Dienstag, 20. Dezember 2016, 21:53 Uhr

Filmkritik "Nocturnal Animals": Thriller mit Jake Gyllenhaal

Als Modedesigner feierte Tom Ford bereits international Erfolge. Nun legt er seinen zweiten Film vor: einen düsteren Thriller um einen Doppelmord.

Filmkritik "Nocturnal Animals": Thriller mit Jake Gyllenhaal
Foto: Merrick Morton/Focus Features

Mode allein scheint Tom Ford nicht mehr zu erfüllen. Zwar zählt der US-Amerikaner zu den einflussreichsten Designern der Gegenwart, schuf er doch für Marken wie Gucci und Yves Saint Laurent spektakuläre Kreationen. Doch schon 2009 wechselte Ford zum ersten Mal zum Film – und wurde gefeiert.

Immerhin war „A Single Man“ ein berührendes und extrem stilsicher gedrehtes Drama, in dem Colin Firth um seinen Lebenspartner trauerte. Nun folgt Fords zweite Regiearbeit: „Nocturnal Animals„, ein düsterer Thriller über die menschlichen Abgründe. Beim Filmfestival Venedig gewann der 55-Jährige dafür den Großen Preis der Jury.

Bereits die Eingangssequenz macht Fords Gespür für einprägsame Bildkompositionen deutlich: Da tanzen stark übergewichtige Frauen in Großaufnahme über die Kinoleinwand – alle fast nackt. Ihre Brüste schwingen hin und her, das Fett wackelt in Zeitlupe. Was grotesk oder voyeuristisch wirken könnte, hinterlässt bei Ford allerdings einen positiven Eindruck. Er scheint damit vielmehr die Schönheit in all ihren Facetten feiern zu wollen.

Nach diesen ersten Minuten schlägt „Nocturnal Animals“ dann aber auch einen ganz anderen Ton an. Da ist Susan Morrow (Amy Adams), eine erfolgreiche Kunsthändlerin. Eines Tages erhält sie von ihrem Ex-Mann ein Manuskript, das sie sofort zu lesen beginnt: Die beklemmende Geschichte eines Doppelmordes in der texanischen Einöde, in der der überlebende Ehemann und Vater Tony Hastings (Jake Gyllenhaal) verzweifelt um Gerechtigkeit kämpft.

Filmkritik "Nocturnal Animals": Thriller mit Jake Gyllenhaal
Foto: Merrick Morton/Focus Features

Immer wieder springt Regisseur Ford zwischen diesen beiden Handlungssträngen. Erzählt mal von der kühlen, einsamen Welt seiner unglücklich verheirateten Susan, mal vom Grauen, das Tony erlebt. Er variiert außerdem das Tempo: Beim nächtlichen Überfall lässt er die Bedrohung und Gewalt eruptiv über die Familie hereinbrechen, während Susan im nächsten Schnitt geradezu gelähmt das Buch umklammert oder weiter wie in Trance durch ihr Leben geht.

Grandios fängt Ford dabei auch die texanische erdige Landschaft mit Panoramaaufnahmen ein, die Tonys Verlorenheit und sein Gefühl des Ausgeliefertseins bei diesem Höllenritt auch bildlich vermitteln. Dass der Regisseur für Susans emotionale Leere allerdings fast durchweg kühle, blau-grau unterlegte Bilder wählt, ist zwar ein visuell hübscher Kontrast und strahlt eine gewisse Eleganz aus, wirkt jedoch auch wenig originell.

Filmkritik "Nocturnal Animals": Thriller mit Jake Gyllenhaal
Foto: Merrick Morton/Focus Features

Die emotionale Tiefe wie sein Debüt „A Single Man“ entwickelt Ford mit „Nocturnal Animals“ so ebenfalls nicht. Und doch führt Ford die Fäden seiner – von Adams und Gyllenhaal stark gespielten – Geschichte auf unvorhersehbare Weise zusammen, wenn er erst Tonys und Susans Leben auf den Kopf stellt und am Ende dann einen neuen Blick auf die vorigen eineinhalb Filmstunden ermöglicht.

Denn von was erzählt das Manuskript mit dem Titel „Nocturnal Animals“ wirklich? „Nur“ von einem Doppelmord an einer Frau und ihrer Tochter? Oder spielt Susans Ex damit auch auf ihr verletzendes Fehlverhalten in der gemeinsamen Vergangenheit an? „Nocturnal Animals“ wird so zu einem mehrdeutigen, intelligenten Thriller um Moral und Rache, die hier auch allein durch Susans Vorstellungskraft ihren Schrecken entfaltet. (Aliki Nassoufis, dpa)

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Foto: Universal Pictures