Donnerstag, 19. Januar 2017, 22:19 Uhr

Renaissance für die Late Night Show im deutschen TV?

Es war einmal…: die Late Night Show. Mit Harald Schmidt hatte sie Hochkonjunktur in Deutschland. Derzeit redet kaum jemand von ihr. Aber nun haben Oliver Welke und Jan Böhmermann Bedarf angemeldet.

Sie galt über Jahre als Königsdisziplin im deutschen Fernsehen: die Late Night Show. Harald Schmidt prägte das Genre über zwei Jahrzehnte bis 2014. Mit intellektuellem Biss kommentierte er das Tagesgeschehen, machte sich über Politiker und Prominente lustig und wurde selbst zum Tagesgespräch. Als er 2009 nach all den Anfangsjahren bei Sat.1 aus einer kreativen Pause zurückkehrte und bei der ARD aufschlug, schalteten zur Premiere sechs Millionen Menschen ein – am späten Abend. Das schafft um die Uhrzeit heute nur noch das RTL-Dschungelcamp „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“

Vor kurzem meldeten nach langer Pause zwei Protagonisten Bedarf an, die etwas zu sagen haben: Jan Böhmermann (35) und Oliver Welke (50). „Ich hätte ohne Probleme Material, um dreimal die Woche Sendung zu machen“, sagte Böhmermann der Deutschen Presse-Agentur im Dezember. „Ich will im Fernsehen alt werden.“ Er könne seiner Mutter und seinen Großeltern beim besten Willen nicht erklären, warum seine Sendung nur einmal die Woche laufe. „Wenn schon Deutschlands bekanntester Alternative-Showmaster, dann wenigstens richtig. Der Anspruch meines Teams und mir lautet: weg von Twitter, hin zu einer lustigen werktäglichen Unterhaltungsshow am späten Abend.“

Weniger kess formuliert sein Kollege Oliver Welke die Begehrlichkeiten, aber auch er wünscht sich für Deutschland ein Late-Night-Format. „Es fehlt eine Show, die dir hilft, mit dem Tag abzuschließen“, sagte er im Interview mit der „Berliner Zeitung“. „In den USA gibt es diese Late-Night-Kultur seit Jahrzehnten.“ In Deutschland habe das Ziel nur Harald Schmidt erreicht. „Und danach ist es wieder eingeschlafen. Jetzt gibt es Böhmermann, aber nur einmal pro Woche.“ Und damit nannte auch Welke wieder den Namen, den viele nennen, wenn es um die Abrundung des späten Abends geht: Böhmermann. Sich selbst sparte er erst einmal ganz bescheiden aus.

Was ist passiert in Deutschland? Warum laufen die spätabendlichen TV-Formate mit hohem Wortanteil in den USA rauf und runter und bei uns kaum noch – sieht man einmal von Böhmermanns Satire-Auftritt einmal die Woche ab? Warum tragen TV-Talks nicht mehr zum Agendasetting bei, warum sind sie nicht Tagesgespräch? Hat das Medium Fernsehen seine Relevanz zu großen Teilen schon ans Netz verloren, also vielleicht nicht die Informationshoheit, aber zumindest die Kommentierung und Einschätzung des Nachrichtengeschehens?

„Im US-Fernsehen hat die Late Night Show eine lange Tradition“, sagt der Medienexperte Bernd Gäbler, der früher das Grimme-Institut leitete. „Sie ist fest institutionalisiert. So konnte auch der Übergang zu einer neuen Gastgeber-Generation nach David Letterman und Jay Leno funktionieren.“ – im Gegensatz zu Deutschland. Der redaktionelle Aufwand für eine Sendung, die Tag für Tag neue Ideen entwickeln müsse und ebenso einen bissigen Stand-up biete wie interessante Gäste, sei sehr hoch – für einen vergleichsweise kleinen Quotenertrag. „Eine tolle Late Night ist vor allem ein Imagegewinn der Sender.“

In den USA tummeln sich Entertainer und Moderatoren wie Trevor Noah, der mit seiner „Daily Show“ auf Comedy Central in die Fußstapfen von Jon Stewart trat, oder John Oliver mit „Last Week Tonight“ auf HBO, der mit seiner Anti-Trump-Comedy für Aufmerksamkeit sorgte. Als eine der wenigen Frauen ist Samantha Bee mit ihrem Format „Full Frontal“ (TBS) aktiv. Stephen Colbert gehört mit seiner „The Late Show“ fest zur Szene, auch der streitbare Bill Maher mit seiner wöchentlichen HBO-Show – nicht zu vergessen buntere Vögel wie Jimmy Fallon („The Tonight Show“), Jimmy Kimmel („Jimmy Kimmel Live“) und Seth Meyers („Late Night with Seth Meyers“).

Hat Deutschland denn wirklich keine Late-Night-Tradition? Es gab schon immer gesetzter wirkende Spät-Talks im TV. Late Night wie in den USA mit Talk, Klamauk und Biss nahm Fahrt kurz vor Harald Schmidts Start auf. Der damalige RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma verpflichtete 1992 Thomas Gottschalk, der gerade „Wetten, dass..?“ beim ZDF aufgegeben hatte, und wollte mit ihm den späten Abend erobern. Trotz guter Quoten entzweiten sich Thoma und Gottschalk, Thomas Koschwitz trat 1995 die Nachfolge an, hielt sich aber nicht allzu lange. Später versuchte vornehmlich Sat.1, das Genre auf breitere Füße zu stellen: Anke Engelke (2004) und Oliver Pocher (2009-2011) scheiterten an zu hohen Erwartungen und geringen Quoten.

Und was sagen die Experten zur Late-Night-Zukunft, vielleicht mit Welke und Böhmermann? „Die beiden kämen ebenso in Frage wie andere junge Fernsehjournalisten mit Humorkompetenz“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher. „Ein Late-Night-Gastgeber braucht große Bühnenerfahrung und eine natürliche Autorität“, erklärt Kollege Gäbler. „Schon Gottschalk und Koschwitz konnten das nicht, selbst die wunderbare Anke Engelke scheiterte. Talent Böhmermann drängt sich zwar in diese Rolle, er wirkt aber in seinem Humor zu ich-bezogen und ist in der Nische von ZDF.neo gut aufgehoben.“

Und Welke? Er könnte es vielleicht, sagt Gäbler, „ist aber – trotz seines guten Timings beim Moderieren – zu unerfahren als Stand-up-Comedian“. Vielleicht Joko Winterscheidt und Klass Heufer-Umlauf? Sie seien „doch weitgehend noch die Jungs, die auf dem Schulhof unerlaubte Sachen machen“, so Gäbler. „Ich sehe in der gegenwärtigen deutschen Fernsehlandschaft keinen potenziellen Host vom Format eines Harald Schmidt und keinen Sender, der das Risiko auf sich nehmen würde, eine Late Night mit viel Aufwand und großer Ausdauer herzustellen.“ (Carsten Rave, dpa)