri Geller nimmt den Teelöffel in die Hand und reibt langsam den Stiel. „Hier, es passiert!“, ruft der israelische Illusionist nach ein paar Momenten mit dramatischem Unterton. Und zeigt dann mit einem breiten Lächeln den Löffel aus rostfreiem Stahl vor, den er gerade eben von einem Cafébesitzer im Tel Aviver Vorort Jaffa geborgt hat. Und in der Tat: Er ist am Stil fast rechtwinklig verbogen.

Der „Mentalist“, der heute 70 Jahre alt wird, erklärt seine Vorführungen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Kritiker sehen sie jedoch als reine Zaubertricks. Ob himmlische Begabung oder Trick – sie haben Geller, der in Tel Aviv unter sehr ärmlichen Bedingungen aufgewachsen ist, auf jeden Fall zu einem reichen und weltweit berühmten Mann gemacht.

„Der erste Löffel verbog sich in meiner Hand, als ich fünf Jahre alt war“, behauptet Geller. „Völlig spontan, ohne dass ich irgendetwas getan hätte“, sagt der schlanke Mann mit buntem Hemd und dunkler Brille. Er ist Großvater, wirkt aber deutlich jünger als 70. „Ich habe verstanden, dass das der Schlüssel zu meinem Erfolg ist, dass das etwas Einmaliges ist“, sagt Geller, der sich selbst als „Mystifizierer“ beschreibt – jemand, der Leute verblüfft und ihnen Rätsel aufgibt.

Seine Mutter bringt die ungewöhnlichen mentalen Fähigkeiten ihres Sohnes mit Sigmund Freud in Verbindung, dem Vater der Psychoanalyse. 1913 in Berlin zur Welt gekommen, war sie nämlich eine entfernte Verwandte von Freud. „Sie dachte, ich hätte auch seine hypnotischen Kräfte“, sagt Geller, der im vergangenen Jahr nach 33 Jahren in England in seine israelische Heimat zurückgekehrt ist. Von seiner Wohnung in Jaffa aus kann er das Mittelmeer sehen. „Das israelische Volk hat mir gefehlt“, sagt Geller nachdenklich. „Schließlich hat es mich aufgebaut.“

Gellers Werdegang ist allerdings steinig. Seine Mutter lernt seinen Vater auf der Flucht vor den Nazis in Budapest kennen, während des Zweiten Weltkriegs kommen beide ins damalige Palästina. Doch die Ehe der Eltern steht unter keinem guten Stern. „Meine Mutter wurde hier in Jaffa schwanger mit mir“, erzählt Geller. „Sie hat mir einige Jahre vor ihrem Tod ein sehr schmerzliches Geheimnis verraten: ich war ihr neuntes Kind. Mein Vater wollte keine Kinder und er zwang sie acht Mal zu Abtreibungen.“ Die Eltern lassen sich scheiden, als der kleine Uri zehn Jahre alt ist.

Ein Jahr später folgt seine Mutter ihrem Geliebten, einem ungarischen Juden, der auf Zypern ein Hotel betreibt. „Viele israelische Spione wohnten dort, wenn sie Einsätze in arabischen Ländern planten“, erinnert sich Geller, der damals erste Verbindungen zu Israels Auslandsgeheimdienst Mossad knüpft. Man habe ihn später rekrutiert, um seine „telepathischen Fähigkeiten zu nutzen“, sagt Geller.

Nach der Schule wird Geller Fallschirmjäger in der israelischen Armee. Im Sechstagekrieg 1967 erleidet er eine Schussverletzung am Ellenbogen, viele seiner Kameraden sterben. Kämpfe um Jerusalem lösen bei ihm nach eigenen Angaben eine posttraumatische Belastungsstörung aus, weil er einen jordanischen Soldaten aus nächster Nähe erschießt. „Er war jung wie ich, es verfolgt mich bis heute.“

Schon als Kind auf Zypern wird er während des Bürgerkriegs zwischen Griechen und Türken Zeuge von viel Gewalt und Tod. „Das formt einen schon.“ Später entwickelt er sich zum Waffen-Narr. „Als ich nach New York kam, kaufte ich acht Pistolen. Ich wollte das Leben in vollen Zügen genießen, nichts war genug.“ Der größte Antrieb auf dem Weg zum Erfolg: „Dass meine Mutter nicht mehr als arme Kellnerin oder Schneiderin arbeiten muss“.

Und der Plan geht auf: Geller wird zum Superstar, der mit Vorführungen wie Besteck-Verbiegen und dem Anhalten oder Reparieren von Uhren international Aufsehen erregt. 1972 geht er nach München, fährt mit verbundenen Augen durchs Stadtzentrum und wird Teil des Jetsets. „Ich lernte viele reiche Deutsche wie Gunter Sachs kennen“, erzählt Geller. „Die Deutschen waren verrückt nach mir.“

Es gibt sogar Bemühungen der US-Eliteuniversität Stanford, Gellers „paranormale“ Fähigkeiten wissenschaftlich zu beweisen. Später wird die Versuchsanordnung als ungenügend kritisiert.

Unter dem Druck seiner Karriere entwickelt Geller eine Bulimie. Ex-Beatle John Lennon rettet ihn, als er ihn 1982 nach Japan schickt, um „seine Spiritualität zu suchen“. Geller verkauft alles und lebt mit seiner Frau Chana und zwei Kindern ein Jahr in einer Holzhütte im Wald. „Dort habe ich mich wieder gefunden.“

Im deutschen Fernsehen ist der Israeli nach einem Comeback bei der Uri-Geller-Show und „The next Uri Geller“ (2008) zu sehen – doch die Reaktionen sind verhalten bis negativ. Rückblickend meint Geller dennoch, er habe seinen Erfolg gerade seinen Kritikern zu verdanken. „Ich muss ihnen eine Million Blumensträuße schicken – ohne die Kontroversen wäre ich nie so weit gekommen“, sagt er. „Wie ich es mache, ist doch letztlich gar nicht wichtig, Hauptsache man redet über mich. All die Skeptiker haben mich zu einer Legende gemacht.“ (Sara Lemel)