Sonntag, 12. Februar 2017, 16:35 Uhr

The Divine Comedy: Einer der letzten großen Dandys spricht

Schräge Geschichten, Texte mit Augenzwinkern und elegante Melodien mit Streichern und Bläsern – das sind seit den Neunzigern die Zutaten für die Platten von The Divine Comedy. Hinter den kleinen Meisterwerken und faszinierend melancholischen Pop-Perlen steckt Neil Hannon (46)  – mit ca. 1,70m Körpergröße einer der letzten großen Dandys im britischen Pop.

The Divine Comedy: Einer der letzten großen Dandys spricht
Foto: PIAS

Mit „Foreverland“ hat er nach sechs Jahren Pause ein elftes Album herausgebracht und stellt es am Montag in Berlin vor und am Samstag drauf in Hamburg. In unserem Interview erzählt er von den Problemen des kleinen Mannes, Demütigungen eines Popstars und seiner grunzenden Mitbewohnerin Mrs. Wobbles.

Mr. Hannon, mit Ihrer Musik sind Sie seit vielen Jahren der Größte für mich. Trotzdem habe ich ein bisschen Sorge, dass Sie erst nach Ihrem Ableben so richtig berühmt werden.
Diese Sorge ist absolut berechtigt. Aber ich bin glücklich mit dem Level an Bekanntheit, den ich habe. Mitte der Neunziger war mehr Trubel um meine Person, das hat Spaß gemacht, aber dafür bin ich doch heute zu alt. Ich renne dem Ruhm auch nicht mehr hinterher, denn er will nicht gejagt werden. Ich bin ein kleiner Divine-Comedy-Mann, den einige Leute kennen, und das ist nett.

Sie messen 1,70 Meter. „Napoleon Complex“ heißt ein Song Ihrer neuen Platte. Singen Sie da über sich selbst?
Absolut. Ich hörte jemanden über den Napoleon Komplex reden. Die Theorie besagt, dass kleine Menschen dazu neigen, die Welt regieren zu wollen. Ich habe spontan an mich gedacht und an all die mikroskopisch kleinen Popstars, die wir seit Jahren kennen: an Prince, an David Bowie, der auch nicht sehr groß war, und an Bono, der liebenswürdig ist, aber genauso kurz wie ich. Das ist wohl auch schon unsere einzige Gemeinsamkeit.

Mit was kompensieren Sie Ihre Körpergröße?
Ich bin ein ziemlicher Kontrollfreak. Ich schaffe mir gerne mein eigenes Umfeld. Aus demselben Grund gehen Leute in die Politik oder gründen ihre eigene Firma: Sie wollen in die Situation kommen, wo sie anderen Leuten sagen können, was zu tun ist, anstatt selbst gesagt zu bekommen, was sie zu tun haben. In den seltensten Fällen ist Geld dabei der Antrieb. Es geht um Macht und darum, das Gefühl zu haben, dein eigenes Schicksal zu kontrollieren.

Dabei dachte ich zwischenzeitlich, wir hätten Sie an die Opern- und Musical-Welt verloren.
Das wird nicht passieren, auch wenn ich Spaß daran habe. Es sind dort zu viele Kompromisse mit den Theaterleuten einzugehen. Aber immerhin weiß man finanziell, wo man steht. Wenn ich ein Album aufnehme, bekomme ich gerade mal die Kosten dafür wieder rein.

Was ist dann überhaupt die Motivation, noch ein Album zu machen?
Mein Management sagt immer, es sei eine gute Werbung für die Tour. Und wie Sie schon so freundlich anmerkten: Es ist mein Geschenk an die Nachwelt! Wenn ich damit aufhöre, höre ich auf als Individuum zu existieren. So zufrieden wie ich mich fühle, wenn ich morgens ins Studio gehe und anfange zu arbeiten, erlebt man mich selten.

The Divine Comedy: Einer der letzten großen Dandys spricht
Foto: PIAS

Mein Lieblingslied der Platte ist „A Desperate Man“: Ein filmischer, dynamischer Song, bei dem ich einen Mann vor meinem inneren Auge sehe, der rennt.
Der Song ist wie ein Herz-Kreislauf-Workout. Es war ein Experiment und sehr untypisch für mich, etwas nur über das Arrangement und weniger über das Songwriting aufzubauen. Ich habe durch die Arbeit am Theater und besonders das Hören von Klassik viel über Arrangements gelernt. Warum ich mir aber das Thema Laufen ausgesucht habe, ist mir ein Rätsel. Ich bin die unfitteste Person überhaupt.

Dabei dachte ich, Kricket sei Ihr Sport?
Ich habe 2009 ein Konzeptalbum über Kricket unter dem Namen The Duckworth Lewis Methodveröffentlicht und schau mir gerne Spiele an. Ich habe versucht, es selbst zu spielen, aber bin talentfrei. Jüngst fing ich also mit dem Laufen an. Es ist mir viel zu peinlich, als dass ich es öffentlich tun würde. Zum Glück haben wir ein großes Grundstück auf dem Land nahe Dublin. Ich renne also immer ums Haus herum. Ein Teil führt über ein Feld mit hohem Gras – das ist schon fast Crosslauf und harte Arbeit. Und es ist eine erstaunlich lange Strecke. Besonders für einen kleinen Mann wie mich mit winzigen Schritten.

Beschreiben Sie da gerade das „Foreverland“, nachdem Sie Ihr neues Album benannt haben?
Auch. Wir alle suchen nach dem Fürimmerland. Aber es ist für jeden unterschiedlich; es kann ein Ort, eine geistige Verfassung oder eine Beziehung sein. Das weiß man erst, wenn man es gefunden hat, und man nicht mehr weg will. Es hat Jahre bei mir gedauert, aber nun habe ich diesen mystischen Ort entdeckt. Was natürlich damit zu tun hat, dass ich meine Seelenverwandte Cathy (Davey, eine irische Musikerin, Anm. d. Red.) gefunden habe. Wir sind für ein gemeinsames Leben bestimmt. Ich huldige ihr in dem Song „Catherine The Great“. Nur 50 Prozent des Textes basieren auf der echten Katharina, der Großen – wenn auch historisch inakkurat.

Ihr dazugehöriges Kostümvideo hat mich an Adam Ant erinnert.
Oh, ich war so großer Fan in den Achtzigern! Im Alter von 12 haben seine Videos zu „Stand & Deliver“ und „Prince Charming“ mich beflügelt. Die Sache, die ich am meisten an der modernen Popmusik vermisse, ist diese Art von Spaß: sich aufzurüschen und ein bisschen mehr danach auszusehen, dass man Freude bei alledem hat. Das ist Entertainment! Adam Ant ist dafür ein perfektes Beispiel. Heutzutage bemühen sich Musiker zu sehr um Coolness. Sie demütigen sich selbst zu wenig. Deshalb mein Kostüm-Video, was für mich ein gewisses Maß an Peinlichkeit beinhaltet.

The Divine Comedy: Einer der letzten großen Dandys spricht
Foto: PIAS

Weinen Sie den großen Popstars nach?
Obwohl ich Prince bewundert habe und ein riesiger Bowie-Fan war, finde ich es sehr befremdlich, wenn Leute öffentlich um jemanden trauern, den sie nie kennengelernt haben. Ich habe Bowie zwar mal kurz getroffen, aber wirklich weinen muss ich eher, wenn ich einen paralysierten Hund auf Stützrädern sehe. Oder einen Hund, der wertvolle Arbeit im Krankhaus oder bei der Polizei leistet. Aber ich komme eh besser mit Hunden und Schweinen zurecht als mit Menschen.

Haben Sie welche?
Wir haben fast alles: Hunde, Hühner, Schweine, Esel, Pferde. Meine Freundin ist Tierretterin, und ich unterstütze das voll. Als Fred, Penelope und Mrs. Wobbles bei uns einzogen, wurde ich darin bestätigt, dass Schweine genauso klug und toll sind wie Hunde. Das sollten die Menschen wissen.

Dem britischen Comedian Ricky Gervais wird gerne vorgeworfen, dass er sich mehr für Tiere einsetzt als für Menschen.
Ich finde es wundervoll, dass er sich nicht zurückhält. Gerade in diesen Zeiten ist es oft so, dass Menschsein über allem steht. Aber das ist nicht meine Überzeugung. Für mich sind wir nur eine Spezies von vielen. Und wir sind nicht mal eine besonders gute.

Interview: Katja Schwemmers