Sonntag, 25. Dezember 2016, 19:36 Uhr

TV-Kritik "Winnetou" und was man noch wissen sollte

Heute Abend startet der mit Spannung erwartete RTL-Dreiteiler „Winnetou – Der Mythos lebt“. Karl Mays (1842–1912) Abenteuergeschichten gehören zu den zeitlosen Klassikern der deutschen Jugendliteratur.

TV-Kritik "Winnetou" und was man noch wissen sollte
Foto: RTL / Nikola Predovic

Mit geschätzten 200 Millionen weltweit verkauften Büchern wurde der Sachse für Generationen von Jugendlichen zum Idol – und zum erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Mit dem Apachenhäuptling Winnetou und seinem Freund Old Shatterhand hat Karl May zwei große Helden erschaffen, die für ihre Fans Vorbild und Wegbegleiter sind. May erzählt in seinen Romanen von einer einzigartigen Freundschaft, von der Sehnsucht nach Freiheit und vom waghalsigen Kampf gegen alle Gefahren der Wildnis. Mit Winnetou und Old Shatterhand dürfen seine Fans in der fernen Welt des Wilden Westens spannende Abenteuer erleben. Die Geschichten um den Apachenhäuptling Winnetou und seinen Freund Old Shatterhand sind weltbekannt und haben sich tief in die Herzen der Fans geprägt.

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In den 1960er-Jahren wurden insgesamt elf Kinofilme gedreht, die frei nach Karl May entstanden sind und in denen Pierre Brice den Apachenhäuptling Winnetou spielte. Mit dem großen Erfolg der Abenteuerfilme entstand ein bis heute anhaltender Kult um die Figuren und ihre Schauspieler, die Musik von Martin Böttcher und die Drehorte in Kroatien. WINNETOU (1963) war nach DER SCHATZ IM SILBERSEE (1962) der erfolgreichste der Kinoreihe, die auch später mit der Ausstrahlung im Fernsehen nichts von ihrem Reiz und Charme verloren hat. Harald Reinls Winnetou-Verfilmungen waren beim Publikum so erfolgreich, weil sie eine zeitgemäße Adaption vornahmen, indem sie die Karl-May- Vorlagen in diesem Sinne nacherzählten. Mit der Verfilmung WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN wurde letztmalig 1968 in Kroatien ein Winnetou-Film gedreht.

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Foto: RTL / Jens Koch

Und nun also die Neuverfilmung! „Guten Tag. Mein Name ist Karl May.“ Ein höflicher Mann ist er, der von Sachsen ins Amerika der 1860er Jahre reist, genauer gesagt ins Indianerland der Apachen. Schon im Zug wird er von einer besorgten älteren Dame (Marie Versini, die einst Winnetous Schwester spielte) vor den gefährlichen „Rothäuten“ gewarnt. Wie es ihm und seinen neuen indianischen Freunden ergeht, kann man nun auf RTL verfolgen in dem Dreiteiler „Winnetou – Der Mythos lebt“, am Sonntag, Dienstag und Donnerstag, 25./27./29. Dezember (20.15 Uhr). Ergänzend gibt es noch zwei Dokumentationen am Sonntag (25.12. um 22.05 Uhr) und am Donnerstag (29.12., um 22.45 Uhr).

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Foto: RTL / Nikola Predovic

Schon der erste Teil der Trilogie („Eine neue Welt“) zeigt, worum es geht: Die weißen Männer mit „Donnerbüchsen“ wollen die Indianer vertreiben – sie bauen eine Eisenbahnlinie quer durch das Land der Apachen. Mays Chef James Bancroft (Rainer Bock) sagt: „Wir führen hier keinen Krieg, wir bauen eine Eisenbahn“, sein skrupelloser Vorarbeiter Rattler (Jürgen Vogel) antwortet: „Wo ist da der Unterschied?“, und Bancrofts trinkfreudige Gattin (Leslie Malton) beklagt still ihr Schicksal fernab von New York. Später wird May von Indianern überfallen, doch Winnetou (Nik Xhelilaj) verschont ihn. Und seine Schwester, die Schamanin Nscho-Tschi (Iazua Larios), pflegt ihn gesund. Wegen seines gekonnten Fausthiebes wird May bald Old Shatterhand genannt und gewinnt das Vertrauen von Häuptling Intschu tschuna (Gojko Mitic, der schon in der DDR als Indianerhäuptling populär war). Später wird er von Rattler erschossen.

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Foto: RTL / Jens Koch

Im zweiten Teil („Das Geheimnis vom Silbersee“) reitet der weiße Herr May zurück in seine bisherige Welt, um bei einem Großbauprojekt in Santa Fe anzufangen. Das Dorf der Apachen wird derweil vom schießwütigen mexikanischen Banditen El Mas Loco (Fahri Yardim), seinem Kumpan Professor Spengler (Matthias Matschke) und weiteren Männern überfallen; Nscho-tschi wird entführt und soll ihnen den Weg bis zum Silbersee weisen. Karl erfährt von der Entführung, begreift, wie sehr er die Schmanin liebt, und reist zurück ins Apachenland. Gemeinsam mit Winnetou kann er sie befreien, und daheim hat sie ihn dann flugs in einem indianischen Ritual zum Ehemann auserkoren, während er sie noch ganz altmodisch auf Knien um ihre Hand bittet. Schließlich sagen beide „Ja“.

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Foto: RTL / Nikola Predovic

Im dritten Teil („Der letzte Kampf“) droht wiederum Gefahr: Auf seiner Farm entdeckt Shatterhand zusammen mit Winnetou durch Zufall eine Ölquelle. Ausgerechnet ein drogenabhängiger Dandy bekommt Wind davon: Santer Junior (Michael Maertens) möchte seinem machtgierigen Vater Santer Senior (Mario Adorf, er spielte schon vor über 50 Jahren mit Pierre Brice und Lex Barker) imponieren und setzt deshalb alles daran, diese Ölquelle auf dem Apachenland zu kaufen. Doch Shatterhand und seine neue Familie sind natürlich nicht käuflich. Da heuert der junge Santer etliche Banditen an, die als Apachen verkleidet unschuldige Siedler massakrieren und die Tat den Indianern anhängen. Winnetou, Old Shatterhand und die übrigen Krieger sollen gehängt werden und können im letzten Augenblick nur durch Nscho-tschis Hilfe entkommen.

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Foto: RTL / Nikola Predovic

Philipp Stölzl (49, „Goethe!“, „Der Medicus“) wird von RTL so zitiert: „Zehn Jahre nach der erfolgreichen „Schuh des Manitu“-Parodie wollten wir, dass der Zuschauer diese Welt wieder ernst nimmt, vor allem aber auch die Konflikte und Werte, die in ihr verhandelt werden.“ Die Geschichte der großen Freundschaft zwischen dem anmutigen, edlen Indianerhäuptling und dem deutschen Landvermesser Old Shatterhand habe mit der zynischen Realität des Indianergenozids im 19. Jahrhundert aber herzlich wenig zu tun. Die Filmemacher haben insgesamt einen erfrischenden, teilweise auch unfreiwillig komischen Zugang zu den alten Geschichten gefunden und sind nicht in Ehrfurcht vor dem Pathos der Filme aus den sechziger Jahren erstarrt. Gedreht wurde in Kroatien, die Ausstattung ist opulent, die bekannten Filmmelodien von Martin Böttcher klingen natürlich auch an – hier durch Heiko Maile und das Deutsche Filmorchester Babelsberg neu arrangiert.

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Foto: RTL / Jens Koch

Die Kamera (Sten Mende) zeigt eine wesentlich realistischere, vor allem gefährliche Welt – im Gegensatz zur literarischen Vorlage durch Karl May, die schon etwa 130 Jahre alt ist und ein romantisiertes und utopisches Bild des Wilden Westens gezeichnet hat. Erstaunlicherweise spricht die Häuptlingsfamilie im Film gebrochen deutsch, die restlichen indianischen Dialoge werden übersetzt als Untertitel eingeblendet. In jedem Teil kommen die Bösewichte am Ende um, was in Ordnung geht. Kleine Einfälle sind zudem ganz hübsch – wie eine zarte Liebesgeschichte zwischen dem schrulligen Sam Hawkens (großartig: Milan Peschel) und der mutigen Prostituierten Belle (auch sehr gut: Henny Reents).

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Foto: RTL / Nikola Predovic

Leider ist die sonstige Besetzung weniger gut gelungen: die hierzulande wenig bekannten Darsteller Nik Xhelilaj und Iazua Larios agieren eher hölzern (wobei sie mehr Würde ausstrahlt als er) überzeugen längst nicht so wie Wotan Wilke Möhring (49, „Tatort“), der in fast jeder Szene dabei ist und sich glaubhaft vom anfangs etwas naiven Herrn May in einen mutigen Old Shatterhand verwandelt. Der wehrt sich zwar gegen jede geforderte Kopfbedeckung („Nur mit Hut ist man kein Spinner“) – und trägt am Ende gar den Federschmuck des Apachenhäuptlings. Spätestens da sind wir dann aber doch im Reich der Märchen angekommen… (KT, Klaus Braeuer, dpa)