Freitag, 20. Januar 2017, 18:24 Uhr

Gewaltdrama "Freistatt" im Fernsehen

Im Film „Freistatt“ erzählt Regisseur Marc Brummund vom Leben in einem sogenannten Erziehungsheim. Die Geschichte, benannt nach einer Einrichtung in Niedersachsen, weitet sich zum facettenreichen Historienbild.

Gewaltdrama "Freistatt" im Fernsehen
Foto: Edition Salzgeber

Brummund stammt aus der niedersächsischen Kreisstadt Diepholz. Manchmal lauern die Geschichten in der Nachbarschaft. Das Drama „Freistatt“ hat Brummund, der auch Mitautor des Stücks war, benannt nach einer diakonischen Einrichtung aus seiner Umgebung. Der Film, der 2015 in die Kinos kam, wird heute (20.15 Uhr) auf Arte gezeigt.

„Freistatt“ war auch der Name eines 1899 gegründeten Heims für „schwer erziehbare“ Jugendliche. Um sie geht es in Brummunds Film. Wolfgang (Shootingstar Louis Hofmann), die Hauptfigur, ist 14 Jahre. Um ihn herum gärt es im Sommer 1968, dem Jahr der Studentenunruhen. Selbst in der Kleinstadt, in der er aufwächst, brodelt es. Auch hier sehnen sich die jungen Leute nach Gedankenfreiheit.

Mutter Ingrid (Katharina Lorenz) und Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) verstehen den Jungen nicht. Heinz wittert unentwegt Ungehorsam und Missachtung seiner Rolle als Familienoberhaupt. Doch es gelingt ihm nicht, Wolfgang nach seinem Maß zu formen. Deshalb kommt der Junge gegen seinen Willen in die Diakonie Freistatt. Im Heim herrschen geradezu mittelalterliche Regeln der Unterordnung. Die Zöglinge müssen harte körperliche Arbeit verrichten, psychischer Terror ist an der Tagesordnung.

Doch Wolfgang will sich nicht unterkriegen lassen. Er widersetzt sich. Was dazu führt, dass er immer schlimmerer Drangsal ausgesetzt wird – nach dem Motto einer rücksichtslosen Pädagogik „Wer nicht hören will, muss fühlen“. Mit aller Macht soll ihm das Rückgrat gebrochen werden. Die Folgen sind dramatisch.

Gewaltdrama "Freistatt" im Fernsehen
Foto: Edition Salzgeber

Brummund erzählt die harte Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, in schnörkellosen Bildern. Die Gewalt, der die Jugendlichen ausgesetzt sind, ist allgegenwärtig. Da braucht es nur wenige Szenen, in denen die Brutalität der „Erziehung“ deutlich wird. Das vom bravourös agierenden Louis Hofmann angeführte Ensemble packt mit einem fast dokumentarisch anmutenden Spiel, das jeglichen denkbaren Anflug von Sentimentalität vermeidet. Durch die Präsenz der Akteure ist man als Zuschauer sofort mitten im Geschehen und emotional gepackt.

Noch heute aber gibt es Erwachsene, die Zucht und Ordnung für das A und O in der Erziehung halten. In der Diakonie „Freistatt“ mussten jahrzehntelang als „schwer erziehbar“ geltende Jugendliche ohne Entlohnung im Hochmoor Torf stechen. Vor einigen Jahren arbeitete im Auftrag von Bund und Kirchen der „Runde Tisch Heimerziehung“. Tausende Opfer physischer und psychischer Gewalt, oft auch von sexuellem Missbrauch, stellten als Folge des Runden Tisches mögliche Anträge auf Entschädigung.

Gewaltdrama "Freistatt" im Fernsehen
Foto: Edition Salzgeber

Brummunds Film wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Auf dem renommierten Festival Max Ophüls Preis in Saarbrücken bekam er zum Beispiel den Publikumspreis und den Preis der Jugendjury. Die Auszeichnungen sind auch eine Anerkennung dafür, dass das Werk nicht im zornigen Blick zurück verharrt: Subtil regt er zum Nachdenken darüber an, welche Wurzeln das Leben im heutigen Deutschland hat, was prägend war für die Generation der jetzt etwa 60-Jährigen, jener, die das gegenwärtige Leben hierzulande in entscheidendem Maß beeinflussen. (dpa)