Freitag, 23. Dezember 2016, 15:47 Uhr

MTV-Legende Steve Blame über Popstar-Karrieren im Internetzeitalter

Musikgrößen wie David Bowie, Prince, Roger Cicero, Lemmy Kilmister (Motörhead), Glenn Frey (Eagles) und Maurice White (Earth, Wind & Fire) gingen in den zurückliegenden Monaten von uns.

MTV-Legende Steve Blame über Popstar-Karrieren im Internetzeitalter
MTV-Legende Steve Blame. Foto: VOX / Markus Hertrich

Doch ihre Hits machen sie unvergessen. In der VOX-Sendung „Songs für die Ewigkeit – Tribute to…“, die an diesem Freitag um 20.15 Uhr gezeigt wird, führt der ehemalige MTV-Moderator Steve Blame (57) durch den musikalischen Jahresrückblick. Und erzählt klatsch-tratsch.de-Autorin Katja Schwemmers vorab im Interview wie ihm David Bowie geholfen und Roger Cicero posthum bewegt hat.

Mr. Blame, mit der VOX-Sendung „Songs für die Ewigkeit – Tribute To…“ präsentieren Sie heute Ihre erste Prime-Time-Musikshow im deutschen Fernsehen. Wie fühlt sich das an?
Komisch. Ich habe immer gedacht, dass meine Karriere im Fernsehen längst vorbei wäre. Ich bin in dieser Show aber auch kein klassischer Moderator. Ich sehe mich als ein Teil der Sendung, dem es Gott sei dank nicht erlaubt ist, zu singen.

Bekannt wurden Sie als News-Anchorman von MTV Europe. Was haben Sie seither gemacht?
Zuerst einmal ausgeschlafen und die Batterien wieder aufgetankt. Nach einer Weile des Rumhängens und Partymachens kam mein persönlicher Wendepunkt 2006 – damals habe ich einen Master-Abschluss als Drehbuchautor gemacht. Seitdem habe ich zwei Bücher geschrieben – unter anderem meine Autobiographie –, eine Game-Show entwickelt, die in Holland und Spanien erfolgreich lief, und eine Menge Drehbücher geschrieben. Obwohl ich ab und zu moderiere, habe ich mich nie als Moderator gesehen. Ich bin Drehbuchautor und Autor.

Wie blicken Sie auf Ihre Zeit bei MTV zurück, in der Sie Persönlichkeiten wie Madonna und den Dalai Lama interviewt haben?
Ehrlich gesagt blicke ich nicht mehr zurück.

In der Show wird verstorbenen Musikgrößen gedacht. Wie muss man sich das vorstellen?
Wir wollen die großen Künstler, die von uns gegangen sind, noch einmal in Erinnerung bringen und natürlich ihre Musik feiern. Das geschieht mit Gästen wie BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken, Max Mutzke, Seven, Laith Al-Deen, Michael Patrick Kelly, Namika und Mietze Katz von Mia, die Lieder dieser Legenden interpretieren. Auch wenn es sich vielleicht zuerst so anhört, als wäre es eine traurige Sendung, ist sie das überhaupt nicht. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander und haben tolle Musik gehört. Ich sehe die Sendung sehr positiv.

Gab es trotzdem einen besonders emotionalen Moment?
Das war für mich als Mieze Katz ein Lied von Roger Cicero gesungen hat. Sein Tod geht ihr immer noch sehr nahe. Ihre Emotionen haben uns alle bewegt, bei mir hat dieser Moment Vatergefühle geweckt. Am Ende der Show hatten wir alle das Gefühl, dass wir eine große gemeinsame Erfahrung teilen durften. Das wird bleiben. Und dieses schöne Gefühl überträgt sich hoffentlich auf das Publikum.

Wenn deutsche Künstler internationale Musikgrößen covern – wo ist da die Verbindung?
Man sagt oft, dass Freunde der Spiegel der Seele eines Menschen sind. Und ich finde, auch der musikalische Geschmack ist eine Art Spiegel der Seele. Deswegen passt Laith Al-Deen so gut zu Lemmy von Motörhead wie der Whiskey.

MTV-Legende Steve Blame über Popstar-Karrieren im Internetzeitalter
Foto: AEDT/WENN.com

Wer von den teilnehmenden Künstlern hat Sie denn musikalisch oder menschlich am meisten beeindruckt?
Ich finde, man sollte nicht versuchen, Musiker zu vergleichen, da sie unterschiedlich sind. Ich respektiere ihre Talente und auch ihre Unterschiede. Klar, ist jemand wie Niedecken einzigartig. Aber dann ist da noch die Kraft von Max Mutzkes Stimme, die Raffiniertheit der sieben Vokalakkorde von Seven, die Intensität von Patrick Kelly, die Frische von Namika, der rauschende Felsen Laith Al-Deen und die innere und äußere Schönheit von Mieze Katz von Mia. Als kreativer Mensch habe ich gelernt, dass man jeden für seine Kreativität und Kunst respektieren muss, denn alle bereichern diese Welt.

Um welche der verstorbenen Musiklegenden haben Sie persönlich getrauert?
Bowie war die alles überragende Identifikationsfigur meiner Teenagerjahre und hat mir geholfen, meine sexuelle Identität zu finden und zu entwickeln. Ich hatte das große Glück, ihn interviewen zu können, und habe ihn bei einer weiteren Gelegenheit getroffen. Der Mann, der immer da war, ist auf einmal nicht mehr da. Aber ich versuche immer, auch in der Traurigkeit das Positive zu finden. Wenn Eltern sterben, verlieren Menschen oft die Orientierung und müssen sich noch einmal neu finden. Das war der Effekt von Bowies Tod auf mich. Sein Tod hat mir gezeigt, dass, was immer ich im Leben erreichen will, im Hier und Jetzt beginnt. Dieses Jahr war mein kreativstes Jahr. Bowie hat mir also auch posthum einen neuen Impuls gegeben.

MTV-Legende Steve Blame über Popstar-Karrieren im Internetzeitalter
V.l. (hinten): Moderator Steve Blame, Michael Patrick Kelly, Seven, Mieze Katz von „Mia“, BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken
v.l. (vorne): Laith Al-Deen, Namika und Max Mutzke. Foto: VOX/ Markus Hertrich

Gibt es Gemeinsamkeiten, die diese Musiklegenden aufweisen, die ihren Tod überdauern?
Selbst nach ihrem Ableben sind diese Künstler noch ein Vorbild für kreative Menschen. Weil sie dafür stehen, das zu tun, woran sie glauben, ohne sich an der Marktsituation zu orientieren. Menschen mit einem künstlerischen Erbe wie Bowie, Prince, Glenn Frey oder Lemmy hatten einen unerschütterlichen Glauben an ihre eigenen Ideen. Lemmy hat sich einen Dreck darum geschert, was andere gedacht haben – er hat einfach sein Ding durchgezogen. So nach dem Motto: Wähle dir dein Leben und lebe es! Damit taugt er immer noch als Vorbild.

Warum trauern wir überhaupt über Musikgrößen, die wir nie persönlich kennengelernt haben?
Unsere Helden sind tatsächlich so etwas wie ein Teil unserer Familie! Sie repräsentieren Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend, unsere Beziehungen, Liebe und Verluste. Manchmal fühlt es sich sogar so an, als würden sie uns verstehen – wegen eines Textes oder eines Songs, den sie geschrieben haben, und der uns aus der Seele spricht. Sie sind damit immer an unserer Seite. Das geht soweit, dass sie eigentlich gar nicht weg sind, auch wenn sie sterben. Natürlich ist Trauer ein gesunder menschlicher Reflex, aber man muss auch immer, bei jedem Verlust, die Trauer am Ende durch das Leben ersetzen.

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Michael Patrick „Paddy“ Kelly. Foto: Chris Noltekuhlmann

Der für die Öffentlichkeit sehr plötzliche Tod von David Bowie scheint die Menschen am meisten bewegt zu haben. Woran liegt das?
Bowies Karriere umspannte mehrere Jahrzehnte. Er war immer ein Anführer, kein Mitläufer. Er hat viele musikalische Stile und Genres beeinflusst. Und er hat sogar seinem Tod einen Hauch von Genie und künstlerischer Bedeutung gegeben, so dass dieser ebenso kraftvoll war wie sein Leben. Große Künstler überblicken, formen und verteidigen ihr Erbe schon im Leben. Genau das hat Bowie getan.

Manche bezeichnen 2016 als das Jahr, in dem die Musik starb. Sehen Sie das auch so?
2016 war in popkultureller Hinsicht ein Annus horribilis – ein Schreckensjahr. 2016 war aber auch das Jahr, das uns Teile unserer eigenen Geschichte und Jugend wieder vorgelegt hat. Man konnte erinnern, prüfen und wieder neu entdecken. Vielleicht kann 2016 so sogar ein Jahr der Neuentdeckung von bereits Bekanntem sein.

Sind Musikkarrieren, die 40 und mehr Jahre andauern, im Internetzeitalter überhaupt noch möglich?
Ich habe Tony Visconti, den Produzenten von Bowie, gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass es jemals wieder einen Künstler wie Bowie gibt. Er sagte, so wie die Branche heute funktioniere, sei das wohl nicht mehr denkbar. Einem Bowie hat man Zeit gelassen zu lernen, Fehler zu machen, seinen Stil zu entwickeln und herauszufinden, wo er als Künstler steht. Das gibt es in der Form heute nicht. Immerhin bedeutet das nicht, dass es absolut nie wieder einen Künstler wie Bowie geben könnte. Wie gesagt, ich bin ein positiv denkender Mensch…

Prince, Bowie, Lemmy, Whitney Houston, Michael Jackson. An welche dieser Legenden wird man sich noch in 50 Jahren erinnern?
Bowie hat sein Vermächtnis längst abgesichert. Bei Prince und Jackson wird es abhängig sein von den Entscheidungen ihrer Familien, ob ihr Werk überdauern kann. Ich hoffe, dass Prince‘ Familie begreift, wie bedeutend er für die Menschen ist. Von Houston bleibt nur ihre unglaubliche Stimme. Und auch wenn es vielleicht nie wieder einen Menschen wie Lemmy geben wird, geht es am Ende doch um den musikalischen Einfluss. Und der ist bei Bowie und Prince am Größten.

Was kann noch Orientierung geben?
Musik, Kunst, Filme, Bücher! Was immer dein Ding ist, kann auch deine Orientierung sein. Man muss nur offen sein für Entwicklungen im eigenen Leben. Bowies Tod hat mir das – wie gesagt – deutlich gemacht: Orientiere dich an dir selbst! Es liegt bei dir, zu wählen, wohin die Reise geht!